24. Juni – Brunos Hündin

Heute Abend machte ich einen schönen Spaziergang übers Feld und dann durch den Wald. Aber schon am Waldrand lief plötzlich eine schwarze Hündin mit weißen Pfoten, weißer Schwanzspitze und kecken, weißem Kragen auf mich zu. Ich schaute mich um, weit und breit kein Mensch zu sehen. Da ich nicht wollte, dass die Hündin mich mit staubigen Pfoten ansprang, rief ich: „Aus“. Und sie setzte sich brav vor mich und schaute mich erwartungsvoll an.

„Wer bist du denn?“, fragte ich und tätschelte der Hündin vorsichtig den Kopf. Das schien ihr nicht ganz so gut zu gefallen, denn sie schüttelte sich, sprang auf und ging vor mir den Weg entlang, dem ich auch gerade folgte.

Na ja, dachte ich mir, sie macht wohl auch gerade ihren Abendspaziergang. Jedenfalls kann die nicht mit mir nach Hause. Ich will mich jetzt nicht noch um einen Hund kümmern.
Also ging ich weiter und die Hündin trabte mir voran. Dann blieb sie stehen und schnüffelte. Ich gewann einen Vorsprung. Sie eilte mir wieder nach. Die Hündin wollte abbiegen. Ich ging geradeaus. Die Hündin machte einen Schlenker – geradeaus.

So ging das eine ganze Weile. Ein Auto fuhr vorbei. Ich ging nach rechts, die Hündin nach links. Ein Fahrradfahrer kam uns entgegen und fuhr zwischen uns hindurch. Dann bog ich rechts ab und die Hündin folgte mir. Hier war der Wald besonders dicht, nur noch spärlich drangen die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach. Ich schob meine Sonnenbrille hoch und sagte:

„Machen das jetzt Hunde auch schon wie Katzen, sich einfach ihr Herrchen aussuchen?“ Die Hündin scharwenzelte von meinen Worten unberührt durch das Dickicht am Wegesrand und setzte sich alle paar Meter zum Markieren nieder.

„Was würdest du sagen, wenn ich das andauernd machen würde?“, fragte ich. Plötzlich sah ich einen orangenen Fleck auf uns zukommen. Nach einer Weile erkannte ich eine Frau mit einem kleinen zotteligen Irgendwas-Terrier. Beunruhigt schielte ich zu der Hündin hinüber, die den anderen Hund anscheinend noch nicht bemerkt hatte. Genüsslich beschnüffelte sie das Grün am Wegesrand und pinkelte auf einen heruntergefallenen Ast. Auch als die Spaziergängerin näher kam, blieb sie desinteressiert. Wahrscheinlich nahm sie den kleinen Köter nicht weiter Ernst. Von dieser Entwicklung beruhigt, sprach ich die Spaziergängerin an:

„Sagen Sie mal, kennen Sie diesen Hund? Der läuft mir dauernd nach.“

„Ach, ich dachte, das wäre ihr Hund.“

„Nein, nein!“ – und falls er ihren kleinen Hund anfällt, ist es nicht meine Schuld.

So ging ich weiter und die Hündin trottete neben mir her. Manchmal lief sie auch voraus. Auf jeden Fall fühlte auch ich, dass wir zusammengehörten. Dann bog ich auf einen kleinen Pfad ab. Der war durch eine große, hölzerne Umlaufsperre gesichert, damit Fahrradfahrer absteigen müssen. Aber auch die Hündin blieb ratlos stehen.

„Komm“, sagte ich, „hier entlang“, und wartete auf sie. Schließlich fand sie den Weg um die Holzbalken herum und wieder trotteten wir gemeinsam. Die Hündin lief meistens voraus und drehte sich nur um, wenn ich knackend auf einen Zweig trat.

Eigentlich wollte ich die große Runde machen, die mich noch ein Stück über Feldwege, dann am Rand einer Ortschaft entlang und über die Kreisstraße geführt hätte. Aber die Hündin hechelte schon genug von der Hitze. Also nahm ich einen kleinen Trampelpfad im Waldesinnern.

Dort war es schattig und kühl und es gab viel zu schnüffeln. Einträchtig gingen wir. Wenn der Weg besonders schlammig war und ich ein möglichst trockenes Durchkommen suchte, wartete die Hündin auf mich. Wenn sie irgendwo besonders intensiv die Nase in den Waldboden steckte und ein bisschen wühlte, wartete ich.

Schließlich kamen wir wieder an unserem Ausgangspunkt an. Dort joggte uns eine Frau mit einer großen, freilaufenden Dogge entgegen. Als sie uns sah, legte sie ihrem Hund die Leine an.

„Entschuldigung“, sagte ich, „kennen Sie diesen Hund?“

„Ach“, rief die Frau, „ich dachte, das wäre ihrer! – Ach ne, das ist ja Brunos Hündin!“

Eilig leinte sie ihren Hund wieder ab.

„Dann mach ich meinen aber los, denn meine Zitta kann sie nicht leiden.“

Und tatsächlich, als die Frau mit dem Hund vorbei war, rannte die Hündin plötzlich hinter den beiden her und bellte und knurrte. Das war ja die Gelegenheit, mich schnell und heimlich aus dem Staub zu machen. Also ging ich schnell Richtung Heimat. Aber vergebens, ich hörte eilige Trippelschritte hinter mir. Ich blieb stehen.

