29. Oktober – Am Rande der See

Allein und mir selbst genug balancierte ich am Rande der See. Mit zuverlässigem Schlag warf sich das Meer an den Strand, zog sich zurück und rollte aufs Neue.
Goldenes Sonnenlicht ließ das Wasser bis zum Horizont in Azur mit einem Hauch Gletscherblau erstrahlen. Hyperrealistisch. Höher als die Wirklichkeit. Sich einbrennend in die Seele, tief hinabsinkend in jede Zelle. Es lockte mich das Wasser.

Also zog ich die Schuhe und Strümpfe aus, rollte die Hosenbeine bis zum Knie hinauf und durchwatete einer Sandbank folgend das seichte Wasser in zwei, drei Meter Entfernung vom Ufer. Die Wellen schlugen höher und zogen an meinen Beinen. Es schien, als sehnten und drängten sich die vier fünftel Wasser in mir nach Vereinigung, als bäten sie um Auflösung in der Ursuppe, dem ewigen Meer.

So einfach loszulassen und sich mit Quallen und Larven und Seesternen und Fischen und Krebsen und Plankton und Algen zu vereinen zu einem langsamen Tanz. Die Last und Lust der Einheit. Sehnsucht greift nach mir mich aufzulösen in der Weite und Tiefe des Meeres. Wieder Wasser mit allen Wassern zu sein.

Aber ich bin Fleisch gewordenes Wasser, geordnete Gewimmel, hochspezialisierte Zellen haben ihre Freiheit geopfert, um mich autonomes, einzigartiges Wesen zu formen, das nun dort auf Milliarden Jahren alten Steinen steht, den weiten seit Äonen wartenden Himmel über sich.

16. Oktober – Fieber

Ganz selten habe ich Fieber. Das letzte Mal vor vielen, vielen Jahren als ich gerade von meinen Eltern fortgezogen war, in eine andere Stadt.

Und als mich dann meine Mutter für ein Wochenende besuchen kam, da wurde ich plötzlich krank, hatte hohes Fieber und meine arme Mutter war verurteilt Krankenwache zu halten.

Das tat sie auch – ohne zu klagen. Was nicht selbstverständlich sein mag. Vor allem, weil es in meiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung nur ein Bett gab und kein Sofa, auch keine bequemen Sessel.

Ich weiß nicht mehr, wie sie überhaupt die Nacht verbracht hat. Ob sie es gewagt hat sich neben mir auf dem Futon zum Schlafen zu legen oder ob sie sich mühsam auf einem meiner unbequemen Holzstühle ab und zu mit dem Kopf auf den Küchentisch sinkend wachgehalten hat.

Ich erinnere mich nur noch, dass ich froh war, nicht allein zu sein mit meinem hohen Fieber. Ich fühlte mich so krank und hilflos, dass mir die Tränen aus den Augen rannen, und ich glaubte sterben zu müssen. So hoch war das Fieber. Manchmal frage ich mich, ob ich an diesem Wochenende ohne den Besuch meiner Mutter einfach nicht krank geworden wäre. Vielleicht konnte ich mich nur deshalb so gehen lassen und krank werden, weil die Sicherheit der mütterlichen Pflege in greifbarer Nähe war.

11. September – Verlässlich wie die Sonne

Die Sonne scheint doch jeden Tag, auch wenn ich sie nicht sehe. Sie scheint und scheint und scheint. Wäre ja auch dumm, wenn sie damit aufhören würde.

Also gibt es doch etwas auf der Welt, auf das ich mich verlassen kann. Die Sonne scheint und scheint unablässig, wahrscheinlich noch die nächsten paar Milliarden Jahre oder? Im Grunde wurscht, weil ich werde ohnehin nur noch 50, 60 Jahre hier herumleben und meine Kinder und Kindeskinder sind vielleicht in 100 oder 500 oder 10.000 oder in einer Million Jahren ausgestorben. Wer weiß das schon. Also steht für mich fest, dass ich mich immer darauf verlassen kann, dass die Sonne scheint. Prima.

