22. April – Gerhard und Paul

Gerhard und Paul saßen in ihrem Pfau, auf der Ladefläche zwei 150er Abwasserrohre. Mit mäßiger Geschwindigkeit zockelten sie über die Kieswege des Parks, der gerade für den Sommer fein gemacht wurde.

Auf der Aussichtsplattform am Aquädukt hatten sie einen Zugang zum Wassergraben ausgehoben. Der war jetzt mit einer Europalette abgedeckt und natürlich eingezäunt, dass kein Parkbesucher dort hineinstürzte.

Als sie dort ankamen, saßen zwei Parkbesucher auf der schmalen Bank direkt neben der Baustelle. Augenscheinlich ein Paar, sie unterhielten sich über Arbeit, vielleicht doch nur Kollegen.

Gerhard sagte freundlich „Guten Tag!“

Paul schob sich einfach an ihnen vorbei. Er lehnte es ab, von Besuchern Notiz zu nehmen. Die lebten in einer anderen Welt, ruhten sich aus, ergingen sich im Park.

Paul arbeitete, war im Dienst. Am besten man bemerkte ihn gar nicht.

Umständlich räumte Gerhard die Abzäunung weg, hob die Europalette hoch und stellte sie zur Seite.

Paul kletterte derweil über die Basaltmauer, um von der anderen Seite an den Abfluss zu gelangen. Gerhard reichte ihm das 150er Rohr.

Aber der Durchmesser war zu groß. Paul gab es zurück und machte sich wieder auf den Weg über die Mauer, lief sofort zum Pfau, stieg ein, ließ den Motor an. Gerhard warf zuerst das Rohr auf die kleine Ladefläche. Es ragte nach hinten mindestens einen halben Meter über.

Dann kam er zurück, legte wieder die Europalette über die Grube. Dann schob er die Absperrung davor. Immer wieder beobachtet von der Frau, die währenddessen aber ständig weiter mit ihrem Begleiter sprach.

Ein letztes Kopfnicken.

Gerhard setzte sich zu Paul ins Auto. Mühsam fuhr der Minitransporter an und quälte sich über die Anhöhe davon.

21. April – Der gebrannte Mann

Torben ist der gebrannte Mann. Er scheute das Feuer, nun nicht wirklich das Feuer, sondern die Frauen. Erst hatten sie ihn gezwungen, sich beim Pinkeln zu setzen, zu lernen, wie man die Wohnung putzt und Klamotten wäscht und auch noch über seine Gefühle zu reden. Und das verlangte nun wirklich sehr viel Phantasie.

Immer wieder musste er Frauenzeitschriften wälzen, um zu erfahren, was Frauen darunter verstanden und von ihm erwarteten. Und die Krönung war, dass sie ihn dann Weichei und Heulsuse nannten und einfach sitzen ließen.

Also hockte er nun allein mit seinem Bier vor dem Fernseher und ärgerte sich, dass er völlig ohne Nörgelei sämtliche 500 Programme rauf- und runterzappen konnte.

Was war das Leben denn noch Wert ohne eine Frau an seiner Seite, die sich ständig über zusammengeknüllte Socken unterm Bett und lange Abende mit Freunden in der Kneipe aufregte.

Torsten ging auch schon gar nicht mehr weg. Jetzt musste er ja nicht mehr.
Dass er Putzen und Waschen gelernt hatte, zahlte sich natürlich aus.

Aber das mit den Gefühlen, das war echt das schlimmste.

Jetzt waren die einfach manchmal da.

Keine Frau weit und breit, um zu demonstrieren, wie feinfühlig er war.

Aber trotzdem Heulkrämpfe, Wutanfälle und ins Kissen beißen.

Was sollte so ein Mann jetzt machen?

20. April – Recherchefahrt

Die Recherchefahrt für meinen aktuellen Roman führte mich in die Bretagne. Meine Französischkenntnisse habe ich seit dem Schulunterricht in der neunten Klasse nicht mehr aufgefrischt. Mein Englisch habe ich mir mehr schlecht als Recht selbst beigebracht. So kam ich mir schon sehr abenteuerlich vor, als ich in die Fremde aufbrach.

Es lief alles prima, bis ich in dem Ort ankam, in dem sich meine Unterkunft befinden sollte. Leider war weit und breit keine Madame Rose aufzutreiben, bei der ich per Internet ein Zimmer reserviert hatte.

