3. Juli – Hitzefrei

Grüne Freunde winken mir von der anderen Straßenseite mit ihren Ästen zu und der Eisverkäufer fährt hupend um die Ecke. Hitze staut sich in den Winkeln, stapelt sich auf zu großen Bergen.
Der kleine Tschilp ist heute zu träge. Verstummt ist sein eintöniges Lied. Nur die Hummeln sind fleißig wie immer. Sommer, Langsamkeit, Trägheit und Hitze. Ein paar Grade mehr und der Asphalt wird zäh unter den Fußsohlen. Die Steine sind bereits zu heiß, um barfuß darauf zu gehen.

Heute ist einer der beiden Tage im Jahr, wo ich ernsthaft darüber nachdenke, ob ein Swimmingpool im Garten nicht doch eine lohnende Investition wäre. Nach der Markise über dem Balkon und den Liegestühlen und einem anständigen Tisch mit Stühlen, damit unsere Gäste nicht immer auf den alten Biergartenstühlen hocken müssen, versteht sich.

Aber dann liege ich so schön in meiner Hängematte. Warum sich mit Besitz belasten? Mir genügt doch diese eine Hängematte im Schatten unter den Apfelbäumen aufgespannt. Und hätte ich sie nicht, dann läge ich im Gras und schaute den Wolken zu. Das reicht doch an so einem schönen Sommertag vollkommen.

2. Juli – Am Hauptbahnhof

Steht da wie ein Depp. Die Blumen sind bereits welk. Wartet und wartet immer noch. Am Siebenundzwanzigsten um dreizehn Uhr dreißig. Das hatte sie gesagt am Telefon. Sie hatte auch gesagt am Hauptbahnhof, Gleis sechzehn.

Also stand er seit kurz vor halb zwei am Hauptbahnhof, Gleis sechzehn. Aber keine Julia. Der Zug war eingefahren und er hatte erwartungsvoll die Reisenden gemustert, die ihm am Bahnsteig entgegenkamen. Es waren sehr viele Reisende. Der Zug endete hier.

Als auch die letzte Großmutter mit ihrem Rollkoffer vorbeigezuckelt und immer noch keine Julia in Sicht war, ging er am Zug entlang und spähte in die Waggons. Keine Julia. Ganz vorn stieg er ein und lief durch den Zug zurück. Keine Julia. Also stand er wieder am Gleis, die Blumen immer noch in der Hand.

Vielleicht hatte sie einen Zug später genommen. Er schaute auf den Plan. In zwei Stunden würde der nächste Zug erst eintreffen. Einen Augenblick bedauerte er, dass er so ein Handyhasser war. Er besaß nämlich keins.

Also machte er sich auf die Suche nach einer Telefonzelle. Die sahen natürlich heute gar nicht mehr aus wie Zellen, mehr so wie Muscheln. Als er eine fand, nahm der Apparat nur Telefonkarten. Also suchte er weiter. Schließlich fand er ein Telefon, das er mit Kleingeld füttern konnte. In seinem Portemonnaie fand er nur noch ein Euro und zehn Cent. Sein letztes Kleingeld war für die Blumen draufgegangen. Auch das bedauerte er jetzt.

Er tippte die Nummer von Julias Mobiltelefon ein. Julia war ja modern. Sie besaß so etwas. Aber sie ging nicht ran. Er wollte eine kurze Nachricht auf ihrer Mailbox hinterlassen. Aber was nutzte das? Sie konnte ihn sowieso nicht erreichen. Außerdem, wie sähe das aus? So eine alberne Nachricht im Stile von, ich stehe am Bahnhof und du bist nicht da. Er kam sich sowieso schon vor wie ein Idiot. Als er die Blumen wieder vom Münzfernsprecher nahm, hatte die erste einen Knick.

Jetzt war es ohnehin so spät, dass der nächste Zug gleich einfahren musste. Er ging zurück zu Gleis sechzehn. Er wartete. Es begann wieder das gleiche Spiel. Keine Julia. Er suchte im Zug. Keine Julia. Dann dachte er, vielleicht haben wir uns verpasst und ging zur Information. Er ließ Julia ausrufen. Er wartete wieder, lief aufgeregt hin und her. Einige der Blumen hatten ein paar Blütenblätter eingebüßt.

Überhaupt, der Strauß wurde wirklich langsam welk. Und immer noch keine Julia. Der Zug aus M. fuhr planmäßig alle zwei Stunden ein. Da er nun solange gewartet hatte, beschloss er, auch den nächsten noch abzuwarten. Aber auch diesmal, keine Julia. Schließlich gab er auf. Julia kam nicht. Sie hatte ihn einfach vergessen. Vielleicht hatte sie etwas Besseres vor.

