9. Juni – Stacheliger Untermieter

Ein kleiner Igel wohnt zur Zeit in der Katzenkiste von unserem Kater Paul. Die Katzenkiste hatten wir auf die Veranda vom Gartenhäuschen gestellt und wunderbar mit einer alten Matratze ausgepolstert. Durch ein großes rundes Loch konnte Paul prima dort hinein und wieder hinauskommen. Theoretisch.

Leider gefiel Paul diese Zweitwohnung aber aus irgendeinem Grunde nicht. Sogar im tiefsten Winter hatte er sie verschmäht. Kein Wunder also, dass er sie jetzt im Frühling völlig links liegen ließ. Und kürzlich hat Paul einen Untermieter bekommen.

Als ich neulich an der Katzenkiste vorbeikam, schaute mich plötzlich ein kleines spitzes Gesicht mit runden, schwarzen Knopfaugen an. Ich musste zweimal hinschauen, aber dann erkannte ich auch ohne die Stacheln sehen zu können den Igel. Der saß gemütlich in der Kiste und ließ die Welt – in diesem Falle mich – an sich vorüberziehen.

Was Paul zu seinem Untermieter sagt?

„Das ist mir doch völlig miau!“ – natürlich.

8. Juni – Loslassen

Weißt du noch, wie du als Kind Fahrradfahren gelernt hast? Erinnerst du dich noch daran, wie du auf dem Rad saßest, das erste Mal ohne Stützräder. Deine Mutter oder dein Vater lief neben dir her, hielt das Rad durch einen sicheren Griff unter den Sattel stabil, rief dir zu: „Treten, treten, nicht aufhören!“

Und immer, wenn deine Mutter oder dein Vater losgelassen hat, hast du aufgehört zu treten, das Gleichgewicht verloren und bist beinahe umgefallen.

Falls es dein Vater war, der dir Fahrradfahren beigebracht hat, dann war er vielleicht ein bisschen so wie meiner, nämlich ungeduldig.

Warum lernt das Kind so etwas Einfaches wie Fahrradfahren nicht. Dauernd fällt es wieder um, und ich sag doch noch: „Nicht umfallen, nicht aufhören zu treten!“

Aber obwohl er irgendwann wütend wurde und obwohl ich es wirklich schwierig fand dieses Radfahren, nahezu unmöglich, so wollte ich es doch unbedingt lernen.

Also sah ich über meine Angst, die Wut und Ungeduld meines Vaters hinweg und versuchte es weiter – und dann, plötzlich konnte ich es.

Tat es in Wahrheit schon eine ganze Weile, weil mein Vater einfach so außer Puste war, dass er nicht mehr nebenherlaufen und dabei noch unnütze Anweisungen rufen konnte.
Er hat also einfach losgelassen, ohne dass ich es mitbekommen habe. Und als ich es dann merkte, fuhr ich zwar einen kleinen Schlenker vor Schreck, aber ich konnte doch mein Gleichgewicht halten und trat einfach weiter in die Pedale. Ich fuhr ganz allein Fahrrad!

War das großartig!

7. Juni – Urlaubsgeld

Bettina sitzt am Küchentisch und zählt das Kleingeld aus der Mariacron 3 Liter Magnumflasche. Dort wirft sie seit ein paar Jahren alle kleinen Münzen hinein, die sie übrig hat. Manchmal verirrt sich sogar ein Euro dazu. Und wenn die Flasche voll ist, hat sie sich vorgenommen, wird sie von dem Geld in Urlaub fahren.

Heute ist es soweit, die Münzen drohten schon oben heraus zu purzeln, sie hat die Flasche umgekippt und macht jetzt lauter Häufchen mit Eincentstücken, Zweicentstücken, Fünf-, Zehn- , Zwanzig-, Fünfzigcentmünzen, ein bescheidener Stapel Eineuromünzen prangt in der Mitte.

Es dauert elend lange, bis sie alle Münzen fein säuberlich sortiert hat, ein paar alte Centimes und Pfennige wirft sie wieder zurück in die Flasche. Die Zungenspitze zwischen den Zähnen stapelt sie jeweils 10 gleiche Münzen aufeinander. Sobald sie damit fertig ist, steht der Tisch voller Geldstapel. Sie zählt das Geld.

Es sind 9, 86 Euro in Eincentmünzen, 17,02 Euro in Zweicentstücken, 10,55 Euro in Füncentmünzen, die Zehn-, Zwanzig- und Fünfzigcent ergeben zusammen 23,70 Euro und dann hat sie 19 Eineuromünzen.

Na, das wird aber ein kurzer Urlaub!

6. Juni – Sängerwettstreit

Sabine schnürt die festen Schuhe und schleicht sich am frühen Morgen aus dem Haus. Mann und Kinder schlafen. Endlich aufatmen, ein bisschen gestohlene Zeit nur für sie allein.

Hinter dem Haus überquert sie eine frisch gemähte Wiese und läuft über die Feldwege Richtung Wald. Obwohl es so früh ist, wärmt die Sonne sie. Und Sabine ist froh, dass sie Sonnencreme auf Gesicht und Arme aufgetragen hat. Im Schatten des Waldes ist es noch kühl. Und die Vögel singen lauthals um die Wette.

In weiter Entfernung hört Sabine ein „Schuhuhuuuhuuu“, zwei Mal. Aber dann wird es vom Pfeifen und Tirilieren und Jubeln aus allen Richtungen übertönt. Was gäbe Sabine darum, wenn sie die Vögel verstünde.