Regen fällt vom Himmel auf die Erde. Auch sowas, worauf ich mich verlassen kann. Klar, mal regnet es quer, wenn es sehr windig ist, aber grundsätzlich fällt Wasser, Schnee, Eis oder Graupel aus einer Wolke, zack, abwärts und tränkt die Erde, vermischt sicht mit anderem Wasser im Meer, in Seen und Flüssen. Überhaupt geht angeblich kein Wasser verloren und wird in einem großen Kreislauf immer wieder und wieder verwendet. Blöd nur, wenn es dabei ganz verunreinigt, belastet oder sowas wird. Aber es geht auf keinen Fall verloren. Noch so ein Mysterium der Verlässlichkeit.

Auch das mit den Äpfeln und den Bäumen scheint zumindest hier auf der Erde so einigermaßen verlässlich, obwohl es das natürlich nicht ist. Falls ich das richtig verstanden habe mit der Relativitätstheorie und der Quantenphysik und den Quarks und den Strings. Was bedeutet das aber dann für die Sonne, die immer scheint, oder für das Wasser, das niemals verloren geht?

Könnte es dann nicht auch sein, dass sogar dies anscheinend verlässliche auf Ebene der Teilchen absolut unsicher ist? Ist es einfach nur Zufall, dass ich, dass wir in einer so sicheren Welt leben? In einer Welt, die uns sicher scheint, weil wir genau für sie gemacht sind und uns an sie gewöhnt haben. Einem methanatmenden Eiswesen, das sich bei Null Grad Kelvin erst richtig wohlfühlt, würde es hier nicht so gefallen. Aber warte nur ab, deine Zeit kommt auch noch.

2. September – Eine ganze Welt

Eine ganze Welt fließt aus meiner Feder. Strömt verborgenen Pfaden folgend unaufhaltsam heraus. Manchmal mächtig, alles hinfortspülend, manchmal bedächtig und stetig, sich langsam den Weg bahnend.

Und jedes Mal, wenn ich die Feder ansetze, verändert sich diese Welt. Wenn ich es zulasse. Wenn ich es wage. Dann fließt eine zweite, eine dritte Welt heraus, formt sich, zeigt mir Möglichkeiten der Wandlung. Unendlich viele.

Was in einem Menschenleben schon unendlich heißt. Trotzdem genug um mich in Staunen zu versetzen über all das was ich gar nicht fühlen konnte, niemals wissen wollte, was im Verborgenen dort liegt, lange schon wartet. Ungeduldig vielleicht, verdrossen womöglich. Befreit sobald ich die Feder, den Stift, die Hände auf die Tastatur lege und schreibe.

Manchmal sehe ich sie dort im Dunkel liegen und sitzen und auf und ab traben oder auch schläfrig ruhen und sich nur ungern ans Licht zerren lassend. Und dann kommt Furcht über mich oder Sehnsucht oder Freude. Und ich lerne nach und nach der Bewegung meiner schreibenden Hand folgend Vertrauen in den Fluss des Wandels zu haben. Ganz einfach, auf und ab auf weißem Papier entsteht eine Welt oder zwei oder drei oder unendlich viele. Auch wenn ich sie nicht sehen will, sind sie doch da, immer als Möglichkeit, als Schwingung.

Das also ist Sicherheit: die Hand auf dem Papier, die das alles sichtbar macht, dem ich ohnehin niemals entfliehen kann. Und die Irrtümer fliegen davon wie die Spreu, die himmelwärts davonfliegt, vom Weizen sich trennt. Dann liegt es da, das kleine Korn, bereit zu wachsen, bereit Nahrung zu sein. Bereit. Lass es nicht sinnlos vertrocknen.

30. August – Ein lauter Pfiff

Ein lauter Pfiff schrillte in Jennys Ohren. Aber sie drehte sich nicht um. Sie kannte das bereits. Immer wenn sie an dieser Baustelle vorbeikam, hörte sie die anzüglichen Bemerkungen, die Pfiffe und oft auch Gejohle.

Es war nicht so, dass Jenny irgendwie besonders sittsam oder prüde gewesen wäre. Vielleicht hätten ihr die Zurufe sogar Spaß gemacht, wenn sie von einigermaßen hübschen Männern gekommen wären.