Steht da wie ein Depp. Die Blumen sind bereits welk. Er wirft sie in einen Mülleimer. Es dauert ewig, bis endlich eine Straßenbahn in seine Richtung kommt. Aber eine Stunde später schließt er endlich die Tür zu seiner Wohnung auf. Am Spiegel im Flur klemmt ein großer handgeschriebener Zettel. Julia, Hauptbahnhof, Achtundzwanzigster, dreizehn Uhr dreißig. Verfluchter Mist, sie kommt ja erst Morgen. Und er hat den Blumenstrauß schon weggeworfen.

1. Juli – Heute nur die Wahrheit

„Wird aber Zeit, dass du kommst! Ich warte schon fast ne halbe Stunde!“, rufe ich schlechtgelaunt, als die Geschichte des Tages nach Atem ringend und schweißgebadet um die Ecke kommt.

„Ging nicht eher. Du glaubst nicht, was mir passiert ist!“, ruft sie.
Skeptisch ziehe ich die Augenbrauen hoch, dass meine Stirn Falten wirft. Was kommt jetzt wohl wieder für eine Ausrede. Ich kenne das ja schon.

„Die Muse kam zu spät und wollte mich nicht küssen“, oder: „Der Bus war schon weg“, oder, am tollsten: „Meine Oma war zu Besuch. Konnte die alte Dame ja schlecht rauswerfen“. Ich wette, dass diese Geschichten gar keine Großeltern haben! Fast immer aber höre ich den Klassiker: „Ich hab’ verschlafen“.

Das ist nämlich ein ganz schön faules Gesindel, diese Erzählungen und Kurzgeschichten. Gedichte sollen noch schlimmer sein. Die sitzen oft in der Ecke und weinen. Dann kommen die gar nicht, gleichgültig wie sehr so eine arme Autorin wie ich dann bittelt und bettelt.

„Nun?“, sage ich, weil die Geschichte immer noch pustend und nach Atem ringend vor mir steht.

„Ich bin ausgeraubt worden!“, stößt sie hervor.

„Ach was!“, sage ich und werde langsam sauer. „Mit anderen Worten, es ist nichts da. Nur leere Seiten. Überhaupt nichts dran an dir, liebe Geschichte. Kommst extra angerannt und dann, kein Held, kein Konflikt, keine Erlösung, noch nicht einmal ein Apfelbaum mit wurmstichigen Äpfeln. Nichts. Kommst einfach so blanko, eine halbe Stunde zu spät. Und alles, was ich zu hören bekomme, ist: ‚Ich bin ausgeraubt worden’?“

Die Geschichte läuft knallrot an. „Aber ehrlich, ganz wirklich“, stammelt sie, „Da kam plötzlich so ein maskierter Kerl, zwei Meter groß, schwarzhaarig und mit einer Pistole! Der rief: ‚Buchstaben her oder ich knall dich ab’. Was hättest du denn da gemacht?“

„Das soll ich dir glauben? Für eine Geschichte ist das aber eine ziemlich dünne Vorstellung. Etwas mehr Phantasie hätte ich schon von dir erwartet“.

Wir stehen einander gegenüber und schauen uns in die Augen. Die Geschichte senkt zuerst den Blick und sagt:„Nun ja, ist ja auch egal. Es sind jedenfalls keine Buchstaben da, also auch keine Geschichte für heute. Und ich muss jetzt auch ganz schnell weg, meine Oma wollte noch vorbeikommen!“

Schon dreht sich die Geschichte um und rennt davon. Nur ein paar übriggebliebene Satzzeichen fliegen noch durch die Luft und sinken langsam zu Boden.

Was bleibt mir also anderes, als Euch heute diese völlig wahre Begebenheit zu berichten?

30. Juni – Der Schlüssel

Es war einmal ein armes Mädchen, das hatte keine Eltern mehr, keine Geschwister und kein Zuhause. Es besaß nicht mehr als die Kleider auf dem Leibe und einen großen, metallenen Schlüssel. Aber niemand wusste, an welches Schloss er passte, auch das Mädchen nicht. Das Mädchen wusste nur, dass es unbedingt das Schloss finden musste.

Also ging es tagein tagaus durch Dörfer und Städte, durch Wälder und Felder, über Berge und durch Flüsse. Überall, wo das Mädchen ein Schloss fand, probierte es den Schlüssel. Aber nirgendwo passte er. Nachdem es schließlich ein Jahr und ein halbes so gegangen war, setzte es sich erschöpft nieder auf einen Stein am Wegesrand und überlegte, was es weiter tun sollte. Seine Kleider waren inzwischen zerschlissen, die Schuhsohlen waren durchlöchert und hungrig war das Mädchen auch ständig, denn es ernährte sich nur von den milden Gaben der Menschen und den Beeren und Früchten am Wegesrand.

