28. Februar – Der Baum

Es war einmal ein großer Baum, der stand ganz allein auf einem Hügel. Um ihn herum gab es nur Wiese und Felsen. Der Baum war groß gewachsen.

Er hatte den Stürmen getrotzt. Seine Wurzeln hatte er tief in die Flanken des Hügels eingegraben. Er hatte sie um die Felsen geschlungen und so Anker geworfen wie ein mächtiges Schiff im Ozean.

Zwei Mal hatte der Blitz in ihn eingeschlagen. Das hatte seine Krone gespalten, aber er war dennoch weiter gewachsen. Und nur wenn man genau schaute, sah man die Narben seines Alters und seines langen Lebens.

So stand der Baum dort auf dem Hügel mächtig und auch ein bisschen einsam. Er konnte nur allein im Wind rauschen und dem Tröpfeln des Regens auf seinen Blättern lauschen. Kein anderer Baum lehnte sich an ihn oder wetteiferte mit ihm um den besten Platz an der Sonne. Nur manchmal flüsterten die Gräser dem alten Baum etwas zu.

27. Februar – Barbara

Barbara wartete und wartete, aber keiner war ihrer Einladung gefolgt. Sie saß am Tisch, der große Bowlekrug gefüllt mit guter Pfirsichbowle, die Becher standen bereit, ein Käseigel, kleine leckere Häppchen, Cocktailwürstchen, sogar Luftschlangen und Tischfeuerwerk hatte Barbara besorgt. Aber die Kollegen und Nachbarn kamen einfach nicht.

Einige hatten sich gleich entschuldigt. Gut, mit deren Kommen hatte Barbara nun wirklich nicht gerechnet. Aber die anderen, der Meier aus der Buchhaltung, Petra aus dem Versand und die Frau Sugorski von unten, die hatten doch gesagt, dass sie kommen.

Barbara hörte ein Auto vorfahren und sprang zum Fenster. Ein grüner Opel, sie kannte den Wagen nicht. Sie schob die Brille zurecht, um besser sehen zu können. Dann sah sie die Sugorski aus dem Haus kommen. Hohe Stiefel, kurzes Röckchen, durchsichtige Bluse, rotmetallic-schillernde Langhaarperücke. Die wollte augenscheinlich zu einer Party. In der einen Hand trug sie eine Flasche Sekt, in der anderen ein kleines quietschrotes, glänzendes Handtäschchen. Fröhlich hüpfte sie die paar Stufen vor dem Hauseingang hinab, öffnete die Beifahrertür und sprang ins Auto.

Barbara konnte ja nichts Genaues sehen, aber vermutlich knutschte die Sugorski den Fahrer erstmal ab. Es dauerte verdächtig lang, bis der Wagen endlich losfuhr. Tja, dachte Barbara, die Sugorski würde wohl nicht mehr kommen. Und der Meier aus der Buchhaltung hatte sicher auch was Besseres vor. Aber dass Petra sie auch so im Stich ließ, das verletzte Barbara dann doch.

Inzwischen war es schon fast halb Zehn. Es würde wohl nicht schaden ein Schälchen Bowle zu kosten. Sie schöpfte sich eine Kelle voll in den Becher. Dann ging sie ins Schlafzimmer und holte ihre große Harlekinfigur und den Teddybären.

Die beiden setzte sie an den Tisch, bot ihnen Bowle an und Käsehäppchen. Natürlich schmeckten sie ihnen auch. Das Tischfeuerwerk war ein bisschen langweilig, es flogen nur buntes Konfetti und ein paar Plastikfiguren heraus. Später dann nach dem dritten Glas Bowle kam richtig Stimmung auf und Barbara legte mit dem Harlekin eine flotte Sohle aufs Parkett. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich lange nicht so gut amüsiert.

„Ach, lieber Teddy“, sagte Barbara „so einen schönen Abend sollten wir uns wirklich öfter machen.“

26. Februar – Was fühlt ein Grashalm, während er wächst?

Was fühlt ein Grashalm, während er wächst?

Kinderfragen, mit großen Augen und ernstem Blick hervorgebracht.

Was kann ich antworten außer Lügen?

Ich kenne keine Untersuchung über die Gefühlswelt von Grashalmen. Von Pflanzen anderer Art vielleicht, da habe ich mal etwas gelesen. Aber Grashalme?