„Aus!“ Die Hündin setzte sich hin und schaute mich erwartungsvoll an. Ich tätschelte ihren Kopf.

„Das war ein schöner Spaziergang, aber jetzt musst du nach Hause.“

Dann ging ich weiter, die Hündin hinterher. Ich hob die Hand in Gegenrichtung und sagte in scharfem Ton:

„Los, geh heim, los!“

Da ließ die Hündin die Ohren hängen, wandte sich um und trottete nach Hause. Ich schaute mich noch oft nach ihr um. Aber sie schaute nicht zurück. Kein einziges Mal.

23. Juni – Der goldene Vogel

Wenn ich nicht so müde wäre, dann würde ich Euch erzählen, wie mir heute ein goldener Vogel begegnet ist, der sehr interessante Ansichten zur Kükenaufzucht vertrat.

Ich konnte ihn leider nur schwer verstehen, weil er zwischen den Worten ständig pfiff und trillerte. Bevor ich mir vor lauter Schmerzen die Ohren zuhalten musste, bekam ich aber noch Folgendes mit:

„Es gibt“, sagte der Vogel, „mehrere Methoden seine Kinder aufzuziehen. Wenn sie noch im Ei sind, brauchen sie Wärme und Liebe, damit sie wachsen und gedeihen. Irgendwann wird es ihnen dann zu eng in der Eierschale, weil sie einfach zu stark gewachsen sind. Dann strengen sich die kleinen Vögelchen fürchterlich an, picken mit ihrem Eizahn die Schale auf und kommen heraus.

Freilich, nicht jedes Küken mag aus seiner Schale herauskommen, manche entscheiden sich aufzugeben. Es ist nämlich fürchterlich anstrengend so eine Eierschale von innen aufzupicken und sich herauszustemmen. Ich weiß ja nicht, ob du das schon einmal versucht hast?“

Der Vogel legte den Kopf schief und schaute mich fragend an. Ich guckte verdutzt, zuckte mit den Schultern und wiegte den Kopf hin und her. Sehe ich aus wie aus einem Ei geschlüpft? Wie kommt er darauf?

„Ich kann es mir vorstellen“, antwortete ich schließlich.

„Dann verstehst du, dass viele kleine Vögel da schon aufgeben. Manche wachsen auch einfach nicht in ihrem Ei, weil sie nicht genug Wärme und Liebe bekommen haben, andere glauben nicht daran, dass es ihnen außerhalb des Eis gefallen wird und dann gibt es natürlich die Vogelkinder, die es gar nicht erwarten können endlich aus dem engen Ei herauszukommen. Die reißen dann auch als erste den Schnabel ganz weit auf um von ihren Vogeleltern gefüttert zu werden.“

Ich nickte, um anzudeuten, dass ich noch folgen konnte. Also fuhr der goldene Vogel fort:

„Und dann kommt irgendwann der Tag, wo die Eltern ihre Küken aus dem Nest werfen, damit sie fliegen lernen. Nun ja, die meisten jungen Vögel wollen von selbst fliegen lernen, aber manchmal gibt es hartnäckige Nesthocker und die müssen dann einfach raus aus dem Nest. Schließlich haben wir alten Vögel auch noch etwas anderes zu tun außer unsere Brut aufzuziehen.“

„Ah, ja!“, sagte ich und lächelte verständnisvoll.

„Wenn natürlich die alten Vögel gar keine Zeit für die Aufzucht haben, dann legen sie schon das Ei in das Nest eines anderen Vogelpaares. Das ist natürlich am wenigsten zeitraubend.“

Ich hüstelte verlegen.

Was, um Himmels willen, machen die alten Vögel denn so Wichtiges? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, welche Lebensziele so ein Vogel verfolgen mag. Nur weil mir die Ohren so wehtaten, mochte ich nicht weiter nachfragen.

ußerdem war mir das auch ein bisschen peinlich, womöglich hätte ich den Vogel mit dieser Frage beleidigt. Mit etwas Glück erzählt mir der goldene Vogel das bei seinem nächsten Besuch. Oder fragt Ihr ihn doch mal und sagt es mir dann weiter.

22. Juni – Juckreiz

Das fing alles mit so einem unangenehmen Juckreiz an, hinter den Ohren, an den Fußsohlen. Christiane versuchte es zunächst mit allerlei Salben, aber nichts nützte. Ob das wieder die Schuppenflechte war?

Dabei hatte sie doch längst ihre Ernährung umgestellt, es gab nichts Scharfes, keine Zitrusfrüchte und überhaupt – so gesund wie sie konnte kaum einer leben. Christiane rauchte nicht, trank nicht, nahm keine Tabletten, noch nicht einmal gegen Kopfschmerzen, sie aß nur Fleisch von glücklichen Tieren und davon wenig, sie griff nur zu Bio-Gemüse und Bio-Obst. Und diese Umstellung hatte ihr in den letzten zehn Jahren keinen einzigen Rückfall beschert. Warum also juckte es jetzt? Hatte sie vielleicht zu viel Stress?

