29. Oktober – Am Rande der See

Allein und mir selbst genug balancierte ich am Rande der See. Mit zuverlässigem Schlag warf sich das Meer an den Strand, zog sich zurück und rollte aufs Neue.
Goldenes Sonnenlicht ließ das Wasser bis zum Horizont in Azur mit einem Hauch Gletscherblau erstrahlen. Hyperrealistisch. Höher als die Wirklichkeit. Sich einbrennend in die Seele, tief hinabsinkend in jede Zelle. Es lockte mich das Wasser.

Also zog ich die Schuhe und Strümpfe aus, rollte die Hosenbeine bis zum Knie hinauf und durchwatete einer Sandbank folgend das seichte Wasser in zwei, drei Meter Entfernung vom Ufer. Die Wellen schlugen höher und zogen an meinen Beinen. Es schien, als sehnten und drängten sich die vier fünftel Wasser in mir nach Vereinigung, als bäten sie um Auflösung in der Ursuppe, dem ewigen Meer.

So einfach loszulassen und sich mit Quallen und Larven und Seesternen und Fischen und Krebsen und Plankton und Algen zu vereinen zu einem langsamen Tanz. Die Last und Lust der Einheit. Sehnsucht greift nach mir mich aufzulösen in der Weite und Tiefe des Meeres. Wieder Wasser mit allen Wassern zu sein.

Aber ich bin Fleisch gewordenes Wasser, geordnete Gewimmel, hochspezialisierte Zellen haben ihre Freiheit geopfert, um mich autonomes, einzigartiges Wesen zu formen, das nun dort auf Milliarden Jahren alten Steinen steht, den weiten seit Äonen wartenden Himmel über sich.

18. Oktober – Nachts am Meer

Völlige Dunkelheit umgibt uns, kaum haben wir unser Auto am Parkplatz abgestellt. Außerhalb der Saison sind um diese späte Stunde weder Strandbars geöffnet noch Promenadenbeleuchtung eingeschaltet. Hinter der Düne höre ich das Meeresrauschen aufsteigen. Mit dem funzeligen Licht unserer kleinen Taschenlampe finden wir den Weg zum Strand. Das Meer brandet in tiefer Schwärze an.

Ich kann es hören und spüren aber nicht sehen. Überhaupt ist es mir rätselhaft, wie ich in dieser totalen Schwärze überhaupt einen Weg finde. Aber obwohl ich nicht wirklich sehen kann, gelange ich genau an diese Linie, wo das Meer mit seiner gierigen Zunge am Strand leckt, ein klein wenig Schaum zurücklässt, ein wenig Sand mit zurück ins Meer nimmt.

Das Geräusch der Brandung, das Streicheln des Windes, der Geruch der See, das alles lässt mich jubeln und tanzen dort im tiefen Schwarz am Strand. Ich vergesse völlig meinen Begleiter, der geistesgegenwärtig ein Foto schießt, wie ich wild am Strand entlang hüpfe. So außer mir vor Glück habe er mich noch niemals erlebt.

Natürlich zeigt das Foto nur ein undeutliches völlig überstrahltes Gesicht vor undurchdringlicher Schwärze. Wie ein Herzmonitor ja auch nur den Rhythmus anzeigt, aber niemals, was ein Herz fühlt.

16. Oktober – Fieber

Ganz selten habe ich Fieber. Das letzte Mal vor vielen, vielen Jahren als ich gerade von meinen Eltern fortgezogen war, in eine andere Stadt.

Und als mich dann meine Mutter für ein Wochenende besuchen kam, da wurde ich plötzlich krank, hatte hohes Fieber und meine arme Mutter war verurteilt Krankenwache zu halten.

Das tat sie auch – ohne zu klagen. Was nicht selbstverständlich sein mag. Vor allem, weil es in meiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung nur ein Bett gab und kein Sofa, auch keine bequemen Sessel.

Ich weiß nicht mehr, wie sie überhaupt die Nacht verbracht hat. Ob sie es gewagt hat sich neben mir auf dem Futon zum Schlafen zu legen oder ob sie sich mühsam auf einem meiner unbequemen Holzstühle ab und zu mit dem Kopf auf den Küchentisch sinkend wachgehalten hat.