Das sind die Halme, die auf der Streublumenwiese wachsen, fast unverwüstlich. Nur die Schafe besiegen die Grashalme beinahe. Aber eben nur beinahe, die wachsen dann ja wieder, auch wenn sie bis zu den Wurzeln abgenagt und niedergetrampelt wurden.

Vielleicht fühlen sich die Grashalme befreit, wenn sie oben abgenagt werden. Umso leichter schieben sich dann die neuen Halme gegen Himmel.

Aber vielleicht tut es ihnen auch weh und sie wachsen dann voller Wehmut und Trauer im Gedenken an ihre Vorauswachser. Grashalme fühlen sich vielleicht einfach wohl, während sie wachsen. Dazu sind sie schließlich da: zum Wachsen und Gedeihen.

Vielleicht erfreuen sie sich an den Sonnenstrahlen, die ihnen Energie verheißen, und an den Tautropfen, die ihnen Feuchtigkeit spenden.

Aber vielleicht haben Grashalme auch Wachstumsschmerzen oder sie langweilen sich fürchterlich.

Schließlich ist das jeden Tag das gleiche. Merkt so ein Grashalm überhaupt, dass Zeit vergeht? Und was bedeutet das dann für einen Grashalm?

Als Kind willst du noch in die Haut eines jeden Lebewesens schlüpfen, sie von innen betasten und beriechen, merken wie es sich anfühlt irgendetwas zu sein.

Später dann kommst du kaum aus deiner Pelle und vermagst kaum zu verstehen, was deinen Nachbarn dazu bewegen könnte, zu tun, was er tut, zu sein, was er ist.

Dann plötzlich diese großen Augen und die ernsten Fragen. Reißen eine kleine Lücke in Dein fest gefügtes Weltbild. Ja, da war doch noch so viel, was zum Staunen Anlass gibt.

25. Februar – Irina

Eines Morgens packte Irina ihren Rucksack. Sie hatte es sich genau überlegt. Auch wenn es nicht leichten Herzens geschah, so ließ sie doch alles hinter sich: Ihren Lebensgefährten, der weder ihr Talent schätzte, noch mit ihr eine Familie gründen wollte. Ihren Job, der toll war mit netten Kollegen und einem freundlichen Chef. Sogar die Bezahlung war in Ordnung. Sie hatte keinen Grund sich zu beschweren.

Dennoch führte sie dieser Job kein Stück näher an ihr Ziel. Er ernährte sie, er half, ihr die Miete zu zahlen. Jeder normale Mensch wäre glücklich darüber. Aber Irina war eben nicht normal. Also hatte sie gekündigt, hatte ihre Nachfolgerin eingearbeitet. Bei ihrem Lebensgefährten hatte sie das nicht gemacht, aber sie hätte es vermutlich tun sollen. Er schien jemanden zu brauchen, der ihn bemutterte.

Aber auch darauf konnte Irina in Zukunft verzichten. Sie wollte nicht behaupten, dass ihr dies in der Vergangenheit missfallen hatte. Schließlich war sie sich dadurch wichtig vorgekommen, hatte einen Platz im Leben. Nur hatte der nichts damit zu tun, was sie im Leben wirklich wollte. Es war zwar völlig unsicher, ob sie das jemals erreichen würde, was sie wirklich wollte. Vielleicht war aus dem Paradies ein steiniger Garten mit abgestorbenen Bäumen geworden. Sie wusste es nicht, vielleicht scheiterte sie und es ging ihr viel schlechter, als es ihr jetzt ging. Die Möglichkeit bestand.

Das war es, was sie solange hatte zögern lassen. Die Angst davor, dass der Garten Eden gar keiner war. In ihren Träumen, ja, da war er es immer geblieben. Die Realität hatte die unangenehme Eigenschaft den Träumen nicht immer zu ähneln. Die Wirklichkeit nahm ihre eigenen Wendungen und natürlich war auch das größte Glück nicht festzuhalten, selbst wenn sie ihre Ziele erreichen würde, wenn sie sich ihr eigenes Paradies schüfe, so wäre es am Ende doch auch nicht genug. Wie alles eitel war in der Welt. Vielleicht wäre es einfacher, diese Erkenntnis auch so zu akzeptieren.