Aber die Bauarbeiter waren entweder uralt, mit schlechten Zähnen, genauso breit wie hoch und einfach ungepflegt oder aber jung und ungelenk und pickelig. Kein einziger war darunter, der auch nur halbwegs annehmbar aussah. Aber sie hatten keinerlei bedenken einer Frau hinterherzupfeifen, die für sie sicherlich immer unerreichbar bleiben würde, außer in ihren Phantasien natürlich.

Da drehte sich Jenny einer plötzlichen Eingebung folgend um.

Die Pfiffe verstummten schlagartig. Die Männer schauten einander betreten an.

Jenny machte ein paar Schritte auf sie zu, warf sich in Pose und musterte die Kerle herausfordernd.

Einer begann sich verlegen die Hände an der Hose abzuwischen, ein anderer griff schnell nach einem Werkzeug und verschwand im Inneren des Gebäudes, zwei weitere schauten betreten zu Boden und der picklige Lehrling lief knallrot an. Keiner wagte auch nur einen Mucks.

Da lächelte Jenny zufrieden und marschierte davon.

25. August – Engel weinen nicht

Engel weinen nicht. Und wenn sie weinen, dann kein Wasser, sondern Blut. Aber das kommt sehr selten vor. Warum sollten Engel weinen?

Sollen sie weinen, wenn ein wunderschönes, liebes, nettes, verehrungswürdiges Menschenwesen stirbt? Nein. Denn dann erheben sie dieses Wesen zu sich und freuen sich.

Sollen sie weinen, wenn ein hässliches, böses, ungehobeltes, verachtenswertes Menschenwesen stirbt? Nein. Denn dann erheben sie dieses Wesen zu sich und heilen seine Bösartigkeit.

Sollen sie weinen, wenn eine wundervolle Seele geboren wird und das Erdenrund durchwandert? Nein. Denn sie wissen, dass die Seele irgendwann wieder mit ihnen singen wird.

Es gibt nur einen Grund, warum Engel weinen. Wenn eine unsterbliche Seele sich entscheidet für immer von allen und allem getrennt zu bleiben. Das kommt nur alle zehntausend Jahre einmal vor.

Aber dann weinen die Engel heißes Blut. Es tropft auf ihre weißen Gewänder. Ihre Schmerzen sind unbeschreiblich grausam. Es dauert lange bis diese Zeichen der Trauer verblassen.

16. August – Ein grünes Sofa

Es war einmal ein grünes Sofa, das stand auf einer Müllkippe herum. Eine Feder stach durch den Bezug, ein großer Riss klaffte im Rücken. Aber das Sofa war glücklich. Endlich konnte es gemütlich in der Sonne stehen, außer ein paar Krähen saß niemand mehr auf ihm.

Und wenn es regnete, sog es sich voll, um dann später in der Sonne wieder zu trocknen. Langsam, sehr langsam rottete es vor sich hin. Da kam eines Tages eine Rattenfamilie und schlüpfte durch den Riss im Rücken in die Polsterung des Sofas. Nagte ein bisschen hier und dort und richtete sich häuslich ein.

Da freute sich das Sofa noch mehr, denn es war nicht mehr allein und konnte immer den kleinen Rattenbabys beim Spielen zusehen und sich mit den Ratteneltern unterhalten.

Natürlich wusste das Sofa, dass es irgendwann einmal völlig zernagt sein würde oder eine große Müllladung auf ihm landen konnte und dann war es mit dem schönen Lotterleben vorbei.

Aber warum sollte es sich darum Sorgen machen. So genoss es einfach jeden Moment und lebte fröhlich und vergnügt bis ans Ende seiner Tage.

6. August – Und der Sinn?

Du willst wissen, was der Sinn des Lebens ist? Ich sag es dir.

Eine Katze streicheln.

Deinen Liebsten küssen bei Mondenschein.

Erdbeeren mit Schlagsahne essen.

Einen angefahrenen Iltis wieder gesund pflegen.

Jemanden trösten, dessen Mutter gestorben ist.

Eine Geburt feiern.

Kindern erklären, warum der Himmel blau ist.

Niemals aufzuhören, warum zu fragen.

Wäsche waschen und Rasen pflegen.

Kirschen, Pflaumen, Äpfel vom Baum pflücken.