Nachdem ich eine Weile in dem kleinen Ort kreuz und quer gefahren war, fragte ich schließlich einen Einheimischen.

„Pardon Monsieur, je cherche la maison de Madame Rose. Could you help me, please“, und zeigte auf die Adresse meiner Reservierungsbestätigung.

Dann folgte ein Redeschwall, von dem mir immerhin ein paar Worte bekannt vorkamen.
„…garage… a gauche… a droite“, dabei tanzte seine rechte Hand durch die Lüfte und ich betrachtete sie fasziniert.

Als er aufgehört hatte zu sprechen, sah er mich erwartungsvoll an und ich nickte, als hätte ich ihn verstanden.

Dann spuckte er schon wieder eine Reihe von Silben aus. Und nach einer Schrecksekunde formte sich in meinem Hirn eine Ahnung, wohin diese Unterhaltung führen sollte.
„Oh, non, non! I come from Deutschland, Germany, Allemagne!“

Da freute sich der Herr und strahlte übers ganze Gesicht.

Nach einer Weile wurde mir klar, dass er von der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland sprach. Glaubte ich jedenfalls.

Vielleicht aber auch davon, dass er Kohlköpfe anpflanzt und abends gerne eine Halbe Roten trinkt.

„Thanks a lot for your help. Very nice to met you. Merci beaucoup, au revoir!“
Dann setzte ich mich wieder in meinen Citroën, versuchte mich, einen Augenblick völlig vom Verstehen wollen zu befreien und einfach zu wissen, wohin ich jetzt fahren musste.
Es war dann in der Tat auch ganz leicht.

An der Autowerkstatt links abbiegen, dann geradeaus und nach einem halben Kilometer rechts in die gesuchte Straße.

Madame Rose erwartete mich bereits.

Wenn das weiter so gut läuft, fahre ich nächstes Jahr nach China.

19. April – Der Baum der Glückseligkeit

Die Herolde des Königs machten im ganzen Reich bekannt, dass derjenige, der den sagenhaft Baum der Glückseligkeit finden würde und ihm eine Frucht von diesem Baum bringen würde, seine Tochter heiraten dürfe und sein Nachfolger im Herrscheramt sein würde. Das hörte Josefine, kurz auch Jo oder Fine genannt. Die dachte bei sich: „Das wäre doch genau das Richtige für mich.“

Außerdem fand sie die Prinzessin sowieso immer schon so nett und ein Königreich regieren könnte doch auch Spaß machen, auch wenn es nur so klein ist wie das hiesige. Also machte sich Josefine auf den Weg, um den sagenhaften Baum der Glückseligkeit zu finden.

Dabei traf sie viele junge Männer, die sich ebenfalls auf den Weg gemacht hatten. Die lachten Josefine aus. Wie wollte denn ein Mädchen solch eine schwere Aufgabe bewältigen. Und dann auch noch die Prinzessin heiraten, das gab es schon gleich gar nicht. Aber Josefine schalt sie nur Dummbeutel und ging weiter ihres Weges.

Die jungen Männer schwärmten aus in alle Gärten der Welt, um den Baum der Glückseligkeit zu finden. Aber Josefine vertraute einfach ihrem Glück. Ihr schien das die richtige Methode den Baum der Glückseligkeit zu entdecken. Und so zog sie durch die Welt.
Schließlich kam sie in einen großen Wald, der war ganz dicht und unheimlich. Kaum ein Licht drang durch das dichte Blätterdach auf den Boden des Waldes, der ganz mit Moosen und Farnen überwuchert war. Josefine konnte kaum erkennen, wo sie ihre Füße hinsetzte.

So lief sie einen ganzen Tag durch diesen Wald und es war immer noch kein Ende in Sicht. Da wurde es ihr doch unheimlich und sie kletterte in die Astgabel eines großen Baumes, weil ihr das für die Nacht sicherer erschien. Sie aß noch ein wenig von ihrer Wegzehrung und schlief erschöpft ein.

Gegen Mitternacht wurde sie wach und hörte leise Stimmen unter dem Baum. Sie wollte sich schon beschweren, weil die Stimmen sie aus so einem wunderschönen Traum geweckt hatten. Aber dann blieb sie still und hörte zu.

„Da kommt doch nie einer drauf, dass der Baum der Glückseligkeit einfach so hier mitten im Wald steht zwischen tausenden anderer Bäume“, sagte die eine Stimme.