Aber sie konnte nicht loslassen. Sie musste es erleben. Sie musste es versuchen. Sie musste wissen, wie es sein würde, sich das Paradies zu erobern. Sie musste wissen, ob es wirklich der Garten Eden der Glückseligkeit war oder vielleicht nur ein vernachlässigtes, vertrocknetes Stückchen Erde. Vielleicht konnte sie es zum Blühen bringen. Wer wusste das schon. Es war ein großes Risiko ihr immerhin doch sicheres und sogar gemütliches Leben zu verlassen.

Niemand quälte sie außer ihrer Sehnsucht.

24. Februar – Komm nach Hause Speedy

Marie war traurig. Seit zwei Tagen war ihr Kater Speedy verschwunden. Sie schniefte schon beim Frühstück und auch das Verteilen der Kopien mit Kater Speedys Foto und dem Hinweis auf eine Belohnung half nur kurzfristig, denn jede Minute wurde zur Ewigkeit beim Warten auf eine Reaktion.

Marie wollte auf keinen Fall in den Kindergarten. Was war, wenn jemand anriefe. Und Mama konnte doch jetzt nicht einfach zur Arbeit gehen, wo jeden Moment einer Speedy gefunden haben könnte.

Also rief Mama ihren Chef an und sagte, dass Marie leider krank sei und sie nicht kommen könne. Das war zwar geschwindelt, aber nur ein bisschen. Schließlich war Marie ja wirklich ganz krank vor lauter Sorge und das zählte doch bestimmt genauso wie eine Erkältung mit Fieber und Husten und Schnupfen.

Dann lauerte Marie vor dem Telefon, den ganzen Vormittag über klingelte es kein einziges Mal.

„Vielleicht sollten wir doch nochmal suchen gehen“, schlug Mama schließlich vor.

„Aber das Telefon, wenn einer anruft“, protestierte Marie.

„Ach was, der spricht auf den Anrufbeantworter. Es ist doch nicht zum Aushalten, diese Warterei!“

Also zog Marie ihre Stiefel an und die warme Jacke. Es war nämlich wieder kalt geworden. Und dann ging sie mit Mama runter.

Zuerst schauten sie im Garten unter alle Büsche, im Gartenhäuschen, bei den Mülltonnen und auch beim Komposthaufen. Aber nirgendwo war Speedy zu entdecken. Mama guckte noch einmal in der Garage, dort war Speedy schon mal eingesperrt. Aber nein, dort stand nur ganz still das Auto. Kein Speedy weit und breit.

Mama hatte die Katzenpfeife mitgenommen. Eine laute Metallpfeife mit einem durchdringenden Ton. Normalerweise kam Speedy immer sofort, wenn er die hörte. Auch dann wenn alles Rufen vorher nichts genützt hatte. Und Mama pfiff ein paar Mal. Aber es kam kein Speedy. Marie und Mama gingen also auf die Straße und suchten dort. Oft fing Speedy auf dem Feld Mäuse oder versteckte sich im Schwarzdornbusch drüben am Feldrand. Also gingen die beiden zuerst in diese Richtung. Marie kroch sogar durch den ganzen großen Busch, aber auch hier kein Speedy.

Also dann die Straße entlang in Richtung Dorf. Mama bekam schon Angst, dass Speedy irgendwo am Straßenrand liegen könnte. Aber sie fanden gar nichts am Straßenrand, keinen Speedy noch nicht einmal ein paar alte Dosen. Also gingen sie wieder nach Hause. Marie kontrollierte sofort den Anrufbeantworter.

„Sie haben keine neue Nachricht“, schepperte die Automatenstimme nur. Marie stampfte wütend mit dem Fuß auf.

„Menno, ich will jetzt Speedy wiederhaben“.

Mama guckte nur unglücklich. Dann nahm sie den Wäschekorb, der immer noch im Flur stand. Sie hatte schon gestern waschen wollen. Aber die ganze Aufregung mit dem verschwundenen Speedy hatte sie davon abgehalten.

„Kommst Du mit?“ Marie schielte zum Telefon, aber dann folgte sie doch ihrer Mutter in die Waschküche.