Staunen wie schön die Blumen am Feldrand blühen.

Jemandem zum Weinen bringen.

Einen anderen zum Lachen bringen.

Lernen, lernen, lernen.

Lieben, lieben, lieben.

Pflanzen, ernten, bauen, einreißen, große Sprünge machen, kleine Schritte trippeln, sich ausruhen und singen.

Und all die anderen tausend Gründe dafür, dass das Leben einen Sinn hat, schreibst du einfach selbst dazu.

Warum soll ich dir die ganze Arbeit abnehmen?

5. August – Wilhelm ist blockiert

„Himmelherrgottsakra! Kannst du mich nicht eine Minute in Ruhe lassen?“
„Ich wollte doch nur ganz kurz…“

„Raus, hier, raus, ich brauche meine Ruhe“.

Leise schließt Margarete die Tür und Wilhelm atmet auf.

So, jetzt kann es endlich losgehen. Der erste Satz. Kann ja so schwer nicht sein, ein Meisterwerk zu beginnen.

Zu seiner Rechten quillt zerknülltes Papier aus dem Korb. Ihm kommt es vor wie eine Million erste Sätze, aber – er überschlägt schnell, was dort am Boden und im Papierkorb liegt – es handelt sich wohl eher um knappe 45 missglückte Anfänge. Versuchsweise malt er noch ein weiteres Galgenmännchen auf das Stück Papier vor ihm auf dem Schreibtisch.

Wie macht Margarete das nur immer? Jeden Tag schreibt sie eine Geschichte oder ein paar Seiten an ihrem aktuellen Roman. Und er? Er schafft noch nicht einmal die ersten paar Worte oder Sätze, sofort ist alles Mist. Unfähig ist er. Sein Kugelschreiber gräbt sich tief ins Papier. Er malt dem Männchen eine weit herabbaumelnde Zunge. Sinnlos eigentlich noch weiter zu machen. Aber er hat es sich doch vorgenommen.

Endlich im Ruhestand wollte er seinen großen Roman schreiben. Im ersten Jahr hat er sich dann doch um den Garten kümmern müssen und im Heimatverein war so viel zu erledigen. Überhaupt, er musste sich erst einmal daran gewöhnen, ständig zu Hause zu sein. Aber jetzt, jetzt konnte er endlich beginnen. Am Computer wollte er nicht schreiben. Er war mehr für Papier und Stift. Da müssten die Sätze doch viel direkter aus der Hand aufs Papier fließen. Hatte er sich jedenfalls vorgestellt. Außerdem hasste er diese Höllenmaschinen. Seine E-Mails hatte er sich schließlich auch ausdrucken lassen, von seiner Sekretärin.

Apropos Sekretärin. Das wäre es vielleicht. Wenn er Frau Gruber hier hätte, dann könnte er seinen Roman diktieren. Moment mal, er kramt in der Schublade seines alten, dunklen Mahagonischreibtischs. Ja, da war es, das Diktiergerät. Das war doch die Lösung. Er würde einfach alles aufs Band sprechen und später ins Reine schreiben lassen. Er drückt auf den Aufnahmeknopf und legt los.

„Es war an einem dieser Sommertage, an denen es heiß und staubig nicht zu regnen beginnt. Katharina wischte sich den Schweiß von der Stirn und stöhnte als sie versuchte sich aufzurichten. Feldarbeit war ganz und gar nicht ihre…“.
Es klickt unvermittelt, das Band stoppt. Wilhelm fummelt an dem Apparat herum, aber er will sich nicht wieder einschalten lassen.

„Verdammt nochmal“, flucht er vor sich hin. Wahrscheinlich sind die Batterien leer.

Nun ja, das war gar nicht so schlecht. Vielleicht könnte er das einfach aufschreiben, was er da aufs Band gesprochen hatte. Aber, was war das nochmal? Irgendetwas mit Sommertag. Klar.

Er setzt sich hin und schreibt: „So ein heißer Sommertag. Es wollte einfach nicht regnen. Katharina schwitzte wie ein Stier.“

Wilhelm lässt den Stift sinken. Nein, das war doch gar nichts, völliger Blödsinn. Was er da aufs Band gesprochen hatte, war ihm besser vorgekommen. Er geht zur Tür, öffnet und ruft: „Marga!“

Keine Antwort.