„Ja“, stimmte die andere Stimme zu, „aber das ist doch traurig. Ich finde, der König hat es verdient ein Stück von der Frucht des unsagbaren Glücks zu naschen.“

„Ach ja?“, sagte die andere Stimme. „Der ist ja so dumm und denkt, der Baum der Glückseligkeit wäre ein Apfelbaum oder ein Pflaumenbaum oder sowas. Menschen sind doch einfach zu dumm.“

„Da hast Du natürlich Recht,“ stimmte die andere Stimme zu. „Aber wer käme auch darauf in einer uralten Eiche mitten im Wald den Baum der Glückseligkeit zu vermuten?“
„Ich sage ja, Menschen sind dumm. Die sehen eben gar nichts, auch wenn sie es direkt vor den Augen haben.“

Josefine spitzte die Ohren. Aber leider sagte keine der Stimmen, woran sie denn nun den Baum erkennen könne. Eichen gab es viele hier im Wald. Schließlich schlief Josefine wieder ein.

Am Morgen wurde sie vom Gesang der Vögel geweckt. Aber im Wald herrschte wieder das dämmrige Zwielicht. Was sollte Josefine jetzt tun? Sie konnte natürlich ewig in diesem Wald herumirren auf der Suche nach dem Baum der Glückseligkeit. Und vor allem, wie wollte sie denn herausfinden, dass es wirklich der richtige Baum war. Das konnte sie doch nur, wenn sie die Früchte aß. Aber von jedem Baum die Eicheln kosten, das war dann doch etwas zu viel verlangt.

Als sie noch so dasaß und grübelte, kam plötzlich ein Waldmensch zu ihr und sagte: „Suchst Du den Baum der Glückseligkeit?“ Josefine nickte.

„Ja, das tue ich. Kannst Du mich denn dort hinführen?“ Der Waldmensch wackelte lustig mit seinem Kopf von einer Seite zur anderen. Dabei berührte er mit seinen großen Ohren fast seine Schultern. Josefine musste lachen.

„Schau, was ich kann“, rief sie und machte eine alberne Fratze. Da lachte der Waldmensch auch. So alberten die beiden eine Weile herum.

Schließlich sagte der Waldmensch zu Josefine: „Du bist schon auch ein bisschen dumm, aber weil wir so nett miteinander gelacht haben, sage ich es Dir. Du bist schon da. Der Baum der Glückseligkeit ist genau hier.“

„Oh“, sagte Josefine und schaute den Baum an, in dem sie die Nacht verbracht hatte. „Hätte ich ja auch drauf kommen können.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Danke, dass Du es mir gesagt hast“.

Nun lachte der Waldmensch und streckte ihr zum Abschied die Zunge heraus, bevor er verschwand. Da sammelte Josefine einen ganzen Beutel Eicheln auf und eine schälte und probierte sie. Das schmeckte gar nicht so schlecht, wie sie erwartet hatte. Wow, und die Wirkung war auch erstaunlich.

Ein solches Glücksgefühl kannte noch nicht einmal die stets gut gelaunte Josefine. Ohne lange zu überlegen, schlug sie den richtigen Weg ein, um aus dem Wald hinaus zu finden. Dann zog sie weiter Richtung Heimat. Schließlich kam sie beim König an. Der war es schon langsam leid, ständig irgendwelches Obst zu kosten, dass nun wirklich rein gar keine Glückseligkeit bei ihm hervorrief.

So war der König auch nicht begeistert, als Josefine vor ihm stand und behauptete den Baum der Glückseligkeit gefunden zu haben. Und dann sollte die Frucht auch noch eine Eichel sein. War er denn ein Schwein, dass er so etwas probieren sollte.

„Dann gib die Frucht doch einem Deiner Diener zu essen“, schlug Josefine vor. Und darauf ließ der König sich ein.

Doch kaum hatte der Diener die Eichel verzehrt, da strahlte geradezu das Glück aus all seinen Poren. Er schwebte mindestens 10 Zentimeter über dem Boden, so glücklich war er. Da fielen dem König fast die Augen aus dem Kopf und er konnte gar nicht schnell genug eine weitere Eichel verlangen, um sie selbst zu probieren.