Aber nein, ihr ging es gut, ihre Arbeit erfüllte sie – Christiane arbeitete als Floristin – und auch sonst war alles in Ordnung. Ihr Freund war wie immer. Mit der Familie alles in Ordnung. Sogar die Katze war gesund und munter. Vielleicht hatte sie zu wenig Stress. Fühlte sie sich vielleicht unterfordert, unausgelastet? Sie hatte schon einmal davon gelesen, dass es Leute gab, die einen Burn-out bekamen, weil sie zu wenig Arbeit hatten oder sie zu wenig geachtet und respektiert wurden. Aber auch das traf nicht auf Christiane zu. Merkwürdig.

Also ging Christiane zu ihrer Heilpraktikerin und die verschrieb ihr ein Mittel. Danach juckte es auch in den Kniekehlen und in den Ellenbeugen. Zuerst dachte Christiane, das sei die Anfangsverschlimmerung. Aber dann juckte es auch im Nacken, unter den Achseln und im Schritt. Das war doch nicht normal. Morgens beim Meditieren konnte sie sich oft sehr schwer auf ihren Atem konzentrieren. Das Jucken war einfach unerträglich und noch unerträglicher war es, dass sie einfach nicht wusste, warum ihr das widerfuhr.

Sie ging wieder zu ihrer Heilpraktikerin, die ließ sich alles genau erzählen, schaute sich die juckenden Stellen an, wiegte den Kopf etwas hin und her, schließlich verschrieb sie Christiane ein anderes Mittel. Danach juckte es auch am Rücken, das ganze Rückgrat entlang. Christiane glaubte an keine Anfangsverschlimmerung mehr.

Am Abend, als sie langsam zur Ruhe kam und zu Bett gehen wollte, spürte sie den Juckreiz so stark, dass sie das erste Mal in ihrem Leben zwei große Gläser Rotwein trank, um sich zu betäuben. Schwer wie ein Spelzensack fiel sie ins Bett und schlief sofort ein. Sie merkte nicht, wie sie sich im Schlaf kratzte und wand und scheuerte.

Am nächsten Morgen schlug Christiane die Augen auf und sah goldenes Sonnenlicht durch ihr Fenster fallen. Die Amseln sangen im Duett und ein kleiner Zaunkönig rief sein lautstarkes Tschilp dazwischen. Christiane räkelte und streckte sich wohlig. Dann erst merkte sie: Das Jucken war fort. Einfach verschwunden. Mit Schwung sprang sie aus dem Bett und verfing sich mit den Füßen fast in einem knisternden, nicht ganz durchsichtigen Gewebe.

Vorsichtig hob sie es auf. Es sah beinahe aus wie ein Maleranzug aus Papier, an den Gelenken, am Hals, im Schritt und am Rückgrat aufgescheuert, aufgeplatzt. Es fühlte sich merkwürdig an, pergamentartig. Sie hielt den Anzug mit spitzen Fingern eine Armlänge von sich weg. Und plötzlich wurde ihr klar, was sie da in der Hand hielt. Christiane hatte sich gehäutet. Sie war tatsächlich aus der Haut gefahren.

Christiane schaute in den Spiegel. Ihr kam es so vor, als sei sie ein paar Zentimeter gewachsen. Die Hosen ihres Pyjamas endeten plötzlich deutlich über ihren Fußknöcheln. Auch die Ärmel des Oberteils waren zu kurz. Dann schaute Christiane genauer hin. Die Haut an ihrem Körper sah rosig und frisch aus. Keinerlei Kratzspuren oder trockene Stellen mehr. Sie lächelte sich zu. Dann nahm sie ihre alte Haut, faltete sie ordentlich zusammen und legte sie in ihren Schrank. Vielleicht wäre es einiges Tages nützlich zu wissen, wie oft sie sich gehäutet hatte.

21. Juni – Knapp vorbei ist auch nah dran

Benni hasste Ballspiele jeglicher Art. Ob die nun mit großen Bällen wie Fußball, Basketball oder Volleyball gespielt wurden oder mit kleinen und kleinsten wie Tennis und Tischtennis. Er hatte einfach keine Chance. Aus irgendeinem dummen Grund war seine Koordination so unterentwickelt, dass er eben immer nur fast traf aber niemals richtig, weder das Tor, noch in den Korb, geschweige denn über das Netz. Schläger waren noch schlimmer. Wenn er mit dem Schläger überhaupt den Ball traf, dann flog der bestimmt nicht dahin, wo er sollte, sondern irgendwo hinter Benni oder aufs Garagendach.

Das löste bei seinen Eltern unterschiedliche Verhaltensmuster aus. Seine Mutter beugte sich tröstend über ihn und sagte: „Knapp vorbei ist auch nah dran. Das ist doch schon ganz gut. Das nächste Mal klappt’s bestimmt!“

Sein Vater aber sah sich in der Pflicht, dem ungeschickten Sohn endlich beizubringen, wie das richtig ging. Also pflasterte er den Rasen hinter dem Haus mit Fußballtor, Basketballkorb und einem Volleyballnetz. Das konnte man niedrig hängen und wenigsten Softball spielen, wenn es auch für echtes Tennis nicht reichte. Auch für Tischtennis hatte der Papa gesorgt, die Platte stand im Keller. So konnte Benni noch nicht einmal bei schlechtem Wetter auf eine Pause hoffen.