Ich erinnere mich nur noch, dass ich froh war, nicht allein zu sein mit meinem hohen Fieber. Ich fühlte mich so krank und hilflos, dass mir die Tränen aus den Augen rannen, und ich glaubte sterben zu müssen. So hoch war das Fieber. Manchmal frage ich mich, ob ich an diesem Wochenende ohne den Besuch meiner Mutter einfach nicht krank geworden wäre. Vielleicht konnte ich mich nur deshalb so gehen lassen und krank werden, weil die Sicherheit der mütterlichen Pflege in greifbarer Nähe war.

28. September – Der Laden

Er dreht den Schlüssel herum, nachdem er ein letztes Mal das Licht gelöscht hat. Die Regale sind ausgeräumt. Stille senkt sich über den Raum. Die Verkaufstresen ragen wie Mahnmale aus verschlissenem Boden. Dessen Muster kann er seit Jahren nicht erkennen. Er weiß selbst nicht, haben seine Augen ihre Kraft verloren oder sind die Farben einfach nur verblasst, wie nach und nach seine Waren verblasst sind. Die karierten Herrenhüte, die Damenhüte aus Filz und Strick, die edlen Nerzkappen und Zobelmützen.

Vor langer Zeit hat ihn der Laden verschluckt. Da meinte er es noch gut mit ihm. Damals schimmerte die Zukunft rosig. Das schwere, dunkle Eichenfurnier der Einrichtung und die farblich abgestimmte Wandvertäfelung waren der letzte Schrei. Der gewebte Teppich prangte in Gold und Rubin auf tiefem Grund. Seine Frau stand an seiner Seite. Besitzerstolz erfüllte ihn. Endlich ging es aufwärts. Die Kriegsjahre, die Hungerjahre waren vorbei. Die Lehrjahre, die Gesellenjahre hatten sich ausgezahlt. Jetzt brauchten die Leute stolze Hüte, die ihnen sagten: „Du bist wieder wer“. Sie dürsteten nach Pelzkappen, die ihnen zuraunten: „Du wirst niemals wieder frieren“, und nach mondänen Strohhüten – groß wie Wagenräder, die ihnen einredeten: „Du bist tausendmal schöner als deine Nachbarin.“

Der Laden gab sie ihnen. Die Leute strömten hinein und kauften. Verkäuferinnen wurden eingestellt. Kleine, fleißige Frauen, adrett in helle Kittel gekleidet. Sie bedienten die Kunden, kletterten flink die Trittleitern hinauf und hinab, schmeichelten und lobten die Hüte auf die Köpfe der Menschen. Bald schon fuhr er mit seiner Frau auf Messen nach Italien und Skandinavien. Wie leicht und schön das Leben plötzlich erschien. Hell und freundlich strahlte der Laden. Er ernährte ihn, hielt ihn auf Trab.

Irgendwann kauften die Leute weniger Hüte. Aber sie kamen immer noch zu ihm. Schließlich war er doch „Der vom Hutladen“, der beim Weinfest die Girlanden bezahlte, den alle kannten – meist aus der Schulzeit noch. Doch immer öfter sah er die alten Bekannten mit Kopfbedeckungen aus dem Kaufhaus. Da rückten seine Frau und er näher zusammen. Die fleißigen Verkäuferinnen verließen den Laden und kehrten nicht wieder. Seine Frau und er bedienten nun selbst. Wozu musste er noch auf Messen fahren? Die Vertreter kamen ins Haus und für alles andere gab es Kataloge.

Unversehens gingen all seine Schulkameraden in Rente. Für ihn war das nichts. Wo hätten seine treuen Kunden einkaufen sollen. Sie brauchten ihn doch. Der Laden brauchte ihn. Täglich blätterte der Lack ein bisschen mehr ab und doch schien die Zeit still zu stehen. Nach und nach, fast unmerklich, blieben auch die Stammkunden einer nach dem anderen fort. Sie waren alt, grau und gebückt. Niedergedrückt vom Leben so wie er gekrümmt war. Dabei hatten seine Frau und er oft davon gesprochen endlich aufzuhören, endlich in den verdienten Ruhestand zu treten.

Aber der Laden, immer noch mächtig in seinem verblichenen Glanz, ließ ihn nicht los. Durch einen kleinen Spalt zwischen den Vorhängen erlaubte er ihm durch die ermatteten Schaufenster nach draußen zu sehen. Nur dieser kleine Schimmer erinnerte ihn noch an die Träume und Pläne, die er niemals mehr leben würde.