Da gab Josefine ihm den Beutel mit den Eicheln. Und der König futterte sie eine nach der anderen auf. In all der Glückseligkeit machte es ihm dann gar nichts aus, Josefine seine Tochter zur Frau zu geben und abzudanken. Aber ach, die Früchte der Glückseligkeit waren allzu schnell aufgezehrt.

Da hungerte den König nach mehr, so bekniete er Josefine, ihm den Weg zu verraten. Und die zierte sich keine Sekunde und beschrieb ihm genau, wie der den Baum der Glückseligkeit finden könne. Der abgedankte König zog aus in die Welt und kam niemals mehr wieder. Manche glauben ja, dass er den Baum niemals gefunden hat.

Und wahrscheinlich ist das ohnehin nur ein albernes Märchen.

18. April – Wieder auf null

Wieder auf null. Am Morgen ist Steve immer besonders unleidlich. Morgenmuffel nennt man so etwas. Keiner sollte ihn ansprechen, bevor er nicht seinen ersten Kaffee intus hat. Besser ist es, die zweite Tasse Kaffee abzuwarten. Danach ist er wie ausgewechselt, den ganzen Tag über der netteste Mensch der Welt, zuvorkommend, charmant, hilfsbereit. Aber wundere Dich nicht, wenn er Dir morgens in die Hand beißt, falls Du ihm zu nahe kommst.

Leider blieb mir heute Morgen nichts anderes übrig. Steve hatte das Auto als letzter und als ich einstieg und starten wollte, sprang der Wagen nicht an, die Tankanzeige stand auf null.
Wir haben schon oft diskutiert. Der Wagen muss aufgetankt wieder zurückgegeben werden. Das geht doch nicht, dass ich Volltrottel jedes Mal Diesel aus dem Reservekanister in den Tank füllen muss, um zur nächsten Tankstelle zu kommen.

Aber dann der nächste Schock. Reservekanister auch leer. Den hatte ich gefüllt, ganz sicher, beim letzten Mal. Ich also rein und Steve angemault.

Er hatte noch nicht einmal die Kaffeemaschine eingeschaltet, wirkte sowieso sehr verquollen, die Augen ganz rot, die Haare standen in allen Richtungen ab. Das war sicherlich spät und auch feuchtfröhlich gestern.

Dabei hatten wir ebenfalls ausgemacht, dass nüchtern bleibt, wer den Wagen fährt. Immer und unter allen Umständen. Anscheinend hielt nur ich mich an die Abmachungen.
Wenn ich Recht überlegte, dann war auch ich es, der diese Abmachungen aufstellte. Die anderen schwiegen nur immer diskret und taten dann, was sie wollten, und verließen sich wie immer darauf, dass ich mein Auto weiter der Allgemeinheit zur Verfügung stellen würde.

Nun gut, ich sagte also: „Der Tank ist leer. Hättest Du gestern nicht noch tanken können?“
Da flippte Steve aus, warf die Kaffeemaschine an die Wand, der halbdurchgelaufene Kaffee spritzte an die Wände, die Splitter der Glaskanne flogen mir um die Ohren und die Plastikteile schüttele ich jetzt noch aus den Aufschlägen meiner Hose.
Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass ich einen Coffee to go mitbringe, wenn ich den Diesel von der Tankstelle hole.

Und ich muss unbedingt daran denken, nach der Arbeit noch Wandfarbe zu besorgen, die Küchenwände brauchen sowieso einen neuen Anstrich.

Die neue Kaffeemaschine liegt auch schon im Kofferraum.

17. April – Hügelgrab

Silbernes Mondlicht lässt das Gras aufleuchten und die Erde in tiefer Schwärze verschwinden. Sebastian zieht an seiner Zigarette und schaut auf die Uhr. Claudia wollte längst hier am Hügelgrab sein. Ob sie verpennt hat?

Ungeduldig tritt er von einem Fuß auf den anderen. Das ist schon ganz schön unheimlich hier draußen. Sicherheitshalber ist Sebastian nur bis zum Feldrand gegangen und hat nicht den Hügel erklommen, wo sich das uralte Hünengrab wie ein steinerner Altar gegen den Nachthimmel abzeichnet.

Bewegte sich das was in der Schwärze?

Das bildete er sich bestimmt nur ein.

Wo blieb denn Claudia? Schließlich war das ihre Idee gewesen mit dem Treffpunkt und der Mutprobe.