„Marga, haben wir noch Batterien?“

„Was?“, schallt es aus der oberen Etage.

„Haben wir noch Batterien?“

„Welche denn?“

Wilhelm guckt verdutzt.

„Keine Ahnung!“

Margarete kommt die Stufen hinunter.

„Brauchst du Mignon-Batterien oder die kleinen, die AAA?“

Auf Wilhelms Gesicht steht ein großes Fragezeichen.

„So eine Batterie, wie in der Küchenuhr oder wie in der Fernbedienung vom Fernseher?“

„Öhm, ja, hab’ noch nicht nachgesehen.“

„Batterien liegen jedenfalls im Werkzeugschrank.“

Margarete lächelt ihn freundlich an.

„Brauchst du noch was?“

Wilhelm holt tief Luft.

„Ach, nein, mein Schatz, dank’ dir“.

Er lässt die Schultern hängen und verschwindet wieder in seinem Arbeitszimmer. Er kapiert einfach nicht, wie Marga das macht mit dem Schreiben. Und er schafft noch nicht einmal die ersten paar Sätze. Einen kleinen Augenblick ist er versucht, die Tür wieder aufzumachen, seine Hand liegt noch auf der Türklinke, und Margarete einfach zu fragen. Aber dann setzt er sich doch lieber an den Schreibtisch, versucht vergeblich die Abdeckung vom Batteriefach zu öffnen und flucht leise vor sich hin.

3. August – Die ganze Wahrheit über Frau Weber

Frau Weber war eine sehr, sehr ordentliche Person. Bei ihr in der Wohnung war es stets aufgeräumt. Jeden Tag wischte sie Staub und putzte auch das Badezimmer und die Küche täglich. Die übrigen Räume kamen mindestens einmal die Woche dran. Niemand durfte die Wohnung mit Straßenschuhen betreten, für jeden standen Filzpantoffeln bereit. Das Parkett musste geschont werden. Das sah auch jeder ein.

Nicht, dass Frau Weber sehr viel Besuch bekommen hätte. Es waren eher Staubsaugervertreter und Lexikon-Verkäufer, die Frau Weber aufsuchten. Und obwohl sie ihnen niemals etwas abkaufte, bewirtete sie die Herren stets mit einem starken Bohnenkaffee und einem Obsttörtchen oder selbstgebackenen Keksen, je nach Jahreszeit. Vielleicht war es also nur dieses Gefühl, freundlich willkommen geheißen zu werden, dass die Vertreter immer wieder zu Frau Weber lockte.

Nur manchmal, da hatte Frau Weber so ein unangenehmes Gefühl. Da begann es sie irgendwie zu stören, diese saubere Wohnung, diese frisch gewischten Böden, diese Leere in ihrem Leben. Da packte sie dann ihren Koffer und fuhr in die große Stadt. Dort stieg sie in einer kleinen Pension ab, setzte sich dann in der Fußgängerzone in ein Straßencafé und schaute den Leuten zu.

Sie beobachtete, wie sie ihre Fahrscheine und Einkaufszettel wegwarfen, sie schaute, wie sie ihr Eis verloren oder den Rest ihrer Pommes mit Ketchup achtlos auf die Straße warfen, und sie sah, wie Kaugummis zu Unmengen auf den Steinplatten klebten. Auch die Leute waren in der Regel schmuddelig. Natürlich nicht alle.

Aber Frau Weber sah vor allem die Punks und Penner, die nach einem Euro fragten, die schwitzend von der Arbeit nach Hause eilenden Werktätigen oder die überforderten, jungen Mütter mit ausgelatschten Schuhen und strähnigen Haaren. Die Gesichter der Kinder meistens verschmiert mit irgendeinem undefinierbaren ekelhaften Brei.

Der Bedienung gegenüber musste sie leider immer die Qualität des Kaffees und den schlecht gespülten Zustand von Tassen und Besteck bemängeln. Auch die Pension war niemals zufriedenstellend.

Und noch am selben Abend checkte sie aus und fuhr schaudernd und mit dem Gefühl nach Hause, der schrecklichen, widerlichen Unordnung noch ein einziges Mal entkommen zu sein.