Als sie die Tür aufmachten, lag Speedy zusammengerollt auf der Waschmaschine und schlief. Marie rannte sofort zu ihm und presste Speedy so fest an sich, dass der ganz wild strampeln musste, um frei zu kommen. Dann lief er mit hoch erhobenem Schwanz aus der Tür und drehte sich noch einmal um, als wolle er sagen: „Was ist denn nun?“

23. Februar – Katharina

Gestern Morgen stand Katharina vor der Tür zu ihrem Büro. Sie hatte die Hand schon zur Klinke ausgestreckt und hielt plötzlich inne. Sie konnte dort nicht hineingehen. Alles in ihr sagte ihr, dass dies der falsche Weg war. Sie ließ die Hand sinken.

Ganz von tief unten, da kroch die Angst in ihr hoch. Trotzdem verharrte sie noch vor dieser Tür. Das Furnier sah nach Buche aus, aber sie konnte nicht erkennen, ob es Echtholz war oder nur Laminat.

So war das auch in ihrem Leben, sie hatte große Schwierigkeiten damit zu unterscheiden, was echt und wahr und wahrhaftig war und was nebensächlich und falsch, nur ein Imitat. Katharina sehnte sich so sehr danach, einfach frei zu sein von dem täglichen Trott, von dem Zwang seine Existenz sichern zu müssen. Frei davon immer gutmütig und verständnisvoll und nervenstark zu sein, frei davon die Ruhe selbst zu sein, wenn der Sturm um sie herum tobte.

Aber sofort kam der Zweifel, vielleicht fühlte sich Freiheit nicht wirklich gemütlich an und war nicht kuschelig weich wie ein Pulli aus Fleece, sondern rau und kratzig wie Schafswolle. Vielleicht hatte Freiheit sogar einen Preis, den Katharina gar nicht zahlen wollte. Sie fühlte sich noch nicht bereit, vielleicht würde sie es niemals sein. Also drückte sie die Klinke hinab, öffnete die Tür und wünschte ihren Kollegen einen guten Morgen.

22. Februar – Valentinstag

Peter stand mit einem dicken Blumenstrauß vor Gabis Tür und klingelte Sturm. Er war fürchterlich stolz, dass er in diesem Jahr den Valentinstag nicht vergessen hatte. Von drinnen näherten sich schleppende Schritte.

Gabi öffnete die Tür mit einem lauten Niesen und presste sich das Taschentuch an die Nase.

„Ach, Du bist es“, sagte sie, machte sofort kehrt und schlurfte in die Küche.

Peter folgte ihr. Auf dem Tisch lagen lauter Backutensilien verstreut. Gabi stach Sterne aus blauer und roter Knete, die sie wie Plätzchenteig ausgerollt hatte. Sie hatte immer noch nichts zu dem Blumenstrauß gesagt, den Peter demonstrativ im Arm hielt.

„Sieht aber nicht sehr sinnvoll aus, was Du da machst“, sagte er schließlich.

Gabi reagierte nicht.

„Ich hab’ Dir Blumen mitgebracht“, schob Peter nach und wedelte mit dem Strauß in Gabis Richtung.

„Mensch, Peter, was soll das denn jetzt? Wir sind doch schon seit acht Jahren nicht mehr verheiratet! Ich dachte Du wolltest Milly abholen?“

Peters Gesicht wurde plötzlich feuerrot, auf seinen Wangen zeichneten sich bizarre Formen ab, die aussahen wie die Mittelmeerküste.

„Ich dachte halt, Du freust Dich.“

„Schon gut“, sagte Gabi großmütig, „leg’ den Strauß da hin, ich stelle ihn nachher ins Wasser.“

Milly kam aus ihrem Zimmer, den Rucksack fürs Wochenende beim Vater schon geschultert.

„Hast Du auch an den Hustensaft gedacht, Schatz?“

21. Februar – Mondgeflüster

Mondgeflüster. Am frühen Morgen stapfte Mike Hammersfield, Inspektor bei Scotland Yard, missmutig durch das Schneegestöber. Natürlich musste er wieder raus, während die lieben Kolleginnen sich noch im Bett wälzten. Manche nannten ihn Frauenhasser, aber er konnte die blöden Weiber schlicht nicht leiden.

Immer wieder trafen sich die Kolleginnen beim Tee zum Mondgeflüster. So nannte Mike das jedenfalls, wenn die Frauen wieder über Leben und Tod, Kinderkrankheiten und ihre Gesamtbefindlichkeit quatschten. Weiber eben, er bekam da Magenschmerzen bei so viel Geseier.