Oder hatte sie das gar nicht Ernst gemeint und krümmte sich vor Lachen bei der Vorstellung, dass er sich wie ein Vollidiot mitten in der Nacht einen abfror.

Da ist doch ein Geräusch. Irgendwo knackt es.

Vielleicht ein Tier im Gebüsch.

Es gab ja keine Geister. War ja alles nur Einbildung. Schon merkwürdig wie die Sinne sich bei Dunkelheit verschärften.

Sebastian steckt sich noch eine Zigarette an. Plötzlich beginnt in der Ferne ein Hund zu bellen, dann noch einer und noch einer. Unter dem Hügelgrab bewegt sich was.

Er hätte doch eine Taschenlampe mitbringen sollen. Mist. Ob er mit dem Feuerzeug auch genug sehen konnte.

Vorsichtig nähert sich Sebastian dem Grab. Vielleicht ist das ein Tier oder er bildet sich das nur ein. Klar. Er ist es nicht gewohnt nachts draußen rumzulaufen.

Als Sebastian schon fast unter dem Dachstein steht, entzündet er sein Feuerzeug und blickt in eine schrecklich verzerrte Fratze. Er schreit laut auf. Das Feuerzeug erlischt und die Hunde hören schlagartig auf zu bellen.

Ein paar Minuten später irrlichtert ein Taschenlampenstrahl über das Feld und nähert sich langsam dem Hügelgrab. Es liegt verlassen da und wirft einen langen Schatten im Mondlicht.

„Sebastian, Sebastian!“, ruft Claudia gedämpft. Und leuchtet unter den großen Stein, umrundet das Hügelgrab, leuchtet ins Gebüsch. Kein Mensch da.

„Mist! Hab ihn verpasst.“

Unschlüssig steht sie noch einen Moment da, macht sich schließlich auf den Weg nach Hause.

16. April – Heilige Schildkröten

Heilige Schildkröten. „Sie kommen, sie kommen!“

Lange hatten wir den Besuch der Delegation aus Polynesien vorbereitet. Aber jetzt: Herbert und ich schauten uns an. Er wirkte ein bisschen enttäuscht; denn statt Eingeborenen mit bunten Trachten und aufwändigem Kopfschmuck entstiegen ganz normale Menschen in westlicher Kleidung dem Flugzeug.

Natürlich sie hatten eine andere Hautfarbe, für uns ungewohnte Gesichtszüge. Aber wir hatten doch etwas spektakulär Fremdartiges erwartet. Und nun kamen die wie wir daher. Kein Speer, keine Trommel, nichts Exotisches.

Die Begrüßung war dennoch herzlich von beiden Seiten. Vielleicht – so überlegte ich dann – waren die Polynesier auch enttäuscht, weil wir keine Trachten trugen, keinen Gamsbarthut und die Kinder keinen Schuhplattler aufführten, sondern ein einfaches Lied zum Willkommen anstimmten.

Ein kleines, blondes Mädchen überreichte dann einen Blumenstrauß. Der Übersetzer flüsterte dem Delegationsleiter etwas zu. Dann ging es ins Ministerium, später dann in die Universität und zur Besichtigung der Photovoltaikanlagen-Produktion.

Am Abend war ein großer Empfang geplant. Ich weiß nicht, wer das Menü zusammengestellt hatte. Vielleicht der Minister persönlich, wahrscheinlich eher seine Sekretärin. Jedenfalls nahm mich der Übersetzer beiseite, sobald er den Menüplan zufällig und glücklicherweise etwas früher zu Gesicht bekommen hatte.

Er zeigte auf die Suppe – Schildkrötensuppe – das äßen Polynesier nicht. Bei Ihnen sei das tabu. Unsere Gäste würden das als Beleidigung auffassen und sicherlich geschlossen den Tisch verlassen.

Ich hatte keine Zeit, lange zu überlegen. Herbert sollte diskret den Minister und seine Mitarbeiter informieren. Ich selbst sauste in die Küche.

Der Koch war beleidigt. Er hatte jetzt doch 60 Portionen Schildkrötensuppe vorbereitet. Das sei mir gleichgültig, die solle er einer anderen Gesellschaft auftischen und Ersatz beschaffen.

Wir einigten uns schließlich auf eine weiße Tomatensuppe. Aber die Harmonie des Menüs sei nun im Eimer. Doch darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen.