Obwohl sich keinerlei Besserung in Bennis Spiel einstellte, weigerte sich Bennis Vater, aufzugeben. Jeden Abend und jedes Wochenende nötigte er den immer bockiger werdenden Benni auf den Rasen. Schließlich brüllte Benni nur noch: „Ich will nicht, ich will nicht!“ Der Ball konnte ihm ruhig gegen den Kopf oder den Körper prallen, dann ließ er sich einfach fallen und betrachtete die Wolken. Bis sein Vater zu ihm kam und die Sicht verdeckte. „Ich will nicht!“, sagte Benni.

Also ließ Bennis Vater die Schultern hängen, trottete ins Haus und murmelte: „Dann eben morgen. Wäre doch gelacht.“ Aber aus morgen wurde übermorgen und überübermorgen. Benni machte einfach nicht mehr mit. Und sein Vater musste sich geschlagen geben. Er war noch nicht einmal mehr fähig das Tor, den Korb und das Volleyballnetz abzubauen, so enttäuscht war er.

Als Benni Geburtstag feierte, lud er seine Klassenkameraden ein. Die fanden das richtig toll in Bennis Garten. Vor allem konnte man prima Fußball spielen, wenn das blöde Volleyballnetz beiseite geräumt war. Also kickten die Jungs ein bisschen. Benni baten sie, sich ins Tor zu stellen. Den ganzen Tag gelang es seinen Klassenkameraden nicht, auch nur einen einzigen Ball ins Tor zu bekommen. Benni hielt den Kasten sauber.

Als am Abend sein Vater von der Arbeit nach Hause kam, traute er seinen Augen kaum. Benni spielte Fußball! Freiwillig! Und machte es auch noch gut! Da kam seine Frau zu ihm, legte tröstend ihren Arm um seine Schulter und sagte: „Knapp vorbei ist auch nah dran. Hab’ ich doch gleich gesagt, dass es das nächste Mal klappt.“

20. Juni – Einmal Karma und zurück

Gemeinhin wird Karma überschätzt. Die meisten schwärmen zwar davon, fühlen sich auch irgendwie ganz geläutert, wenn sie zurück sind. Aber für mich, ehrlich gesagt, ist das nichts.

Selbstverständlich kenne ich auch die Plakate und die Werbefilme, aber das allein hätte mich nicht dazu gebracht dieses sehr preisgünstige Last-Minute-Angebot nach Karma in Anspruch zu nehmen. Eher, würde ich sagen, waren es die enthusiastischen Schilderungen meiner Freundinnen. Die sagten, sie fühlten sich jetzt so rein und auch sehr viel schlauer als vorher. Und ein unvergessliches Erlebnis sei es auch gewesen.

Natürlich, als unvergesslich würde ich mein Erlebnis auch bezeichnen. Allein schon diese irre Talfahrt ins gleißende Licht nach dem ewigen Rumgehänge in so einem Vorbereitungsraum. Es ging dann schon gleich los, anstatt meiner Betreuerin an die Brust gelegt zu werden, wurde ich sofort entführt und in so einen Kasten gesteckt, da war es sehr warm aber auch elend einsam.

Das hatten die wahrscheinlich im Kleingedruckten erwähnt, dass es auch richtig mieses Karma geben kann. Irgendwie erinnere ich mich auch dunkel, dass da so irgendetwas stand, von wegen „die Ursachen entfalten jetzt ihre Wirkung“, oder so ähnlich. Na, muss ich das verstehen? Bei einem eben mal schnell gebuchten Last-Minute-Trip? Eben!

So fing das an. Später kam ich dann doch wieder zu meiner Betreuerin, die bestand darauf, dass ich sie Mama nenne, also tat ich ihr den Gefallen – allerdings erst viel später. Denn lachhafterweise konnte ich weder sprechen noch herumgehen. Ich war ganz auf die freundliche Hilfe meiner Betreuerin angewiesen.

Die schleppte mich zu sich nach Hause, da traf ich noch so ein paar arme Reisende, die nicht recht wussten, wie ihnen geschah. Ein paar Jahre Erfahrung hatten sie mir dennoch voraus. Also hielt ich mich erst einmal an ihre Ratschläge.

Von der Reiseleitung weit und breit keine Spur. Ich konnte mich also noch nicht einmal beschweren. Das war schon sehr ärgerlich. Vor allem als das so richtig losging mit den unangenehmen Erlebnissen. Zähne bekommen, ständig Umfallen beim Laufen lernen, ständige Konfrontation mit mies gelauntem, männlichem Hausgenossen, der in irgendeiner nicht genau zu ergründenden Beziehung zu meiner Betreuerin stand.

Dann natürlich Streit mit den anderen Reisenden, die dachten doch glatt, sie wüssten alles besser. Dann wurde ich in etwas geschickt, was sich Schule nannte, ganze neun Jahre musste ich da zubringen! Und dann die Komplikationen mit den anderen Schulbesuchern. Da gab es nämlich männliche und weibliche Kategorie. Bis ich da erst einmal dahinter kam, dauerte es ein paar Jahre.

Als ich dann aber entdeckte, dass die weibliche Kategorie echt voll blöde war, weil ich dann angeblich immer mit Puppen spielen sollte und nicht mit Autos einen Verkehrsunfall nachstellen durfte. Außerdem sollte ich nicht auf Bäume klettern, keine Jungs verhauen und überhaupt mein Licht ständig unter den Scheffel stellen, damit die Jungs sich nicht benachteiligt fühlen, sondern groß und stark und heldenhaft.