Er sehnte sich dann nach einem echten Männergespräch bei einem Scotch oder wenigstens einem Guinness im Pub. Aber er hatte nicht das Gefühl, dass sich seine Sehnsucht bald erfüllen würde.

Stattdessen froren ihm fast die Finger ab. Seine Nase lief unaufhörlich und seine Ohren fühlten sich zwischen den gegen die Kälte weit hochgezogenen Schultern nutzlos eingeklemmt. Die gigantischen, wattebauschgleichen Schneeflocken wirbelten ihm entgegen, legten sich auf die Schulterklappen seines Mantels und schmolzen auf seiner hohen Stirn und rannen ihm in den Nacken.

In einer dreckigen Seitengasse, schmal und düster, beleuchteten Scheinwerfer einen nackten und offensichtlich toten Körper, dessen Kehle klaffend rot und dessen Haut weiß wie der Schnee war, der ihn spärlich bedeckte.

„Was haben wir hier“, fragte Hammersfield den Kollegen vor Ort und ließ sich Bericht erstatten über Auffindesituation, Zeugen, baldige Ankunft des Gerichtsmediziners. Die Kollegen von der Spurensicherung gingen in ihren weißen Anzügen wie Schneegeister ihrer Arbeit nach. Hammersfied zog sich Plastikhüllen über die Schuhe.

Die Augen des Toten waren weit aufgerissen. Hier war ein aggressiver, aber präziser Täter am Werk gewesen. Der Körper war übersät mit Hämatomen und Brandmalen, an den Hand- und Fußgelenken waren Fesselspuren zu sehen, rote Striemen um den Mund, die vermutlich von einem Klebeband stammten, das der Täter wie alles andere entfernt hatte, das ihn verraten konnte.

Folter und Tod. Die Leiche wurde hier entsorgt. Allerdings so, dass sie gefunden werden musste. Also eine Botschaft an wen auch immer. Hammersfield schaute genauer und erkannte einen „Kunden“. Der war doch Rausschmeißer im Pussycat Club. Ach verdammt. Hammersfield stöhnte innerlich. Der Typ war doch ein Informant von Rosalind. Jetzt musste er mit der Mondflüsterin auch noch arbeiten und ihr Gelaber ertragen, dieses ganze Psychologisieren. Er hasste es. Abgrundtief.

20. Februar – Reise durch das Sorgenland

Selina war neugierig auf das geheimnisvolle Sorgenland, das über die ganze Weite des Erdenrunds für seine Eigenart berühmt war. Sie hatte gehört, dass dort niemand eine Aufenthaltsgenehmigung oder gar Bleiberecht erhalten konnte, wenn er sich nicht fleißig und zuverlässig im Sorgenmachen geübt hatte.

Und sie wollte doch unbedingt wissen, wie sich Sorgen machen funktioniert. Es musste eine großartige Gabe sein; denn ihr war diese Kunst völlig unbekannt. Also drehte sie sich dreimal auf dem Absatz, dem linken, machte einen großen Schritt und schon hatte sie das Sorgenland erreicht.

#Sie landete in einer Fußgängerzone. Es war regnerisch und die Leute eilten schnell über die freien Flächen, um wieder unter eine Überdachung oder ins nächste Geschäft zu gelangen. Einige trugen große Regenschirme, andere hatten sich die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Keiner von ihnen beachtete Selina. Die schaute sich neugierig um und streckte die Zunge heraus, um ein paar Regentropfen zu fangen. Sie genoss die lustigen Regentropfen auf ihrem Haar und beobachtete, wie ihre Kleidung langsam feucht wurde.

Dann fiel ihr ein, dass sie doch so gerne wissen wollte, wie das Sorgenmachen funktioniert. Also sprach sie einen Mann an, der gerade mit tief ins Gesicht gezogenem Hut und gebeugten Schultern durch den Regen eilte. Aber der schien sie gar nicht zu hören. Er rannte einfach weiter. Selina zuckte mit den Achseln.

Dann sah sie eine ältere Frau mit einem großen, gelben Regenschirm auf sich zukommen. Selina rief ihr ein freundliches „Hallo“ zu. Die Frau blieb stehen.