Die sorgfältig auf Büttenpapier gedruckten Menükarten mussten wir ebenfalls verschwinden lassen. Wir baten den Oberkellner, stattdessen die einzelnen Gänge anzusagen.

Vielleicht ging dieses Verhalten als kulturelle Eigenart der Deutschen durch.

Das Mahl ging glatt über die Bühne, danach wurde noch ein typischer Tanz der Ureinwohner aufgeführt. Ab da schien Herbert sichtlich erleichtert.

Mit Dank an Herrn Urban, der etwas Ähnliches erlebte und mir so die Grundidee zu dieser Geschichte lieferte.

15. April – Eduard, der Rüpel

„Wer ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten“, rief Eduard und lachte.

Nur wollte Lisa sich nicht krümmen, erst Recht kein Häkchen sein und lustig fand sie das auch nicht. Nein sie heulte und wütete. Niemals würde sie tun, was Eduard von ihr verlangte. Nie, nie, nie.

Aber er hielt ihr mit seiner großen, starken Hand den Arm auf den Rücken gedreht und verlangte nochmal von ihr, den Regenwurm endlich runterzuschlucken, den er mit der anderen Hand vor ihr Gesicht baumeln ließ.

Lisa versuchte Eduard zu treten, aber er sah es kommen und wich ihr aus.

Dann brüllte sie wieder: „Laß mich los, Du Saubatz, Du Ekel. Der Teufel soll Dich holen!“
Aber es half alles nichts, immer wieder versuchte Eduard ihr den Regenwurm in den Mund zu stopfen und Lisa kniff wieder den Mund zusammen, damit es ihm nicht gelang. Und wand sich wieder und brüllte.

Dann endlich öffnete sich ein Fenster und die Maier aus dem dritten Stock schimpfte: „Was macht Ihr Drecksluder für einen Lärm, dass man sein eignes Wort nicht mehr versteht! Eurem Vater sag ich das, dann setzt’s was!“

Augenblicklich ließ Eduard Lisa los, der Regenwurm flog in hohem Bogen ins Gras und Lisa flitzte raus aus dem Hof auf die Straße und wischte sich dabei die Tränen aus den Augen.
Sollte der Papa Eduard doch zeigen, wie man sich krümmte. Das geschah ihm ganz recht.

14. April – Die Weberin

Eine Weberin saß an ihrem Webstuhl und webte einen Teppich. Das Muster webte sie so, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. Die hatte es wiederum von ihrer Mutter gelernt, die von ihrer und so fort. Seit langen Generationen webten die Frauen in diesem Tal Teppiche mit dem immer gleichen Muster.

Sie waren weit über die Lande berühmt für diese wunderbaren Teppiche und das von alter Zeit her überlieferte Muster. Aber plötzlich fiel der Frau das Weberschiffchen aus der Hand und sie konnte keinen einzigen Faden mehr durch die Kettfäden schießen. Sobald sie das Schiffchen wieder aufnehmen wollte, entglitt es sofort wieder ihrer Hand.

Da ging die Frau vor die Tür ihres Hauses und schaute sich um. Das Tal hatte sich verändert. Als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte es in dem Tal satte Weiden und grüne Wiesen gegeben, es hatte Felder gelb von Korn und Obstbäume voll von Früchten gegeben.
Aber jetzt war aus dem mächtigen Fluss, der einst das Tal durchschnitten hatte, ein jämmerliches Rinnsal geworden. Die Bäume waren verdorrt, die Felder staubig und die Menschen gebeugt. Kein helles Kinderlachen war mehr zu hören. Auch die Vögel sangen nicht mehr.

Und da begriff die Frau plötzlich, dass es an der Zeit war, ein anderes Muster zu weben. Ein Muster, das diesem Tal sein Leben wieder zurückgab.

13. April – Schubladenbekanntschaften

Schubladenbekanntschaften. Eines Tages erblickten sich eine große Schwanenfeder, ein alter Radiergummi und eine Armbanduhr ohne Batterie in einer Schublade. Irgendjemand hatte etwas herausgeholt und nun stand die Schublade einen Spalt offen. So kam es, dass die Drei einander das erste Mal in Ruhe betrachten konnten, obwohl sie schon jahrelang einträchtig in der Schublade beieinandergelegen hatten.

„Wie geht’s denn so?“, eröffnete die Schwanenfeder das Gespräch und verärgerte damit augenblicklich die Uhr, die bekanntlich gar nicht mehr ging, sondern stehengeblieben war und nun nutzlos ihr Dasein im Dunkeln fristete.