Vielleicht sollte es lieber aufgeben. Den Schlüssel einfach wegwerfen. Wie viel Millionen Schlösser gab es auf der Welt, in die dieser Schlüssel vielleicht passen mochte? Wie lange sollte es dauern diese alle zu erreichen? Und vielleicht verbarg sich hinter der Tür, in der Truhe oder wo der Schlüssel sonst Einlass bieten mochte, etwas völlig Nutzloses oder Gefährliches.

Da kam ein altes Weiblein mit einem großen Bündel Reisig auf dem Rücken den Weg entlang. Die Alte trug so schwer an dem Bündel, dass sie dem Mädchen leidtat. Also bot es an, das Bündel für sie nach Hause zu tragen. Die Frau bedankte sich, lud flugs dem Mädchen das schwere Bündel auf und ging in so schnellem Tempo voran, dass das Mädchen sich sputen musste, um sie einzuholen.

Die Alte führte das Mädchen in den dunklen Wald, der schmale Pfad war im Dickicht kaum sichtbar. Und das Mädchen, schwer gebeugt unter der Last, stolperte häufig über Wurzeln und Äste. Nach einer Weile aber teilte sich der Wald und auf einer großen Lichtung mitten im Wald stand ein großes herrschaftliches Haus mit einem Turm an der linken Seite.

Als das Mädchen diesen Turm sah, durchfuhr sie plötzlich ein Schauer. Eine große Tür mit einem großen Türschloss blickte sie an. Es war, als zuckte der Schlüssel in ihrer Tasche, weil er nun endlich das Schloss gefunden hatte, zu dem er passte. Eilig warf das Mädchen das Bündel nieder, wo die Alte hindeutete. Dann entschuldigte es sich kurz und eilte zum Turm.

Mit zitternden Fingern zog das Mädchen den Schlüssel hervor. Vorsichtig näherte es den Schlüssel dem Schloss. Er passte. Mit einem satten Ton ließ er sich drehen. Das Mädchen hörte ein Klacken. Voller Ehrfurcht drückte sie die Klinke hinunter und die Tür schwang auf.
In dem Turm erwartete sie ein behagliches Wohnzimmer, der Kamin brannte, eine Kanne mit dampfendem Tee stand auf dem Tisch und der gute Duft von frisch geröstetem Toastbrot drang dem Mädchen in die Nase.

Zögernd trat das Mädchen ein. Sie wagte kaum, etwas zu berühren. Voller Ehrfurcht betrachtete sie die hohen Bücherregale an den Wänden, die Gemälde, Teppiche, Möbel und Lampen. Linker Hand führte eine Treppe in das nächste Stockwerk. Dort gab es eine Küche. Auch dort war alles ordentlich und frisch, als hätte gerade jemand den Raum verlassen.
Also stieg das Mädchen noch eine Etage höher. Dort fand sie das Schlafzimmer. Ein großes Bett mit Baldachin, eine schwere Truhe mit Kleidung. Die schienen alle die Größe des Mädchens zu haben. Verwirrt schaute sich das Mädchen um. Plötzlich stand die alte Frau im Zimmer.

„Wem gehört das hier alles?“, fragte das Mädchen.

„Dir. natürlich“, sagte die Alte. „Du hast den Schlüssel“.

„Aber“, stammelte das Mädchen.

Da schüttelte die Alte den Kopf. „Weißt du denn nicht, dass alles für dich bereitet ist und nur auf dich wartet? Wo warst du solange?“

„Ich wusste doch nicht, wo der Schlüssel passt. Ich habe gesucht.“

Da schüttelte die Alte noch einmal den Kopf. „Na, jetzt bist du ja da!“

29. Juni – Die freie Wahl im Angesicht des nahenden Todes

Wie viel Freiheit bleibt im Angesicht des nahenden Todes?

Im Namen der Menschlichkeit deines freien Willens beraubt. Deine Sinne sind ja benebelt. Du kannst nicht mehr klar denken. Zerfressen von Schmerzen. Durchwuchert von Krankheit. Deine in jahrzehntelanger Kleinarbeit erworbene Autonomie plötzlich in Chemie aufgelöst, in punktgenauer Strahlung atomisiert.

Ja, Angst, Angst so groß, so unglaublich groß und mächtig, aufgebauscht und ausgebreitet vor dir, über dir, in dir, tief eingefressen.

Sag ja zu deiner Entmündigung. Apparate und Werte und Statistiken wissen, was gut und richtig für dich ist. Dort etwas hinausschneiden, hier etwas hineinstopfen. Noch dankbar sein. Was dann?

Einfach abhauen in einer stillen Nacht. Lieber das Leben aufs Spiel setzen als immer, immer, immer zu hängen an dem, was alle anscheinend so wichtig nehmen.
Das Dasein!

Geht es nicht auch um das Wie? Zählt das nicht auch? Wer hat das Recht, meine Entscheidungen zu treffen? Warum diese Anmaßung?