Eines Tages wachte seine Frau nicht mehr auf. Da kroch seine Trauer überallhin, zwischen die Vorhangfalten, in die Ritzen der Täfelung. Sie lauerte hinter den dunklen Tresen, versteckte sich unter den Hüten und Kappen. Der Laden blieb sein einziger Freund. Es dauerte Jahre. Jahre, die nur selten vom Läuten der Türglocke unterbrochen wurden. Jahre, die er damit verbrachte schwer auf seinen Stock gestützt die Waren zu sortieren. Die hohen Regalbretter erreichte er längst nicht mehr. Erst dann entschloss der Laden sich, ihn auszuspucken.

Er hatte keine Kraft mehr zur Gegenwehr. Nur seine Trauer lastete noch schwerer auf den Regalbrettern. Er hing Plakate ins Schaufenster: „50 % wegen Aufgabe“. Selbst das führte kaum Kunden in den Laden. Wenn sich jemand hineintraute, so blickte er in junge, unbekannte Gesichter, die sich ratlos umsahen. Die meisten flohen. ohne etwas zu kaufen. Am Ende warf er alles fort. Wer sah den Hüten und Kappen schon an, dass er ihnen sein ganzes Leben geopfert hatte?

Und jetzt also dreht er den Schlüssel herum nach einem letzten Blick in seine Welt, seine Heimat, seine Bestimmung. Ein letztes Mal überwindet er die drei Stufen zur Straße. Geschrumpft, gebeugt und schwankend auf seinen Stock gestützt, sieht er sich im Schaufenster und erkennt sich nicht wieder. Er wendet sich ab und geht mit zittrigen Schritten davon. Nur seine Trauer springt leichtfüßig von den Regalen, quillt aus den Türritzen, perlt durchs Schlüsselloch und zieht ihm wie eine lange Schleppe nach. Der Laden liegt still und wartet.

24. September – Herberts Pech

Herbert hatte immer Pech gehabt im Leben. Lange hatte er das selbst nicht wahrhaben wollen, aber dann musste er es doch einsehen. All das, was ihm widerfahren war, konnte nur Pech sein, schlechtes Karma oder womöglich die Rache Gottes.

Bereits als kleiner Junge gehörte Herbert immer zu den Kindern, die nur die unmöglichsten Klamotten ihrer älteren Geschwister auftragen mussten. Bereits als vierjähriger musste er eine Brille tragen. So ein fieses Horngestell, die Gläser größer als seine Handteller. Sah besonders toll aus zu seinen abstehenden Ohren, der Zahnlücke und den dünnen Fusselhaaren. Auch mit dem Lernen in der Schule lief es nicht so toll, irgendetwas oder irgendjemand gelang es immer, Herbert abzulenken. Also hagelte es Einträge und Elterngespräche. Dabei gab Herbert sich wirklich Mühe aufzupassen. Sehr große Mühe. Aber dann saß eine kleine Meise auf dem Fensterbrett oder eine Spinne in der Zimmerecke spann kunstvoll ihr Netz oder ein Mitschüler hatte prima Comics dabei.

Herbert wuchs lange kaum. Seine Schulkameraden überragten ihnen alle um etliche Zentimeter. Erst mit 15 Jahren tat er plötzlich einen Schuss und war lang und klapperdürr statt klein und schlaksig. Mädchen interessierten sich überhaupt nicht für ihn. Die fanden ihn bloß merkwürdig, weil er sich immer für Vögel, Insekten und Kriechtiere aller Art begeisterte. Er baute auch Labyrinthe für Mäuse und Hamster. Dann schaute er ihnen stundenlang zu, wie sie dort herumliefen und in einer Ecke Futter fanden, in der nächsten Wasser oder sich immer wieder auf dem Weg dazu verirrten. Seinen Hauptschulabschluss schaffte er mit Ach und Krach. Eine Lehrstelle war einfach nicht aufzutreiben. Ab und zu gelang es ihm, einen Gelegenheitsjob zu finden. Aber niemals blieb er lange irgendwo. Die anderen Mitarbeiter fanden ihn merkwürdig und die Chefs zu langsam und unkommunikativ. Also blieb er in seinem Kinderzimmer wohnen, bis er 35 Jahre alt war.