„Mädchen, Du wirst Dir noch den Tod holen“, rief sie ganz bestürzt. „Komm unter den Schirm! Wie kannst Du an solch einem Tag nur ohne Jacke ausgehen. Du bist ja ganz naß!“

Die Frau zog Selina unter den gelben Regenschirm und lief mit ihr unter das Vordach eines Kaufhauses. Durch das Lüftungsgitter vor der Eingangstür blähte ein steter, warmer Luftstrom Selinas Rock. Und sie drehte sich ein wenig, damit es sie von allen Seiten wärmte.

Die Frau schaute ihr zu und redete immer noch auf sie ein, dass sie unvernünftig sei und sich ganz sicher den Tod holen werde. Aber Selina lachte nur.

„Liebe Frau“, sagte sie, „ich bin von weit her gekommen, um zu erfahren, wie ich mir Sorgen machen kann. In dem Land, wo ich herkomme, gilt das als große Kunst. Aber bei uns beherrscht sie niemand. In Eurem Land sollen große Meister dieser Kunst wohnen und jedes Kind soll sie beherrschen. Bitte, verratet mir, wie mache ich mir Sorgen?“

Die Frau starrte Selina entgeistert an. Endlich war sie sprachlos. Ihr Mund bewegte sich zwar, aber es kam kein Laut heraus. Dann schnaufte sie, drehte sich empört um, ließ Selina stehen und stapfte energisch davon. Der gelbe Schirm wippte dabei aufgeregt auf und ab. Selina guckte ihr eine Weile nach.

Dann hielt sie weiter nach jemandem Ausschau, der wissen könnte, wie das Sorgenmachen funktioniert. Vielleicht, überlegte sie, ist doch nicht jeder in diesem Lande Meister darin. Aber sie würde sicherlich bald einen guten Lehrer finden.

19. Februar – Ode an die Weisheit

Mutter der Weisheit trage mich auf deinen Schwingen.

Mutter der Weisheit macht mich lachen und weinen im selben Augenblick.

Oh du unendliches Mitgefühl allein mit der Kreatur dort vor meinen Füssen, kannst schon unerträglich tief gehen bis in die Wurzel.

Und dann: Unendlich viele Wesen sind dort um mich herum. Mitgefühl mit ihnen allen empfinden zu können, ohne darin geübt zu sein, hat meine Mutter verrückt werden lassen. Und mich die Unempfindlichkeit üben gelehrt. Nun läuft der Prozess rückwärts.

Mutter der Weisheit trage mich auf deinen Schwingen.

Denken wird zum Leitstrahl, zum Rettungsanker, zum Drahtseilakt. Rechts und links drohen die tiefen Abgründe des Unerklärlichen, des Undenkbaren, des fühlbaren, erfahrbaren Urwissens. Es gibt keinen Beweis. Es gibt nichts, was kalte Techniker überzeugen könnte von der Schönheit einer Ackerwinde, eines Wassertropfens am Grashalm. Und fühlt er es doch, krallt er sich an seinen Balancierstab.

„Ich bin nüchterner Denker“.

Wie feige, wie langweilig, wenn Löffel sich niemals verbiegen und Tote nur im Grab liegen anstatt uns in ihren Träumen zu besuchen.

Die Ritze in der Ritze in der Ritze.

Ein Netz besteht aus lauter Löchern. Was ist wichtiger – das Loch oder das Garn, das es umrahmt?

Was ist mein Leben mehr als ein Atemzug in der Unendlichkeit, ein Hier und Jetzt von vielen anderen möglichen und tatsächlichen Hier und Jetzt.

Mutter der Weisheit trage mich auf deinen Schwingen. Weit fort ins Hier und Jetzt.

18. Februar – Sing doch

Sing doch! Die Kneipe ist brechend voll. Die Bedienung quält sich das Tablett hoch über ihrem Kopf balancierend durch die Menschenmenge. Rockmusik scheppert aus den Lautsprechern. Die Leute schreien sich an und nehmen große Schlucke von ihren Getränken.

Ein paar Mädchen haben sich bis ganz nach vorn an die Bühne geschoben und warten sehnsüchtig auf ihre Band. Und endlich. Die Jungs springen auf die Bühne und die Mädchen kreischen hysterisch.

Nur eine Frau steht da ganz vorn und lächelt still in sich hinein. Der Typ neben ihr greift ihren Arm und glotzt auf das Ziffernblatt ihrer Armbanduhr. Angestrengt versucht er, zu erkennen, wie spät es ist.