Je besser die Menschen umso astronomischer die Zahl ihrer Übergriffe.

„Ach“, sagen sie dann, „wir haben es doch so gut gemeint, aber du, du wolltest ja nie hören. Du wolltest ja nie, niemals tun, was wir dir sagen, was wir dir nachtragen, was wir doch soviel besser wussten und wissen und wissen werden immerdar. Amen.“

Aber ich sage: „Lasst mir mein Leben, lasst mir meine Entscheidungen! Für mich hört die freie Wahl nicht auf, weil mir einer den Nachttopf unter den Hintern schiebt.“

Redet Ihr, fragt Ihr jemals, Ihr guten Menschen, wie es den Geschöpfen geht, denen Ihr unaufhörlich und ungefragt Gutes tut?

Oder rettet Ihr blind und selbstsüchtig die Welt, die Natur, die arme Kreatur, den Regenwald, das Klima, den bedauernswerten Kranken, damit Ihr Euch wertvoll fühlt?

28. Juni – Die Ruhe vor dem Sturm

Martina hatte die Ruhe vor dem Sturm schon häufig kennengelernt. Wenn sich alles zusammenballte, die Luft elektrisch aufgeladen, der Himmel grau und bleiern, die Kleidung am Leib klebte. Dann senkte sie sich nieder, die Ruhe.

Kurz bevor ein schwaches Lüftchen zaghaft den tosenden Sturm ankündigte, war es einen Augenblick still. Die Welt hielt den Atem an. Die Vögel schwiegen. Die Hasen streckten die Löffel. Sogar die Ameisen hörten auf zu krabbeln.

Und dann ganz leise, das Wehen, das Rauschen in den Bäumen, der anwachsende Wind. Peitscht das Gras. Beugt die hohe Birke an der Weggabelung. Wasser stürzt aus dem Himmel. Die Urgewalt – so wild und schön. Befreiung! Lachen! Die Arme heben und tanzen! Freudenschreie verschluckt vom Tosen des Sturms, vom Klatschen der Wassertropfen auf Stein.

Natürlich Furcht! Ein Baum kann stürzen, ein Dachziegel fallen, der Blitz treffen. Trotzdem – Tollkühnheit und Glück mitten im Sturm.

Aber heute, da zögerte Martina. Die Angst vor diesem Sturm war groß. Sie konnte doch nicht allen den lang ersehnten Tag verderben. Und war die Ruhe, die Ruhe vor dem Sturm nicht köstlich auf ihre Art? Ja, das war sie. Sie sah ihn kommen – unausweichlich. Aber vielleicht konnte er warten, ein bisschen, nur noch bis übermorgen, der Sturm.

Und danach? Oh je, es wird nichts mehr sein, wie es einmal war.

Hoffentlich ist danach nichts mehr, wie es einmal war.

27. Juni – Nachmittag bei Daphne

Daphne strich sich das Haar zurück. Wie hingeworfen lag sie auf der Ottomane, ein fliederfarbenes Kleid floss um ihren Leib. Üppig wogten ihre Brüste, als sie das Champagnerglas vom Beistelltisch aufnahm.

Mit einem tiefen Zug genoss sie das perlende Gesöff. Ein wohliger Seufzer entfuhr ihr. Daphne liebte ihren freien Nachmittag. Natürlich, sie war privilegiert. Nicht jede konnte sich so einen freien Nachmittag leisten und noch weniger hatten den Genuss, dazu ihre Freundinnen einzuladen. Als erste kam Monika.

„Liebes“, brüllte sie bereits von der Tür aus. Daphne richtete sich halb auf.
„Lass doch, lass. Ich komme zu Dir!“

Die beiden Freundinnen tauschten Küsschen auf die Wange.

„Auch ein Gläschen?“ Monika nickte voller Begeisterung und nahm eine Schale entgegen. Einen Augenblick genossen die Damen das prickelnde Vergnügen. Schon standen Anna und Barbara im Raum.

„Hallo! Hallo!“

„Ach, wie schön“ Küsschen, Küsschen, Schmatz, Schmatz.

Als auch die hinzugekommenen Damen mit Alkohol versorgt waren, konnte es endlich losgehen. Das Ratschen. Über die Männer herziehen.

„Was macht denn deiner gerade?“

„Ach ja, ist der Aufsichtsratsvorsitzende von so einem DAX-Unternehmen. Bildet sich ordentlich was drauf ein.“

Die Damen lachen.

„Einfach putzig diese Kerle. Nehmen sich wegen so einem unwichtigen Kram wichtig. Es geht doch da nur um bedruckte Scheinchen. Nein, schlimmer, nur codierte Zahlen aus ordentlich vielen Nullen und Einsen.“

„Meiner hat endlich seine mütterliche Seite entdeckt!“

„Ach wie schön!“, rufen die übrigen Damen.