Da dachte ich doch, irgendwas ist hier echt schief gelaufen mit meinem Trip nach Karma. Und gerade habe ich auf meinem Ticket gesehen, dass die Rückreise in frühestens 54 Jahren anzutreten ist. Was mir da wohl noch alles bevorsteht? Aber eins weiß ich genau, wenn ich zu Hause bin, da schwärme ich den Daheimgebliebenen auch was vor, wie toll das hier ist. Ich sehe doch nicht ein, dass ich die Einzige bin, die auf diese falschen Empfehlungen reingefallen ist.

19. Juli – Lilien

Lilien – grün und weiß. Wachsen wo? In der Nähe von Gewässern vielleicht. Als altes Stadtkind kenne ich die meisten Blumen, Pflanzen, Obstsorten nur aus Geschäften. Geordnet, genormt, ins beste Licht gerückt. Weiße Lilie – Trauerblume.

Warum eigentlich? Wächst sie nicht genauso wie die Rose, die Tulpe oder das Gänseblümchen aus der Erde mit Sonnenschein, Wasser und Mineralien als Nahrung?

Im Sommer, wenn die Straßen staubig werden und die Hitze mich zur Langsamkeit zwingt, dann säße ich gerne im Kelch einer Lilie, leicht beschattet, ein paar Wassertropfen perlen an der glatten Blütenwand. Über mir nichts als Himmel und Wolken und ab und zu eine brummende Hummel, die Blütenstaub von Blüte zu Blüte trägt. Also ehrlich, falls Lilien durch Hummeln bestäubt werden.

Natur ist mir so fern, darum kann ich auch gefahrlos davon träumen, inmitten von ihr zu entspannen.

18. Juni – Das Malbuch und das kleine Mädchen

„Kann ich helfen?“ Julia beugt sich über das kleine Mädchen, das am Boden sitzt und in einem Malbuch herumkritzelt. Ein unbezahltes Malbuch, mitten im Laden, auf dem Fußboden, die Stifte stammen auch von hier und sind genauso wenig bezahlt.

„Wo ist denn deine Mutti?“

Julia versucht, freundlich zu bleiben. Das Kind kann doch nichts dafür. Aber wo sind die Eltern? Julia schaut suchend über die Verkaufstische und Displays. Niemand zu sehen. Die Buchhandlung ist plötzlich wie leergefegt.

„Wie heißt du denn?“

Das Kind sagt kein Wort, schaut Julia nur mit großen Augen an, bevor es sich wieder über das Malbuch beugt und ungeschickt den Himmel knallrot anmalt. Das gibt es doch nicht. Wer lässt denn einfach sein Kind hier zurück? Die Kleine ist höchstens drei.

„Den Himmel musst du aber blau machen!“

Wieder schaut das Mädchen mit großen Augen zu Julia hoch, blickt sie kurz mit einem strahlenden Lächeln an und kritzelt weiter einen blutroten Himmel über einem noch nicht ausgemalten Karussell.

In einer halben Stunde schließt Julia den Laden.

Bis dahin muss das Kind verschwunden sein.

Unruhig geht sie im Laden auf und ab, schaut in jede Ecke, sogar unter die Verkaufstische. Vielleicht ist die Mutter ohnmächtig geworden und liegt jetzt unter den aufgestapelten Aktionswaren. Aber nein, niemand da. Es ist wie verhext. Kein einziger Kunde betritt mehr die Buchhandlung.

Julia steht an der Tür und schaut die Straße entlang. Irgendwo muss doch die Mutter sein. Julia sieht aber nur die alte Schawitzki von gegenüber mit ihrem Hund Poldi Gassi gehen. Ein paar Jugendliche drücken sich an der Ecke vor der Spielhalle herum. Niemand weit und breit, der zu dem Kind gehören könnte.

Eigentlich müsste Julia jetzt nach Hause, aber was macht sie dann mit dem Kind? Vermutlich sollte sie die Polizei rufen. Sie schließt von innen die Tür ab, geht zum Telefon.
Die Kleine malt immer noch. Die Sonne in ihrem tiefroten Himmel ist schwarz.

Das ist doch sicher kein gutes Zeichen, wenn das Kind den Himmel blutrot malt und die Sonne schwarz. Außerdem müsste sie längst sprechen können.

Natürlich, Julia ist keine Psychologin, aber das hat sie ja schon oft genug im Fernsehen gesehen. Wahrscheinlich wird die Kleine misshandelt. Julia wählt Eins Eins Null. Freizeichen.
In dem Moment schaut die Kleine wieder zu ihr hoch und sagt: „Mama!“

Julia zuckt zusammen.

Das arme Kind. Sie kann sie doch nicht einfach der Polizei ausliefern. Sie legt auf.

„Gut, dann nehme ich dich eben mit!“, sagt sie zu dem Mädchen.

16. Juni – Begegnung

Rita schlenderte die Goethestraße entlang. Endlich frei! Was sollte sie mit diesem wunderschönen Sommertag anfangen? Vielleicht im Park einen ausgedehnten Spaziergang und danach ein Eis bei „da Carlo“, den gehetzten Menschen zuschauen, den quengeligen Kindern, den gestressten Müttern. Und sie hatte heute alle Zeit der Welt.
„Hey, Rita, wie geht’s denn so? Lange nicht gesehen!“

Rita drehte sich um. Die Stimme kam ihr doch bekannt vor. Schon sah sie Georg über die Straße zwischen zwei Autos hindurch auf sie zulaufen. Oh, nein ausgerechnet Georg. Rita zwang sich zu einem Lächeln.