Da geschah plötzlich etwas Unerwartetes. Es schien, als würde Herbert plötzlich durch eine geballte Ladung Glück für das Elend seines Lebens entschädigt werden. Die Vorsehung sandte einen Lichtstrahl zu Boden und traf ausgerechnet Herbert. Das Glück trat in Gestalt einer TV-Redaktion in Herberts Leben. Die suchten skurrile Leute für ihre RealityReportagen. Das wirkliche wahre Leben hat ja jeder selbst daheim. Aber Herbert war natürlich eine Ausnahme. Sie bauten ihn auf als armen Kerl, der immer Pech im Leben gehabt hatte und nun endlich einmal die Chance auf ein Leben im Glück haben sollte. Wobei Glück bedeutete, von irgendeinem EbisF-Promi in den sogenannten Jetset eingeführt zu werden und im Finale tolle Frauen zu bezirzen, die ihm dann zu Füßen liegen sollten. Dazu brauchte Herbert natürlich eine Beauty-Behandlung, neue Kontaktlinsen, schicke Klamotten, einen Tanztrainer, einen Benimm-Trainer und etliche Coachings mehr. Dabei wurde er von der Kamera begleitet.

Aber Herbert spielte gar nicht mit, wie es die Fernsehfritzen erwartet hatten. Er stolperte auf Entdeckungsreise durch den Wellness-Tempel, aß die Gurkenmaske lieber auf und fand sie delikat, er verweigerte die Kontaktlinsen, seine neuen Klamotten fand er Scheiße und trug lieber die alten karierten Sakkos von Opa Herrmann auf. Dem Tanzlehrer brachte er erst einmal bei, wie Mäuse und Ratten tanzten. Das hatte Herbert schließlich lange genug beobachtet. Und der Benimm-Lehrer nahm nach einer knappen Viertelstunde Reißaus. Herbert sei beratungsresistent. Trotzdem schleppte ihn der EbisF-Promi auf eine IN-Party, die Kameraleute immer schön dabei. In der Tat lagen Herbert die Frauen dort zu Füßen allerdings vor Lachen. Doch das erwies sich als seine große Chance.

Heute hat Herbert seine eigene Comedy-Show und das Labyrinth mit den Mäusen Mini und Mausi eine Institution in der deutschen Unterhaltung. Ob das jetzt wirklich so ein Glück ist, weiß ich allerdings nicht zu sagen. Am besten fragt ihr Herbert mal selbst.

22. September – Ideenlos?

Franz war einfach schon immer total ideenlos, das hatten ihm seine Lehrer seit jeher bescheinigt. Wenn er im Kunstunterricht einen Baum malte, groß und mächtig mit bunten Blüten vor einer idyllischen Landschaft mit Äckern und Wiesen, mit Bach und Weg, eine geschwungene Bergkette am Horizont und blauer Himmel mit Schäfchenwolken, dann sagten sie ihm, dies sei ganz nett, hübsch und sogar gut ausgeführt aber doch wahnsinnig ideenlos, so gar nicht avantgardistisch oder kritisch oder sublim oder ätherisch oder popartig oder wenigstens irgendwie surreal.

Franz neigte dann beschämt seinen Kopf, um die Röte seiner Wangen zu verbergen. Und doch, er konnte nicht anders. Er malte am liebsten Landschaften mit einem Baum als Mittelpunkt. Mal stand der Baum in Blüte, mal hing er voller Früchte, mal leuchteten seine Blätter gelb und rot, dann ragten schwarze Äste in den Winterhimmel. Er malte Bäume im Morgenlicht, in der Abendsonne und in wallendem Nebel verborgen. Er wurde immer besser darin. Irgendwann malte er ein paar Schafe auf einer Weide dazu, dann Reiter auf den Wegen und Vögel am Himmel. Seine Gemälde wurden immer belebter. Der mächtige Baum wanderte langsam vom Zentrum des Bildes an den Rand. Andere Bildinhalte wurden wichtiger.