„Ja, er kümmert sich heute um die Kinder. Aber ich fürchte, es liegt nur an der neuen Modelleisenbahn.“

Wieder lachen die Damen.

„Meiner ist heute ins Kloster abgereist. Schweigeseminar!“

„Och!“, rufen die Damen.

„Meinst du, er hat eine Chance?“

„Er weiß aber, dass nur Frauen Erleuchtung erreichen können.“

„Vielleicht schafft er es ja im nächsten Leben!“

Seid doch nicht so chauvinistisch!“

„Wieso? Mit Männern ist eben nichts anzufangen. Die wissen einfach nicht, worum es im Leben geht.“

„Um was? Um Champagner?“

„Sei doch nicht so albern!“

„Ja, ja, ich weiß, es geht um…“, alle Damen im Chor „…Liebe! LIEBE!“

26. Juni – Die Sprüche meiner Mutter

„Regen bringt Segen“, hat meine Mutter immer gesagt. Die dachte nicht daran, ob es schönes Schwimmbadwetter gibt, sondern die überlegte, ob ihre Blumen im Garten schön aufgehen, ob der Holunderbusch, die Brombeeren und der Rhabarber genug Feuchtigkeit bekommen.

Da war ihr das Regenwetter lieb. Das befreite sie vom morgendlichen Gießen. Früher da gab es einen Witz, an den kann ich mich noch erinnern. Es ist Mai und Regen fällt, Klein-Fritzchen rennt raus und lässt sich nassregnen. Warum machst Du das Fritzchen? Es heißt doch, im Mairegen wächst’s besonders gut, ich will doch noch wachsen.

Ich sehe schon die Mundwinkel müde zucken. Keine Ahnung, ob dieser Gag jemals gut angekommen ist. Ich selbst fand ihn ja irgendwie ganz nett als Kind. Vor allem weil ich die Idee so lustig fand, mich nassregnen zu lassen.

Kein Brüller. Natürlich nicht. Und die Witze und Sprüche von heute? Welche Halbwertszeit haben die? Wer versteht überhaupt deren Sinn? Die Jugendsprache meiner Zeit verstehen heute nur noch Sozialarbeiter um die Vierzig. Und die Jugendsprache der heutigen Zeit? Ich meine, gibt es die überhaupt? Gab es die damals? Jemals? Gab es wirklich Menschen, die mal knorke oder dufte sagten, wenn sie super, geil, cool, echt voll krass oder fett meinten? Weiß das einer da draußen? Ernstgemeinte Zuschriften nehme ich gerne entgegen!

Ja, ja, schon meine Mutter hatte den Spruch abgewandelt. Es heißt natürlich „Sich regen, bringt Segen“, eine andere Fassung von „Beweg dich mal du fauler Hund, damit du was wirst“ oder „Arsch hoch, sonst wird das nix mit Superstar“.

25. Juni – Schweigen rettet Ehe

Heute habe ich in der Zeitung gelesen: Italienisches Ehepaar gesteht: Seit 48 Jahren kein Wort miteinander gesprochen!

Sofort fragte ich mich, wie soll das möglich sein? Aber dann wurde mir klar, Eheleute benötigen lediglich einen ganzen Stall voller Bambini. Und die beiden hatten verbriefte sieben Nachkommen und noch zahlreichere Enkelkinder. Denen wird erzählt, was der Partner hören soll. Ein direktes Gespräch ist überhaupt nicht notwendig.

Es wirkt beim ersten Lesen barbarisch, ist aber wahrscheinlich eine sehr wirksame Möglichkeit mit seinem ärgsten Feind in Harmonie zu leben. Natürlich bis zu dem Augenblick, wo einer der beiden Ehepartner durchdreht und den anderen mit der Axt erschlägt. Oder bis zu dem Moment, wo einer unbedingt reden muss. Es einfach nicht mehr aushält und die direkte Rede nach Jahrzehnten wieder an den Partner richtet.

„Alle haben uns für ein glückliches Paar gehalten!“, wurde die Ehefrau zitiert. Das sagte sie natürlich dem Reporter.

Und der Ehemann ergänzte: „Nicht miteinander zu reden, hat unsere Ehe gerettet.“

Oh je, was für eine Nachricht! Was sollen die Heerscharen von Eheberatern und Paartherapeuten nun tun. Nehmt Eure Diplome von der Wand! Reden ist out. Völlig überflüssig. Wer nicht redet, streitet nicht. Wer nicht miteinander spricht, rettet die abendländische Kultur, zumindest die Familienkultur.

Nur eine Frage wurde wirklich nicht geklärt, wie macht man die vielen Bambinis, wenn man nicht miteinander redet? Das ist doch wirklich fremdartig, oder?