Die Uhr sehnte sich unaufhörlich in die Zeit zurück als sie noch stolz am Arm getragen wurde und je nach Jahreszeit und Ärmellänge ihres Besitzers atemberaubende und manchmal auch sagenhaft eintönige Aussichten auf die Welt erhielt.

Dennoch besann sich die Uhr nach einem kurzen, empörten Schnauben eines Besseren und erzählte der Feder, dass sie leider nicht mehr ging und sie nur deshalb in dieser Schublade lag. Da schwieg die Feder ganz bestürzt. Sie hatte die Uhr nicht beleidigen wollen.

Schließlich erzählte sie, dass es ihr selbst längst nicht so schlimm ergangen sei; denn irgendwann trennten sich Federn eben von ihrem Träger und verrotteten dann irgendwo oder wurden von einem Spaziergänger aufgehoben und mit nach Hause genommen. Sie habe es hier doch recht gut getroffen.

Vielleicht würde sie eines Tages jemand aus der Schublade herausnehmen, aber erst einmal lag sie hier gemütlich, sicher und warm und konnte mit Genuss ihren Gedanken über Aerodynamik nachhängen. Da schaltete sich der Radiergummi ein. Ihm persönlich habe das Ruhen in der unergründlichen Schublade das Leben gerettet. Läge er nicht vergessen hier, dann wäre er längst aufgerieben und abgerubbelt.

In dem Moment schob jemand die Schublade wieder ganz zu und die Gegenstände verstummten.

12. April – Nachtweg

Frank steckte sein Wechselgeld ein und winkte den Jungs am Stammtisch noch freundlich zu, bevor er die Kneipe verließ und sich auf seinen Nachtweg nach Hause machte. Draußen war es empfindlich kalt und etwas neblig. Frank schlug seinen Mantelkragen hoch. Er hatte es nicht weit nach Hause, nur ungefähr 5 Minuten zu Fuß.

Doch als er ein paar Schritte gegangen war, wurde der Nebel immer dichter und zog in Schwaden über die Straße. Der Bürgersteig war ganz dunkel vor Feuchtigkeit und in den Wassertropfen sammelte sich das Licht der Laternen. Plötzlich Dunkelheit. Frank machte gerade einen Schritt vom Bürgersteig auf die Fahrbahn, als das Straßenlicht erlosch.

Einen kurzen Moment erwartete er, ins bodenlose zu versinken. Doch dann fand sein Fuß halt. Franks Herz schlug bis zum Hals, er fühlte sich plötzlich nüchtern und wach.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er tastete sich mehr durch die Erinnerung als durch seine Sehkraft geleitet nach Hause. Immer wieder umhüllten ihn Nebelschwaden wie graue Schatten und ließen ihn dann wieder frei in samtene Schwärze. Jedes Geräusch wurde zum Warnzeichen und ließ ihn zusammenzucken.

Als er in seine Straße einbog, ging die Außenbeleuchtung am Haus an der Ecke an. Bewegungsmelder. Auf halber Höhe flammte die nächste Lampe auf. Diesmal mit Sonnenenergie gespeiste Gartenfackeln. Nur sein Haus, ganz oben am Ende der Straße lag in nächtlicher Schwärze da.

Als er seine Haustür erreichte, stand er wieder im Dunkeln. Er drehte sich noch einmal um und schaute in die Dunkelheit. Es war ihm fast, als könne er alles sehen wie am helllichten Tage. Aber vielleicht ergänzte er die Schemen nur durch seine Erinnerung. Vielleicht verschwand die Welt gerade im Nebel, wurde verschlungen von der schwarzen Nacht. Und die Menschen in den Häusern mit ihr.

Frank tastete nach dem rauen Holz der Eingangstür in seinem Rücken. Ja, sie war noch da. Dann schaltete er das Flurlicht an und sein Haus erstrahlte wie eine rettende Oase in der Dunkelheit.

11. April – Ode an den Schmerz

Oh, Du pochender Schmerz, zwingst mich, innezuhalten, wo ich voranstürmen will.

Zwingst mich nieder, wo ich mich hoch auf in die Lüfte schwingen will.

Mahnst mich, halte ein, warte, nicht so schnell, achte auf Dich.

Aber wie soll ich auf mich achten, wo ich es doch so, so eilig habe.