Aber seine Lehrer lobten nach wie vor höchstens die Akkuratesse seines Pinselstrichs und tadelten die Ödnis seines immergleichen Themas. Franz ließ dann mehr aus Gewohnheit denn aus Scham einen Moment den Kopf hängen. Und dann malte er weiter seine immer belebteren Landschaften mit Baum. Er wollte nicht anders.

21. September – Sonntagskind

Gerhard war ein Sonntagskind, denn er wurde an einem Sonntag geboren. Die Hebamme war wütend, weil er ihr den guten Sonntagsbraten, das leckere Kaffeetrinken am Nachmittag und sogar noch das Abendbrot vermieste. Die Wehen dauerten ewig und jedes Mal, wenn die Hebamme Hedwig sich gerade verabschiedet hatte, weil es noch eine Weile dauern würde, bis es richtig losging, und weil sie endlich an ihren Mittagstisch, Kaffeetisch, Abendbrottisch zurückkehren wollte, da machte Gerhard schon wieder derartige Anstalten, nun endlich doch herausgepresst werden zu wollen, dass seine Mutter schrie und sein Vater rannte, um Hedwig zu holen.

Hedwig kam jedes Mal kauend an die Tür, als Gerhards Vater wieder läutete. Er völlig aufgelöst. Außer Atem. Weiß im Gesicht mit roten Flecken. Kaum fähig ein vernünftiges Wort herauszubringen. Es war sein erstes Kind, die erste Geburt, die er miterlebte und er litt mit seiner Frau. Die krümmte sich und schrie, wollte das Kind endlich da heraus haben aus dem Bauch. Und Gerhard schien ja auch zu wollen. Aber dann auch wieder nicht. Vielleicht war ihm auch nur Hedwig nicht angenehm. Denn kaum hatte sie nach dem voraneilenden Vater das Haus betreten, hielt Gerhard plötzlich still. Versuchte sich im Uterus seiner Mutter zu verkriechen.
Das war doch nur Spaß, das war doch nicht Ernst gemeint. Da raus auf diese Welt? Hervorgepresst und herausgezerrt in Hedwigs Arme?

Das konnte niemals der Ernst seiner Mutter sein. Wie schön war es da doch im gluckernden, wunderbaren Bauch. Jederzeit versorgt, aufgehoben und sicher. Nur sehr eng derweil. Das musste Gerhard doch zugeben. Und er wollte ja, wollte ja endlich hier heraus und kennenlernen, was er nur von innen spürte. Seine Mama hatte ihm so viel erzählt, sein Papa so viel versprochen. Aber dann Hedwig. Die Schritte donnernd, die Stimme irgendwie rau und herrisch. Sie schimpfte mit Mama und schimpfte mit Papa. Wie konnte Gerhard da hervorkommen wollen? Ach welche Erleichterung als diese Person wieder hinausgestampft war, sich Stille ausbreitete.

Vielleicht sollte er es doch noch einmal versuchen. Auch wenn Mama sich wand vor Schmerzen. Er konnte das nun wirklich nicht ändern. Wieder schrumpfen, sich in Luft auflösen. Als sei es nicht schon anstrengend genug und beklemmend genug und da klingelte die Nachbarin. Eine liebe Frau, sehr erfahren und auch sie konnte Hedwig nicht leiden, was Gerhard sehr vernünftig fand.

Mit leisen Schritten kam sie herein, die Stimme eine Wohltat. So voller Freude und Liebe. Sanfte, kühle Hände hatte sie. Legte sie auf Mamas Stirn, beruhigte sie, half ihr und plötzlich mochte Gerhard nicht mehr länger warten. In ihre Welt wollte er gerne kommen und so wurde Gerhard an einem Sonntag geboren. Eine Viertelstunde vor Mitternacht. Und anstatt zu schreien, lachte er. Ein Sonntagskind eben.

14. September – Die Bedürfniserfüllungsmaschine

„Das ist doch wirklich kein großes Ding, du kannst mich doch eben mal rüber fahren zu Klaus!“ Forderung steht in seinem Gesicht, auch Trotz und Empörung über meine Ablehnung. Die Bedürfniserfüllungsmaschine hat heute eine Störung, tut mir leid, mein Sohn, denke ich im Stillen. Und schüttele den Kopf.