„Hi!“

„Gut siehst du aus!“ Georg grinste sie breit an.

Rita konnte dieses Kompliment nun wirklich nicht erwidern. Georg hatte sich völlig verändert. Sein Gesicht aufgedunsen und auch sonst wirkte er moppeliger als früher. Dabei war er auch in der Oberstufe schon keine Schönheit gewesen. Sie erinnerte sich noch gut an seine stillen aber ausdauernden Annäherungsversuche.

Er kapierte einfach nicht, dass sie ihn zum Kotzen fand. Einfach unausstehlich. Widerlich. Und jetzt schaute er schon wieder so.

„Mensch, dass wir uns mal wiedersehen! Bist du immer noch mit diesem Dings, dem Anwalt zusammen?“

Rita runzelte die Stirn.

„Bastian meinst du? Nein, nein.“

Um Gottes willen! Georg erinnerte sich noch an den! Das war doch mindestens 15 Jahre her. Wie kam er darauf, dass sie immer noch mit diesem Totalversager zusammen war?

„Und, was treibst du so?“

„Och“, sagte sie.

Was konnte sie erzählen? Bloß nichts sagen, aus dem Georg Rückschlüsse auf ihren Arbeitsplatz oder Wohnort ziehen konnte. Der fing wieder an mit albernen Geschenken und schmalzigen Briefen!

„Ich bin jetzt beim Fernsehen“, platzte Georg heraus, „kleiner Privatsender, aber voll seriös. Nicht so Spiele, richtig Moderation!“

„Schön, gratuliere.“

Rita rang sich ein Lächeln ab. Das passte zu Georg, vor 15 Jahren hatte er rumgesponnen mal den Gottschalk abzulösen. Große Samstagabendshow. Klar! Was war falsch mit ihr, dass solche Totalversager auf sie abfuhren? Sie schaute auf ihre Armbanduhr.

„Du, war nett. Hab’s leider eilig!“ Seitdem ich dich Hirni getroffen habe, ergänzte sie bei sich und lächelte wieder gequält.

„Oh, ja klar“, sagte Georg, „toll, dass wir uns mal getroffen haben!“

„Ja, wirklich toll.“ Warum merkte er nicht, dass sie diese Begegnung alles andere als toll fand? Sie wandte sich halb zum Gehen.

„Will dich nicht aufhalten.“ Und warum laberte er dann weiter?

„Mach’s gut. Viel Erfolg noch mit deiner Sendung“. Mühsam hielt sie die Maske der Höflichkeit aufrecht. Drei Meter hatte sie schon zwischen sich und ihn gebracht.

„Ja, Tschüß dann, hab’ auch noch n Termin!“, rief er.

Wer’s glaubt, wird selig!

Rita schlenkerte unbestimmt mit der rechten Hand in der Luft, lächelte ein letztes Mal wie aufgezogen und ging mit eiligen Schritten davon.

Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie, wie Georg ihr nachblickte, die Hand immer noch zum Abschiedsgruß erhoben.

15. Juni – Zeus‘ Verhandlung

Zeus saß auf der Anklagebank. Er schmollte. Mit fest vor der Brust verschränkten Armen beobachtete er den Richter, der gerade den Saal betrat. GOTT nannte sich der Typ oder auch Jehova. Behauptete neuerdings, der einzige wahre Gott zu sein. Ganz schön unverschämt. Zeus weigerte sich, aufzustehen und schob demonstrativ die Unterlippe vor, während Stühle schurrten, Füße scharrten und Kleider raschelten. GOTT setzte sich und die Menge tat es ihm nach.

„Angeklagter“, wandte sich GOTT an Zeus, „Ihnen wird zur Last gelegt, sich der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung in 48 schweren Fällen schuldig gemacht zu haben. Dabei – so legen es die Aussagen der Geschädigten nahe – haben sie sich meist als Tier verkleidet, um sich Ihren Opfern unerkannt nähern zu können und ihr Vertrauen zu gewinnen.“ Zeus rutschte ein wenig auf seinem Stuhl herum und warf einen Seitenblick zu Hera, die auch anwesend war. Ihr Blick war eisig. Trotzdem stand sie zu ihrem Gatten – glaubte Zeus jedenfalls.

Dann erteilte GOTT Gabriel das Wort, der die Interessen der Gottesmacht vertrat. Der verlas die Anklageschrift im Detail und zählte auf, an welchen Frauen sich Zeus in welcher Form vergangen habe. Die Liste war lang. Zeus bemühte sich um einen unbeteiligten Gesichtsausdruck. Aber manchmal zuckte doch seine Augenbraue, besonders als die Namen Leda, Europa und Io fielen. Dann führte Gabriel sogar noch Alkmene an, der er sich in der Gestalt ihres Ehemannes Amphitryon genähert haben sollte.

Wieder warf Zeus einen verstohlenen Blick zu Hera. Hoffentlich glaubte sie den ganzen Quatsch nicht. Es war doch klar, dass ihm der ganze Kram nur angedichtet wurde. Das musste sie doch auch wissen. Ihr Blick war immer noch eisig. Eine halbe Stunde später war Gabriel endlich fertig mit der Liste seiner Anschuldigungen. Und Satan erhob sich, um Zeus zu verteidigen.