So ein Blödsinn, werdet Ihr sagen, das ist doch erfunden!

Stimmt! Wahrscheinlich sogar von mir.

24. Juni – Brunos Hündin

Heute Abend machte ich einen schönen Spaziergang übers Feld und dann durch den Wald. Aber schon am Waldrand lief plötzlich eine schwarze Hündin mit weißen Pfoten, weißer Schwanzspitze und kecken, weißem Kragen auf mich zu. Ich schaute mich um, weit und breit kein Mensch zu sehen. Da ich nicht wollte, dass die Hündin mich mit staubigen Pfoten ansprang, rief ich: „Aus“. Und sie setzte sich brav vor mich und schaute mich erwartungsvoll an.

„Wer bist du denn?“, fragte ich und tätschelte der Hündin vorsichtig den Kopf. Das schien ihr nicht ganz so gut zu gefallen, denn sie schüttelte sich, sprang auf und ging vor mir den Weg entlang, dem ich auch gerade folgte.

Na ja, dachte ich mir, sie macht wohl auch gerade ihren Abendspaziergang. Jedenfalls kann die nicht mit mir nach Hause. Ich will mich jetzt nicht noch um einen Hund kümmern.
Also ging ich weiter und die Hündin trabte mir voran. Dann blieb sie stehen und schnüffelte. Ich gewann einen Vorsprung. Sie eilte mir wieder nach. Die Hündin wollte abbiegen. Ich ging geradeaus. Die Hündin machte einen Schlenker – geradeaus.

So ging das eine ganze Weile. Ein Auto fuhr vorbei. Ich ging nach rechts, die Hündin nach links. Ein Fahrradfahrer kam uns entgegen und fuhr zwischen uns hindurch. Dann bog ich rechts ab und die Hündin folgte mir. Hier war der Wald besonders dicht, nur noch spärlich drangen die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach. Ich schob meine Sonnenbrille hoch und sagte:

„Machen das jetzt Hunde auch schon wie Katzen, sich einfach ihr Herrchen aussuchen?“ Die Hündin scharwenzelte von meinen Worten unberührt durch das Dickicht am Wegesrand und setzte sich alle paar Meter zum Markieren nieder.

„Was würdest du sagen, wenn ich das andauernd machen würde?“, fragte ich. Plötzlich sah ich einen orangenen Fleck auf uns zukommen. Nach einer Weile erkannte ich eine Frau mit einem kleinen zotteligen Irgendwas-Terrier. Beunruhigt schielte ich zu der Hündin hinüber, die den anderen Hund anscheinend noch nicht bemerkt hatte. Genüsslich beschnüffelte sie das Grün am Wegesrand und pinkelte auf einen heruntergefallenen Ast. Auch als die Spaziergängerin näher kam, blieb sie desinteressiert. Wahrscheinlich nahm sie den kleinen Köter nicht weiter Ernst. Von dieser Entwicklung beruhigt, sprach ich die Spaziergängerin an:

„Sagen Sie mal, kennen Sie diesen Hund? Der läuft mir dauernd nach.“

„Ach, ich dachte, das wäre ihr Hund.“

„Nein, nein!“ – und falls er ihren kleinen Hund anfällt, ist es nicht meine Schuld.

So ging ich weiter und die Hündin trottete neben mir her. Manchmal lief sie auch voraus. Auf jeden Fall fühlte auch ich, dass wir zusammengehörten. Dann bog ich auf einen kleinen Pfad ab. Der war durch eine große, hölzerne Umlaufsperre gesichert, damit Fahrradfahrer absteigen müssen. Aber auch die Hündin blieb ratlos stehen.

„Komm“, sagte ich, „hier entlang“, und wartete auf sie. Schließlich fand sie den Weg um die Holzbalken herum und wieder trotteten wir gemeinsam. Die Hündin lief meistens voraus und drehte sich nur um, wenn ich knackend auf einen Zweig trat.

Eigentlich wollte ich die große Runde machen, die mich noch ein Stück über Feldwege, dann am Rand einer Ortschaft entlang und über die Kreisstraße geführt hätte. Aber die Hündin hechelte schon genug von der Hitze. Also nahm ich einen kleinen Trampelpfad im Waldesinnern.

Dort war es schattig und kühl und es gab viel zu schnüffeln. Einträchtig gingen wir. Wenn der Weg besonders schlammig war und ich ein möglichst trockenes Durchkommen suchte, wartete die Hündin auf mich. Wenn sie irgendwo besonders intensiv die Nase in den Waldboden steckte und ein bisschen wühlte, wartete ich.

Schließlich kamen wir wieder an unserem Ausgangspunkt an. Dort joggte uns eine Frau mit einer großen, freilaufenden Dogge entgegen. Als sie uns sah, legte sie ihrem Hund die Leine an.

