24. Juni – Brunos Hündin

Heute Abend machte ich einen schönen Spaziergang übers Feld und dann durch den Wald. Aber schon am Waldrand lief plötzlich eine schwarze Hündin mit weißen Pfoten, weißer Schwanzspitze und kecken, weißem Kragen auf mich zu. Ich schaute mich um, weit und breit kein Mensch zu sehen. Da ich nicht wollte, dass die Hündin mich mit staubigen Pfoten ansprang, rief ich: „Aus“. Und sie setzte sich brav vor mich und schaute mich erwartungsvoll an.

„Wer bist du denn?“, fragte ich und tätschelte der Hündin vorsichtig den Kopf. Das schien ihr nicht ganz so gut zu gefallen, denn sie schüttelte sich, sprang auf und ging vor mir den Weg entlang, dem ich auch gerade folgte.

Na ja, dachte ich mir, sie macht wohl auch gerade ihren Abendspaziergang. Jedenfalls kann die nicht mit mir nach Hause. Ich will mich jetzt nicht noch um einen Hund kümmern.
Also ging ich weiter und die Hündin trabte mir voran. Dann blieb sie stehen und schnüffelte. Ich gewann einen Vorsprung. Sie eilte mir wieder nach. Die Hündin wollte abbiegen. Ich ging geradeaus. Die Hündin machte einen Schlenker – geradeaus.

So ging das eine ganze Weile. Ein Auto fuhr vorbei. Ich ging nach rechts, die Hündin nach links. Ein Fahrradfahrer kam uns entgegen und fuhr zwischen uns hindurch. Dann bog ich rechts ab und die Hündin folgte mir. Hier war der Wald besonders dicht, nur noch spärlich drangen die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach. Ich schob meine Sonnenbrille hoch und sagte:

„Machen das jetzt Hunde auch schon wie Katzen, sich einfach ihr Herrchen aussuchen?“ Die Hündin scharwenzelte von meinen Worten unberührt durch das Dickicht am Wegesrand und setzte sich alle paar Meter zum Markieren nieder.

„Was würdest du sagen, wenn ich das andauernd machen würde?“, fragte ich. Plötzlich sah ich einen orangenen Fleck auf uns zukommen. Nach einer Weile erkannte ich eine Frau mit einem kleinen zotteligen Irgendwas-Terrier. Beunruhigt schielte ich zu der Hündin hinüber, die den anderen Hund anscheinend noch nicht bemerkt hatte. Genüsslich beschnüffelte sie das Grün am Wegesrand und pinkelte auf einen heruntergefallenen Ast. Auch als die Spaziergängerin näher kam, blieb sie desinteressiert. Wahrscheinlich nahm sie den kleinen Köter nicht weiter Ernst. Von dieser Entwicklung beruhigt, sprach ich die Spaziergängerin an:

„Sagen Sie mal, kennen Sie diesen Hund? Der läuft mir dauernd nach.“

„Ach, ich dachte, das wäre ihr Hund.“

„Nein, nein!“ – und falls er ihren kleinen Hund anfällt, ist es nicht meine Schuld.

So ging ich weiter und die Hündin trottete neben mir her. Manchmal lief sie auch voraus. Auf jeden Fall fühlte auch ich, dass wir zusammengehörten. Dann bog ich auf einen kleinen Pfad ab. Der war durch eine große, hölzerne Umlaufsperre gesichert, damit Fahrradfahrer absteigen müssen. Aber auch die Hündin blieb ratlos stehen.

„Komm“, sagte ich, „hier entlang“, und wartete auf sie. Schließlich fand sie den Weg um die Holzbalken herum und wieder trotteten wir gemeinsam. Die Hündin lief meistens voraus und drehte sich nur um, wenn ich knackend auf einen Zweig trat.

Eigentlich wollte ich die große Runde machen, die mich noch ein Stück über Feldwege, dann am Rand einer Ortschaft entlang und über die Kreisstraße geführt hätte. Aber die Hündin hechelte schon genug von der Hitze. Also nahm ich einen kleinen Trampelpfad im Waldesinnern.

Dort war es schattig und kühl und es gab viel zu schnüffeln. Einträchtig gingen wir. Wenn der Weg besonders schlammig war und ich ein möglichst trockenes Durchkommen suchte, wartete die Hündin auf mich. Wenn sie irgendwo besonders intensiv die Nase in den Waldboden steckte und ein bisschen wühlte, wartete ich.

Schließlich kamen wir wieder an unserem Ausgangspunkt an. Dort joggte uns eine Frau mit einer großen, freilaufenden Dogge entgegen. Als sie uns sah, legte sie ihrem Hund die Leine an.

„Entschuldigung“, sagte ich, „kennen Sie diesen Hund?“

„Ach“, rief die Frau, „ich dachte, das wäre ihrer! – Ach ne, das ist ja Brunos Hündin!“

Eilig leinte sie ihren Hund wieder ab.

„Dann mach ich meinen aber los, denn meine Zitta kann sie nicht leiden.“

Und tatsächlich, als die Frau mit dem Hund vorbei war, rannte die Hündin plötzlich hinter den beiden her und bellte und knurrte. Das war ja die Gelegenheit, mich schnell und heimlich aus dem Staub zu machen. Also ging ich schnell Richtung Heimat. Aber vergebens, ich hörte eilige Trippelschritte hinter mir. Ich blieb stehen.

„Aus!“ Die Hündin setzte sich hin und schaute mich erwartungsvoll an. Ich tätschelte ihren Kopf.

„Das war ein schöner Spaziergang, aber jetzt musst du nach Hause.“

Dann ging ich weiter, die Hündin hinterher. Ich hob die Hand in Gegenrichtung und sagte in scharfem Ton:

„Los, geh heim, los!“

Da ließ die Hündin die Ohren hängen, wandte sich um und trottete nach Hause. Ich schaute mich noch oft nach ihr um. Aber sie schaute nicht zurück. Kein einziges Mal.

6. Juni – Sängerwettstreit

Sabine schnürt die festen Schuhe und schleicht sich am frühen Morgen aus dem Haus. Mann und Kinder schlafen. Endlich aufatmen, ein bisschen gestohlene Zeit nur für sie allein.

Hinter dem Haus überquert sie eine frisch gemähte Wiese und läuft über die Feldwege Richtung Wald. Obwohl es so früh ist, wärmt die Sonne sie. Und Sabine ist froh, dass sie Sonnencreme auf Gesicht und Arme aufgetragen hat. Im Schatten des Waldes ist es noch kühl. Und die Vögel singen lauthals um die Wette.

In weiter Entfernung hört Sabine ein „Schuhuhuuuhuuu“, zwei Mal. Aber dann wird es vom Pfeifen und Tirilieren und Jubeln aus allen Richtungen übertönt. Was gäbe Sabine darum, wenn sie die Vögel verstünde.

Vielleicht rufen sie sich zu: „Schaut mal eine Menschenfrau! Was will die so früh hier? Warum stört sie uns? Wer traut sich, ihr auf den Kopf zu scheißen?“

Aber vermutlich, überlegt Sabine, kümmern die Vögel sich kein bisschen um mich.
Sie pfeifen und singen, weil das Leben in ihnen einen Druckausgleich sucht wie bei einem Dampfdrucktopf, weil das Leben immer einen Ausdruck sucht.

Und voller Inbrunst stimmt Sabine ein.