Natürlich war Satan ein dämlicher Lackaffe und gehörte überdies zu GOTTES Personal. Zeus versprach sich also nicht besonders viel von seiner Verteidigung. Obwohl Satan ihm versichert hatte, er wäre ganz scharf darauf, GOTT fertig zu machen.

Trotzdem hätte Zeus lieber Hades als seinen Verteidiger berufen. Aber der saß selbst gerade in Untersuchungshaft. Er soll angeblich seine Frau als junges Mädchen entführt und dann in seinem unterirdischen Bunker gefangen gehalten haben. Das war natürlich Unsinn. Völlig lachhaft. Schließlich war Persephone Zeus’ Tochter und er würde doch niemals eine solche Behandlung seines Kindes zulassen. Andererseits Demeter war Zeus’ Schwester, vielleicht sollte er das lieber nicht an die große Glocke hängen, dass sie eine gemeinsame Tochter hatten. Das war ja heutzutage nicht so gern gesehen. Hatte er gehört.

In Wirklichkeit war Demeter doch nur stinkig, dass Persephone sich an so einen Unterweltrocker weggeworfen hatte, anstatt sich einen anständigen Gott als Lebenspartner zu wählen. Deswegen hatte sie diese dumme Geschichte in die Welt gesetzt. Persephone hatte zwar für Hades ausgesagt, aber ein Gutachter hatte behauptet, sie litte an so einem albernen Syndrom. Zeus erinnerte sich nicht mehr genau. Das hieß nach irgendeiner nordischen Stadt. Helsinki oder so.

Die Schergen GOTTES jedenfalls, diese Engel, waren natürlich voll auf diese ganzen Märchen und Mythen abgefahren. Dabei wusste Zeus gar nicht, warum GOTT sich überhaupt solch eine Mühe machte. Schließlich war der Olymp inzwischen nur noch ein Gebirge in Griechenland und Zeus und seine Götterfamilie zählten eher zur Folklore, als das jemand sie noch ernsthaft verehrte. Warum also jetzt diese Prozesslawine? Zeus hatte ehrlich gesagt keine Idee. Aber er behauptete ja auch nicht von sich, allmächtig zu sein. Vielleicht würde er im Laufe des Prozesses noch dahinter kommen, was GOTT wirklich beabsichtigte.

Zunächst vertagte GOTT aber erst einmal. Zeus wandte sich flüsternd an Satan, ob er nicht wenigstens seine Freilassung auf Kaution beantragen könne, aber der schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das passt nicht zu meiner Strategie!“ Tja, toll, Strategie, dachte Zeus, bevor er wieder in seine langweilige Zelle geführt wurde. Mit einem Besuch von Hera rechnete er jedenfalls nicht.

Am nächsten Verhandlungstag rief Gabriel alle 48 geschädigten Frauen in den Zeugenstand. Dies dauerte den ganzen Vormittag. Aber Zeus hatte den Verdacht, dass GOTT die Zeit manipulierte. Für Zeus verging der Vormittag jedenfalls in rasender Schnelle und gerann zu einer einzigen charakteristischen Handbewegung: dem ausgestreckten auf ihn gerichteten Zeigefinger.

Satan schien seinen Job schlecht zu machen. Er fragte wenig, versuchte gar nicht, die Unglaubwürdigkeit der Zeuginnen zu beweisen. Aber immer wenn Zeus sich zu ihm umwandte, gluckste Satan nur zufrieden und glücklich in sich hinein, als hätte er noch einen Trumpf im Ärmel. Zeus hoffte jedenfalls, dass der Ausdruck in Satans Gesicht diese Bedeutung hatte. Vielleicht freute er sich auch nur darüber, dass Zeus bald für immer und ewig im Knast landete. Die Demütigung nur noch ein Folklore- und Operettengott zu sein, hatte ihn schon hart genug getroffen. Mehr – das wurde ihm immer bewusster – würde er nicht ertragen.

Dann rief Gabriel Hera auf – als Zeugin der Anklage. Am liebsten hätte Zeus sich unter dem Tisch versteckt. Ihr Blick! Ihr Blick war für ihn einfach unerträglich. Er hörte nicht wirklich, was sie sagte. Erst später sollte er sich bruchstückhaft erinnern. Aber dieser Blick, der sagte ihm alles. Zeus war inzwischen überzeugt, dass seine Chancen als freier Gott diesen Gerichtssaal zu verlassen gegen Null tendierten. Trotzdem – Satan gluckste immer noch.

Nach der Mittagspause geschah dann das Unfassbare. Satan rief GOTT in den Zeugenstand. Der versuchte sich erst herauszuwinden. Ein Richter könne nicht in den Zeugenstand gerufen werden. Aber Satan überzeugte ihn davon, dass er als allmächtiger Gott alles könne. Das nannte Zeus, GOTT mit seiner Eitelkeit austricksen, und schöpfte das erste Mal wieder Hoffnung.