„Nein!“

„Ach menno, warum denn nicht?“

Viele Antwortmöglichkeiten schießen mir durch den Kopf. Wilde Lügen wie „Tropfen vom Augenarzt und ich sehe nicht mehr richtig“ oder „Mein Kreislauf ist so down, dass es zu gefährlich ist Auto zu fahren“ fallen mir ein. Aber erstens glaubt mir das mein Sohn ohnehin nicht – ist ja ein schlaues Kerlchen – und zweitens warum soll ich eigentlich lügen?

Natürlich aus Angst. Ich mag nicht zugeben, dass ich nicht will, dass es mich ankotzt, dass ich keinen Nerv auf ‚Supermutter reitet wieder‘ habe. Wann bitteschön ist denn hier in dem Haushalt mal ein bisschen Zeit für mich und meine Bedürfnisse reserviert? Klar, ich bin ja selbst schuld. Erst die Gören so verziehen und dann beschweren.

Aber trotzdem. Die sind alt genug. Und dann gibt es eben Knatsch, dann haben sie Mami eben nicht mehr lieb. Meine Tochter hab ich schon verprellt, weil ich mit ihr partout nicht Gummitwist spielen wollte. Ihre Freundin Karin hat nämlich keine Zeit. Jetzt spielt sie in ihrem Zimmer mit zwei Stühlen, die die Beine der Mitspieler ersetzen. Und jetzt ist also mein Sohn dran. Will gefahren werden, dabei muss er nur aufs Fahrrad steigen und ist in einer halben Stunde bei seinem Kumpel.

Also sage ich: „Weil ich nicht will.“

„Das ist doch voll gemein von dir!“

„Ja, klar“, sage ich. „Ich find es auch voll gemein, dass du dein Zimmer nicht aufräumst und putzt, den Müll nicht rausträgst, vergisst den Teller in die Spülmaschine zu stellen. – Ich will einfach nicht. Ich brauche mal einfach Zeit und Ruhe für mich ohne Fahrdienst, ohne Putzdienst, ohne Spieldienst. Ich bin schließlich nicht nur Mutter und Putzfrau.“

Mein Sohn verzieht sein Gesicht. „Geht die Leier wieder los!“

„Genau, die Leier“, sage ich. „Und ich fahre dich auf keinen Fall. Nimm halt das Fahrrad, geh zu Fuß oder sag Klaus, dass er zu dir kommen soll.“

„Du bist echt blöd“, ruft mein Sohn, dreht sich um und rauscht aus dem Zimmer.

Eine Viertelstunde später schaue ich von meinem Buch auf und sehe die Mutter von Klaus vorfahren. Mein Sohn springt aus der Tür und steigt ein.

„Meine Güte“, stöhne ich, „Mütter aller Länder vereinigt euch doch endlich!“

13. September – Ihr Herz spricht

Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, ich bin Ihr Herz! Wahrscheinlich haben Sie sich längst daran gewöhnt, dass ich in ihrer Brust schlage. Womöglich beachten Sie mich kaum. Außer natürlich, wenn Sie sich gerade verliebt haben oder Sie verlassen worden sind. Da greifen Sie sich vielleicht an die Brust, um Ihr gebrochenes Herz zu halten oder Sie freuen sich, wie wild ich auf und ab Hüpfen kann vor lauter Liebe.

Nun ja, aber insgesamt muss ich doch feststellen. Sie kümmern sich viel zu selten um mich und darum, dass es mir gut geht. Und ich meine damit nicht solche Dinge wie Ausdauertraining und gesundes Essen. Natürlich schadet mir das nicht gerade. Aber noch viel wichtiger als womöglich lustlos aber pflichtbewusst auf dem Cardio-Trainer herumzuhampeln ist es, wenn Sie spielen, Spaß haben, herumrennen, lachen, hüpfen, knobeln, singen oder malen.

Sie glauben gar nicht wie gut mir das tut, wenn Sie sich einfach nur mal hängen lassen. Also nicht wirklich, aber so im übertragenen Sinn. Dann fließt das Blut gleich viel leichter durch Ihre Blutbahnen. Das ganze Stressige, Strenge fällt von Ihnen ab und ich schlage leicht wie eine Vogelschwinge und Sie fliegen mit mir davon in eine Welt voller Leichtigkeit und Freude.

11. September – Verlässlich wie die Sonne

Die Sonne scheint doch jeden Tag, auch wenn ich sie nicht sehe. Sie scheint und scheint und scheint. Wäre ja auch dumm, wenn sie damit aufhören würde.