2. August – Mittag

Es ist Mittag. Hitze staut sich über den Feldern. Die Sonne brennt herunter. Kein Wölkchen ist am Himmel. Kaum ein Insekt wagt es jetzt zur heißesten Zeit des Tages herumzufliegen. Sogar die sonst so fleißigen Hummeln wirken träge. Die Schnecken haben sich irgendwo im Dickicht am Wegesrand, im dunklen Schatten verkrochen.

Und ich bedauere schon, dass ich dort nicht ebenfalls hineinpasse, unter ein paar Blätter am Feldrain. Wie konnte ich nur auf die Idee verfallen, um diese Zeit einen Spaziergang zu machen. So viel Dummheit gehört bestraft, und zwar sofort. Also glühe ich und schwitze zur Strafe.

Dann beginne ich zu kichern. Ich wollte so gerne mal in die Sahara. Die Wüste sehen und erleben, wie das dort ist. Aber ich überlebe ja kaum einen heißen Sommertag in der Mitte Deutschlands. Da fühle ich mich schon wie im Backofen. Wie soll das erst in der Sahara sein? Gibt es die Sahara auch vollklimatisiert, mit Schatten und Vollpension? Ich bekomme doch so leicht Sonnenbrand.

Ich schleppe mich weiter und höre ein Knistern von links, als knüllte jemand rhythmisch 100.000 Butterbrottüten zusammen und zusammen und wieder zusammen ohne Unterlass.

Dann begreife ich, dass das der Weizen ist, der singt. Er ist reif und der heiße Wind lässt ihn knistern, wenn er über ihn hinwegstreicht. Jetzt freue ich mich doch, dass ich mich um diese Zeit aus dem Haus gewagt habe. Wer weiß, ob ich sonst jemals den Weizen hätte singen hören: „Ich bin reif, ernte mich, hörst du, ich will vom Halm, ernte mich, ernte mich.“

1. August – Undankbares Publikum

Das war vielleicht ein undankbares Publikum. Simon lachte aus vollem Hals. Aber die Gesichter der anderen blieben starr, keiner verzog eine halbe Augenbraue, niemand zuckte auch nur ein bisschen mit dem Mund.

Schade, dabei hatte Simon den Witz wirklich lustig gefunden. Er prustete los, sobald er nur daran dachte. Nun ja, vielleicht war diese Gesellschaft zu erlesen für seine zugegeben etwas versauten Scherze. Aber dann hätten sie ihn wenigstens auszischen können. So gar keine Reaktion war schon ziemlich gemein und auch unhöflich.

Also ließ Simon die Leute in ihren Abendkleidern und Anzügen einfach stehen und schlenderte zur nächsten Gruppe. Auf dem Rasen hatten sich ein paar Golfer versammelt. Denen musste doch ein deftiges Witzchen gefallen. Oder waren die am Ende auch so zugeknöpft. Vielleicht versuchte er es mit einem etwas harmloseren Gag.

Simon legte los. Ihm gefiel es sehr gut, wie er die Spannung aufbaute und jeder zweite Satz mit einem skurrilen Schlenker endete. Normalerweise hätten diese blöden Golfer längst die Schläger wegwerfen müssen und sich brüllend vor Lachen auf dem Boden wälzen. War aber nicht. Sie schauten einfach arrogant über ihn hinweg auf das Green. Simon wollte gerade anfangen, sein Publikum auszuschimpfen, da hörte er Herrn Köhnlechner.

„Was machen Sie denn da?“, rief er ihm ungeduldig über die Regale mit Sportwaren zu. „Wenn ich wiederkomme ist der Boden fertig gewischt, verstanden?“

Simon warf den Golfern einen kurzen Seitenblick zu und griff wieder nach dem Wischmopp. Jetzt begannen sie leise zu kichern und flüsterten sich etwas zu, während sie mit den Fingern auf Simon zeigten.

„Elendes Publikum!“, dachte Simon. Hoffentlich war er nächste Woche wieder in der Damenabteilung. Die Zuschauerinnen dort waren sehr viel verständnisvoller und lachten zumindest ab und zu höflich über sein Programm.