„Entschuldigung“, sagte ich, „kennen Sie diesen Hund?“

„Ach“, rief die Frau, „ich dachte, das wäre ihrer! – Ach ne, das ist ja Brunos Hündin!“

Eilig leinte sie ihren Hund wieder ab.

„Dann mach ich meinen aber los, denn meine Zitta kann sie nicht leiden.“

Und tatsächlich, als die Frau mit dem Hund vorbei war, rannte die Hündin plötzlich hinter den beiden her und bellte und knurrte. Das war ja die Gelegenheit, mich schnell und heimlich aus dem Staub zu machen. Also ging ich schnell Richtung Heimat. Aber vergebens, ich hörte eilige Trippelschritte hinter mir. Ich blieb stehen.

„Aus!“ Die Hündin setzte sich hin und schaute mich erwartungsvoll an. Ich tätschelte ihren Kopf.

„Das war ein schöner Spaziergang, aber jetzt musst du nach Hause.“

Dann ging ich weiter, die Hündin hinterher. Ich hob die Hand in Gegenrichtung und sagte in scharfem Ton:

„Los, geh heim, los!“

Da ließ die Hündin die Ohren hängen, wandte sich um und trottete nach Hause. Ich schaute mich noch oft nach ihr um. Aber sie schaute nicht zurück. Kein einziges Mal.

23. Juni – Der goldene Vogel

Wenn ich nicht so müde wäre, dann würde ich Euch erzählen, wie mir heute ein goldener Vogel begegnet ist, der sehr interessante Ansichten zur Kükenaufzucht vertrat.

Ich konnte ihn leider nur schwer verstehen, weil er zwischen den Worten ständig pfiff und trillerte. Bevor ich mir vor lauter Schmerzen die Ohren zuhalten musste, bekam ich aber noch Folgendes mit:

„Es gibt“, sagte der Vogel, „mehrere Methoden seine Kinder aufzuziehen. Wenn sie noch im Ei sind, brauchen sie Wärme und Liebe, damit sie wachsen und gedeihen. Irgendwann wird es ihnen dann zu eng in der Eierschale, weil sie einfach zu stark gewachsen sind. Dann strengen sich die kleinen Vögelchen fürchterlich an, picken mit ihrem Eizahn die Schale auf und kommen heraus.

Freilich, nicht jedes Küken mag aus seiner Schale herauskommen, manche entscheiden sich aufzugeben. Es ist nämlich fürchterlich anstrengend so eine Eierschale von innen aufzupicken und sich herauszustemmen. Ich weiß ja nicht, ob du das schon einmal versucht hast?“

Der Vogel legte den Kopf schief und schaute mich fragend an. Ich guckte verdutzt, zuckte mit den Schultern und wiegte den Kopf hin und her. Sehe ich aus wie aus einem Ei geschlüpft? Wie kommt er darauf?

„Ich kann es mir vorstellen“, antwortete ich schließlich.

„Dann verstehst du, dass viele kleine Vögel da schon aufgeben. Manche wachsen auch einfach nicht in ihrem Ei, weil sie nicht genug Wärme und Liebe bekommen haben, andere glauben nicht daran, dass es ihnen außerhalb des Eis gefallen wird und dann gibt es natürlich die Vogelkinder, die es gar nicht erwarten können endlich aus dem engen Ei herauszukommen. Die reißen dann auch als erste den Schnabel ganz weit auf um von ihren Vogeleltern gefüttert zu werden.“

Ich nickte, um anzudeuten, dass ich noch folgen konnte. Also fuhr der goldene Vogel fort:

„Und dann kommt irgendwann der Tag, wo die Eltern ihre Küken aus dem Nest werfen, damit sie fliegen lernen. Nun ja, die meisten jungen Vögel wollen von selbst fliegen lernen, aber manchmal gibt es hartnäckige Nesthocker und die müssen dann einfach raus aus dem Nest. Schließlich haben wir alten Vögel auch noch etwas anderes zu tun außer unsere Brut aufzuziehen.“

„Ah, ja!“, sagte ich und lächelte verständnisvoll.

„Wenn natürlich die alten Vögel gar keine Zeit für die Aufzucht haben, dann legen sie schon das Ei in das Nest eines anderen Vogelpaares. Das ist natürlich am wenigsten zeitraubend.“

Ich hüstelte verlegen.

Was, um Himmels willen, machen die alten Vögel denn so Wichtiges? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, welche Lebensziele so ein Vogel verfolgen mag. Nur weil mir die Ohren so wehtaten, mochte ich nicht weiter nachfragen.

ußerdem war mir das auch ein bisschen peinlich, womöglich hätte ich den Vogel mit dieser Frage beleidigt. Mit etwas Glück erzählt mir der goldene Vogel das bei seinem nächsten Besuch. Oder fragt Ihr ihn doch mal und sagt es mir dann weiter.