Satan freute sich augenscheinlich teuflisch, GOTT in die Zange zu nehmen. Als erstes verlangte er, dass GOTT auf die Bibel schwor, die Wahrheit zu sagen. „GOTT“, fuhr Satan danach fort, „ich weiß aus sicherer Quelle, dass Deine Marketingabteilung Dich dazu gedrängt hat, diesen Prozess anzustrengen, um Dein Image aufzupolieren!“ Zeus setzte sich auf und sah GOTT gespannt an. Der räusperte sich und rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.

„Schließlich macht dein Bodenpersonal immer mehr Mist, kaum einer hält sich noch ans Zölibat und Verbot der Empfängnisverhütung. Frauen verlangen immer mehr Gleichberechtigung – auch in deiner Kirche. Und um glaubwürdig vorzutäuschen, wie sehr du die Belange der Frauen unterstützt – ohne dass dein katholisches Bodenpersonal sich auch nur einen Zentimeter ändern muss – hast du die alten griechischen Götter und deren Missetaten aus dem Hut gezogen. Stimmt das?“

Zeus lehnte sich weiter vor. GOTT räusperte sich noch einmal. „Mmh! JA!“, sagte er. Das war’s dann wohl. Gabriel schlug die Hände vors Gesicht. Die Zuschauer pfiffen und buhten. Satan drehte sich theatralisch zu Zeus um und ließ sich die Hand schütteln. Die Gerichtsdiener öffneten die Türen. GOTT war auf seinen Platz als Richter zurückgekehrt und brüllte: „DIE ANKLAGE WIRD FALLENGELASSEN!“

Als Zeus den Saal verließ, zwinkerte er Maria zu. Es stimmte schon, GOTT hatte sich einfach geschickter angestellt. Diesen Trick mit der jungfräulichen Empfängnis musste er sich merken. Da war sein oller Goldregen natürlich nichts gegen.

13. Juni – Der Geborenentest

Wenn du ganz scharf nachdenkst, dann erinnerst du dich bestimmt noch an den Geborenentest, den du vor deiner Zeugung und Geburt absolvieren musstest.

Denn es darf nicht einfach so jede oder jeder im Bauch einer Frau heranwachsen und geboren werden. Eine gewisse Grundeignung wird inzwischen verlangt.

Vor allem in Anbetracht des großen Ansturms von Seelen, die in einen Leib geboren werden wollen. Und für alle Nichtgeborenen hier eine kleine Auswahl aus dem Fragenkatalog, dann könnt ihr schon einmal darüber nachdenken, was Ihr antwortet und ob Ihr nicht doch lieber auf Wolke Sieben bleibt:

„Wie lautet der Name des Planeten für den du dich beworben hast?“

„Wie heißt die Lebensform, für die du dich qualifizieren möchtest?“

„Warum bist du dafür besonders gut geeignet?“

„Was möchtest du lernen?“

„Was möchtest du zum Wohl aller geborenen und ungeborenen Seelen beitragen?“

Und zum Schluß der Warnhinweis:
„Du wirst als Geborener großes Glück erleben. Du wirst alles erreichen und lernen, was du dir hier und jetzt gewünscht hast, aber dies wird auch mit unangenehmen Erfahrungen, Schmerzen und Leid verbunden sein. Bist du dazu bereit diese Eigenschaften des Geborenseins in Kauf zu nehmen? Bist du bereit die große Einsamkeit des Geborenseins kennenzulernen? Wenn ja, unterschreibe unten links.“

Tja, liebe geborene Leserin, lieber geborener Leser, du hast ja schon vor langer Zeit Ja gesagt zum Leben.

Wenn du ganz ehrlich bist, war das doch alles in allem eine richtig gute Entscheidung, nicht wahr?

12. Juni – Der Zwerg

Es war einmal ein Zwerg, der wohnte im Land der Riesen. Dort fühlte er sich immer klein, unnütz und hässlich. Die Riesen verspotteten ihn und machten Weitwurf mit ihm oder steckten ihn in eine Showkanone und schossen ihn damit in einen Riesendunghaufen. Es war ein elendes Leben.

Und der Zwerg jammerte und haderte: „Es ist ja so gemein, was diese Riesen mir antun“. Jeden Tag betete er: „Lieber Gott, rette mich aus dieser gräßlichen Lage!“

Eines Tages hatte Gott ein einsehen. Er nahm den Zwerg und setzte ihn in die Welt der Zwerge. Plötzlich war der Zwerg nichts Besonderes mehr, er war nicht größer, nicht kleiner, nicht schöner, nicht hässlicher als all die anderen Zwerge um ihn herum.

Da begann er sich zu fürchten. Wo waren die Beschimpfungen und Demütigungen, wo die Kanonenschüsse und Weitwürfe geblieben? Welchen Sinn hatte sein Leben jetzt noch?

Also heuerte der Zwerg bei einem Zirkus an, der Zwergenweitwurf zeigte, Zwerge mit Kanonen in Dunghaufen schoss und alberne Zwergenclowns über sich selbst lustig machen ließ. Aber im Zwergenland wollte keiner diesen merkwürdigen Zirkus sehen.

So kehrte der Zwerg in dem Zirkus zu den Riesen zurück und führte nun freiwillig die Nummern auf, mit denen er damals gedemütigt wurde. Aber eines Abends trat er vor seinen Wohnwagen und schaute hinauf zu den Sternen.

Da wurde ihm klar, dass er endlich wachsen musste. So ließ er den Zirkus hinter sich und kehrte nie wieder ins Land der Riesen und Zwerge zurück.