Also gibt es doch etwas auf der Welt, auf das ich mich verlassen kann. Die Sonne scheint und scheint unablässig, wahrscheinlich noch die nächsten paar Milliarden Jahre oder? Im Grunde wurscht, weil ich werde ohnehin nur noch 50, 60 Jahre hier herumleben und meine Kinder und Kindeskinder sind vielleicht in 100 oder 500 oder 10.000 oder in einer Million Jahren ausgestorben. Wer weiß das schon. Also steht für mich fest, dass ich mich immer darauf verlassen kann, dass die Sonne scheint. Prima.

Regen fällt vom Himmel auf die Erde. Auch sowas, worauf ich mich verlassen kann. Klar, mal regnet es quer, wenn es sehr windig ist, aber grundsätzlich fällt Wasser, Schnee, Eis oder Graupel aus einer Wolke, zack, abwärts und tränkt die Erde, vermischt sicht mit anderem Wasser im Meer, in Seen und Flüssen. Überhaupt geht angeblich kein Wasser verloren und wird in einem großen Kreislauf immer wieder und wieder verwendet. Blöd nur, wenn es dabei ganz verunreinigt, belastet oder sowas wird. Aber es geht auf keinen Fall verloren. Noch so ein Mysterium der Verlässlichkeit.

Auch das mit den Äpfeln und den Bäumen scheint zumindest hier auf der Erde so einigermaßen verlässlich, obwohl es das natürlich nicht ist. Falls ich das richtig verstanden habe mit der Relativitätstheorie und der Quantenphysik und den Quarks und den Strings. Was bedeutet das aber dann für die Sonne, die immer scheint, oder für das Wasser, das niemals verloren geht?

Könnte es dann nicht auch sein, dass sogar dies anscheinend verlässliche auf Ebene der Teilchen absolut unsicher ist? Ist es einfach nur Zufall, dass ich, dass wir in einer so sicheren Welt leben? In einer Welt, die uns sicher scheint, weil wir genau für sie gemacht sind und uns an sie gewöhnt haben. Einem methanatmenden Eiswesen, das sich bei Null Grad Kelvin erst richtig wohlfühlt, würde es hier nicht so gefallen. Aber warte nur ab, deine Zeit kommt auch noch.

8. September – Mut

Was ist Mut? Normalerweise würde ich sagen, es gibt zwei Arten von Mut. Der Mut aus Dummheit, Unwissenheit, Blindheit geboren. Der Mut desjenigen, der einfach losrennt, ohne an die Folgen zu denken. Der Mut desjenigen, der sich unverwundbar und im Recht fühlt.

Dann gibt es den Mut des Ängstlichen, der die Folgen sieht, die Zweifel spürt und dennoch mutig die Angst überwindet und der Gefahr entgegentritt.

Es gibt aber noch eine dritte Art von Mut, die Demut. Diese schwierigste Form des Mutes, die Königsdisziplin. Nicht leicht zu erringen. Die Kunst dabei ist voller Stolz und Anmut sein Haupt zu senken und nicht daran zu zerbrechen.

5. September – Ein Lied

Wenn ich ein Lied schreiben müsste, dann wäre es dieses:
Please tell me, Big Mind,
who i am?
Please tell me, Big Mind,
please tell me, Big Mind,
please tell me, Big Mind,
who i am?
And Big Mind spoke to me and she said:
Look in a mirror
Look around you
You are these horses and the wheat too
You are the grass and the wind and the trees and the sky above
Look in a mirror
Look around you
You are these horses and the wheat too
You are all of them and one of them, always good enough
Bitte sag mir, Big Mind,
wer ich bin?
Bitte sag mir, Big Mind,
Bitte sag mir, Big Mind,
Bitte sag mir, Big Mind,
wer ich bin?
Und Big Mind sprach zu mir und sie sagte:
Schaue in einen Spiegel
Schau dich um
Du bist diese Pferde und der Weizen ebenfalls
Du bist das Gras und der Wind und die Bäume und der Himmel darüber
Schaue in einen Spiegel
Schau dich um
Du bist diese Pferde und der Weizen ebenfalls
Du bist alle von ihnen und eine von ihnen, immer gut genug