Sie fragt: „Geht’s noch?“

Der Typ sagt: „Schau mal, ist es schon nach Zwölf“.

Sie guckt selbst auf die Uhr und sagt: „Ja!“

Er lässt ihren Arm los. Voller Enthusiasmus schwenkt der Typ sein Bier über den Köpfen der Leute zum Takt der Musik. Alle grölen den Refrain mit, nur die Frau nicht.

Auch beim nächsten Lied singt sie nicht mit, obwohl alle Mädchen um sie herum wie verrückt auf und ab hüpfen, die Arme hochreißen und den Refrain mitbrüllen. Der Sänger schaut sie an und fordert sie mit einer Geste auf, ebenfalls mitzusingen. Aber sie lacht nur.

Das lässt dem Sänger keine Ruhe. Als die nächste Band spielt, sucht er die Frau. Irgendetwas in ihrem Blick, in ihrem Lachen hat ihn gereizt. Er bringt sonst jede zum Mitsingen. Was ist bloß los mit der.

Schließlich findet er sie in der Menge, stellt sich hinter sie. Sie scheint ganz versunken, tanzt, hat die Augen geschlossen. Ob er sie ansprechen soll? Normalerweise hat er das nicht nötig. Plötzlich drängt ihn einer zur Seite, fasst die Frau an der Schulter.

„Da bist Du ja“, kann er von ihren Lippen lesen, während sie den Arm um die Hüfte des anderen Mannes schlingt.

17. Februar – Fabian

Eines Morgens wachte Fabian auf und sprang sofort aus seinem Bett. Es war noch dunkel draußen. Die Sonne begann gerade erst hinter dem Horizont aufzusteigen. Im Zwielicht seiner kleinen Schlafkammer wunderte er sich, dass er hellwach war.

Normalerweise stand er erst spät auf, wälzte sich nur unwillig aus dem Bett und begann missmutig den Tag. Aber heute war alles anders. Das erste Licht fiel zart durch sein Fenster und verdrängte das Grau der Schatten. Er lauschte, aber er hörte nichts, noch nicht einmal das Singen der Vögel. Es war still.

Zögernd öffnete er die Tür in den Flur. Auch dort Stille. Er ging in die Küche, schaute aus dem Fenster. Nichts, keine Bewegung, kein Mensch auf der Straße.

Dann öffnete er die Tür zum Schlafzimmer seiner Frau. Er hörte sie nur leise atmen. Der Wecker an ihrem Bett zeigte kurz nach fünf. Erst in einer Stunde würde er klingeln. Fabian schloss die Tür wieder und ging ins Badezimmer. Auch hier herrschte noch das Zwielicht des frühen Morgens. Fabian griff nach dem Rasierschaum und schaute in den Spiegel.

Verwundert ließ er seine Hand mit der Dose sinken. Wer war dieser Mann dort? Sollte er das sein? Woher kamen die grauen Strähnen im Haar, woher stammten die grauen Stoppeln im Bart? Und waren seine Augen nicht strahlend blau? Nun schauten ihn graue, traurige Augen an. Wo waren die Jahre hingekommen? Wo die großen Pläne des jungen Mannes, der ihn sonst aus dem Spiegel angeschaut hatte.

Er schaute noch einmal ganz genau dieses Gesicht an. Es war fülliger geworden. Die Wangen hingen etwas hinab, auch sein Kinn war nicht mehr so markant. Plötzlich erschöpft sank er auf den Badewannenrand. Wie konnte er so plötzlich über Nacht ein anderer geworden sein? Wie lange Jahre hatte er sich selbst überhaupt nicht mehr gesehen?

Einen Moment lang wollte er sich wieder in sein Bett verkriechen und diesen schrecklichen Anblick vergessen. Aber dann straffte er die Schultern. Nein, es war Zeit, dass er etwas änderte. Schnell duschte er, zog sich an. Aufs Rasieren verzichtete er. Vielleicht würde ihm ein Bart ganz gut stehen, dachte er flüchtig. Dann verließ er still die Wohnung.

Viertel nach sechs klingelte der Wecker. Sabine blinzelte unter der Bettdecke hervor, schob ihren Arm heraus und drückte die Schlummertaste. Etwas schwerfällig rollte sie sich aus dem Bett und ging in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Ein großer Zettel lag davor. „Bin Brötchen holen! Kuss Fabian“