22. Juni – Juckreiz

Das fing alles mit so einem unangenehmen Juckreiz an, hinter den Ohren, an den Fußsohlen. Christiane versuchte es zunächst mit allerlei Salben, aber nichts nützte. Ob das wieder die Schuppenflechte war?

Dabei hatte sie doch längst ihre Ernährung umgestellt, es gab nichts Scharfes, keine Zitrusfrüchte und überhaupt – so gesund wie sie konnte kaum einer leben. Christiane rauchte nicht, trank nicht, nahm keine Tabletten, noch nicht einmal gegen Kopfschmerzen, sie aß nur Fleisch von glücklichen Tieren und davon wenig, sie griff nur zu Bio-Gemüse und Bio-Obst. Und diese Umstellung hatte ihr in den letzten zehn Jahren keinen einzigen Rückfall beschert. Warum also juckte es jetzt? Hatte sie vielleicht zu viel Stress?

Aber nein, ihr ging es gut, ihre Arbeit erfüllte sie – Christiane arbeitete als Floristin – und auch sonst war alles in Ordnung. Ihr Freund war wie immer. Mit der Familie alles in Ordnung. Sogar die Katze war gesund und munter. Vielleicht hatte sie zu wenig Stress. Fühlte sie sich vielleicht unterfordert, unausgelastet? Sie hatte schon einmal davon gelesen, dass es Leute gab, die einen Burn-out bekamen, weil sie zu wenig Arbeit hatten oder sie zu wenig geachtet und respektiert wurden. Aber auch das traf nicht auf Christiane zu. Merkwürdig.

Also ging Christiane zu ihrer Heilpraktikerin und die verschrieb ihr ein Mittel. Danach juckte es auch in den Kniekehlen und in den Ellenbeugen. Zuerst dachte Christiane, das sei die Anfangsverschlimmerung. Aber dann juckte es auch im Nacken, unter den Achseln und im Schritt. Das war doch nicht normal. Morgens beim Meditieren konnte sie sich oft sehr schwer auf ihren Atem konzentrieren. Das Jucken war einfach unerträglich und noch unerträglicher war es, dass sie einfach nicht wusste, warum ihr das widerfuhr.

Sie ging wieder zu ihrer Heilpraktikerin, die ließ sich alles genau erzählen, schaute sich die juckenden Stellen an, wiegte den Kopf etwas hin und her, schließlich verschrieb sie Christiane ein anderes Mittel. Danach juckte es auch am Rücken, das ganze Rückgrat entlang. Christiane glaubte an keine Anfangsverschlimmerung mehr.

Am Abend, als sie langsam zur Ruhe kam und zu Bett gehen wollte, spürte sie den Juckreiz so stark, dass sie das erste Mal in ihrem Leben zwei große Gläser Rotwein trank, um sich zu betäuben. Schwer wie ein Spelzensack fiel sie ins Bett und schlief sofort ein. Sie merkte nicht, wie sie sich im Schlaf kratzte und wand und scheuerte.

Am nächsten Morgen schlug Christiane die Augen auf und sah goldenes Sonnenlicht durch ihr Fenster fallen. Die Amseln sangen im Duett und ein kleiner Zaunkönig rief sein lautstarkes Tschilp dazwischen. Christiane räkelte und streckte sich wohlig. Dann erst merkte sie: Das Jucken war fort. Einfach verschwunden. Mit Schwung sprang sie aus dem Bett und verfing sich mit den Füßen fast in einem knisternden, nicht ganz durchsichtigen Gewebe.

Vorsichtig hob sie es auf. Es sah beinahe aus wie ein Maleranzug aus Papier, an den Gelenken, am Hals, im Schritt und am Rückgrat aufgescheuert, aufgeplatzt. Es fühlte sich merkwürdig an, pergamentartig. Sie hielt den Anzug mit spitzen Fingern eine Armlänge von sich weg. Und plötzlich wurde ihr klar, was sie da in der Hand hielt. Christiane hatte sich gehäutet. Sie war tatsächlich aus der Haut gefahren.

Christiane schaute in den Spiegel. Ihr kam es so vor, als sei sie ein paar Zentimeter gewachsen. Die Hosen ihres Pyjamas endeten plötzlich deutlich über ihren Fußknöcheln. Auch die Ärmel des Oberteils waren zu kurz. Dann schaute Christiane genauer hin. Die Haut an ihrem Körper sah rosig und frisch aus. Keinerlei Kratzspuren oder trockene Stellen mehr. Sie lächelte sich zu. Dann nahm sie ihre alte Haut, faltete sie ordentlich zusammen und legte sie in ihren Schrank. Vielleicht wäre es einiges Tages nützlich zu wissen, wie oft sie sich gehäutet hatte.