Vielleicht rufen sie sich zu: „Schaut mal eine Menschenfrau! Was will die so früh hier? Warum stört sie uns? Wer traut sich, ihr auf den Kopf zu scheißen?“

Aber vermutlich, überlegt Sabine, kümmern die Vögel sich kein bisschen um mich.
Sie pfeifen und singen, weil das Leben in ihnen einen Druckausgleich sucht wie bei einem Dampfdrucktopf, weil das Leben immer einen Ausdruck sucht.

Und voller Inbrunst stimmt Sabine ein.

5. Juni – Martas Entschluss

Marta guckte gelangweilt. Was der Lehrer da an die Tafel krakelte, stimmte doch hinten und vorn nicht. Überhaupt waren ihre ganzen Schulbücher hoffnungslos veraltet. Und alles wurde ohne Rücksicht bis zum Erbrechen wiedergekäut, obwohl es schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten widerlegt war. Ihr erschien es sogar lehrreicher vor dem Fenster den Kastanien beim Wachsen zuzusehen oder die Kästchen im Heft mit lauter kleinen Figuren zu versehen.

Ihr Lehrer übersah höflich und in stiller Übereinkunft, dass sie, anstatt mitzuschreiben, nur Zeichnungen anfertigte. Sie hatte in jeder Klassenarbeit die besten Noten. Sie strengte sich nicht an. Das entsprach schlicht ihrem Naturell. Sie dürstete nach Wissen, sie sammelte Fakten, wo immer sie welche aufpickte. Es erfüllte sie mit Freude, Informationen in sich aufzusaugen und miteinander in Verbindung zu setzen bis Kaleidoskope von Erkenntnis erblühten und stets weitere, höhere, tiefere Fragen aufwarfen.

Von klein auf verfügte sie über eine große Bibliothek. Ihre Eltern hatten sie immer in all ihren Interessen unterstützt und so überflügelte sie ihre Altersgenossen mit Leichtigkeit, übersprang erst eine dann zwei Klassen. Aber was hatte es genutzt? Sie langweilte sich weiterhin im Unterricht und wurde von ihren älteren Mitschülern gehasst.

Marta war daran gewöhnt, anders zu sein. Mit der Einsamkeit kam sie klar. Sie störte nur, dass sie trotz all ihrer Intelligenz, bisher keinen Weg gefunden hatte, der Welt ihre eigenen Erkenntnisse mitzuteilen. Marta wurde zwar wie ein Wundertier vorgeführt, angeblich sogar gefördert. Aber sie merkte, dass sie in einer derartig verschiedenen Welt lebte, dass sie sich kaum mit anderen Menschen zu verständigen in der Lage war. Das frustrierte sie.

Marta hörte auf zu zeichnen. Ein Blitz fuhr wie gleißendes Leuchten durch ihr Zentrum und sie fällte eine Entscheidung. Ohne ein Wort packte sie ihre Tasche, stand auf und schritt zur Tür.

„Wo willst Du hin?“, fragte der Lehrer.

Marta blieb, die Hand auf der Klinke, stehen. Tausend Antwortmöglichkeiten schossen ihr durch den Kopf. Alle waren anmaßend und überheblich.

„Ich möchte mir endlich einen Lehrer suchen, der mir noch etwas beibringen kann.“

Betretenes Schweigen. Das Gesicht des Lehrers entgleiste. Die Schüler in der Klasse duckten sich in ihren Bänken und hielten gespannt den Atem an. Der Lehrer schien sich zu fassen.

„Ja, das ist sicher besser für dich“, sagte er mit fester Stimme und nickte Marta zum Abschied zu.

Leise drückte sie die Tür hinter sich ins Schloss und wusste zum allerersten Mal im Leben nichts mehr.

4. Juni – Nie passiert etwas

Doris sitzt am offenen Fenster und beobachtet. Meyers schwarze Katze läuft über Boltes Hofeinfahrt, schnüffelt an ein paar Grasbüscheln, die zwischen den Steinen hervorsprießen, und tappst dann den langen Weg am Haus entlang Richtung Garten.

Jede Katze der Nachbarschaft hat Doris dort schon entlanglaufen sehen. Was sie auf Boltes Grundstück zu suchen haben, ist ihr ein Rätsel. Dann kommt der Peppi mit seinem Einkaufstrolley die Straße hinaufgeschnauft. Er hält an jedem Briefkasten und steckt das Blättchen hinein.

Ein blaues Auto fährt vorbei, das Doris nicht kennt. Ein rotes Auto kommt vorgefahren, stoppt bei Trägers schräg gegenüber. Ein Mann im dunklen Anzug steigt aus, stapft die Treppen zur Haustür hinauf und schellt. Keiner öffnet. Trägers sind beide arbeiten.
Der Mann klingelt erneut, schaut auf seine Schuhspitzen, rückt die Krawatte gerade. Er schreibt etwas auf ein Kärtchen, das er aus der Innentasche seines Sakkos fischt, klemmt es an die Tür und fährt wieder davon.

Es ist ruhig, so ruhig, dass sich eine Rabenkrähe in Sicherheit wiegt und aufgeregt an dem Gelben Sack neben Meyers Mülltonnen zerrt. Eifrig stochert sie mit ihrem Schnabel. Das Plastik ist schon halb aufgerissen, die leeren Verpackungen quillen hervor. Dann schlittert eine Dose laut scheppernd zu Boden. Erschrocken flattert die Krähe davon.

Etwas später kommt der Postbote. Doris sieht ihn schon von weitem die Straße heraufkommen mit seinem gelben Minitransporter. Alle zehn Meter hält er an und verteilt die Post an die zwei oder drei naheliegenden Häuser. Es dauert fast eine Viertelstunde bis er endlich auf der Höhe von Doris‘ Fenster angekommen ist.

Trägers bekommen nur Briefe, Meyers ein Paket, Boltes eine Zahlungsaufforderung. Für Doris hat der Postbote nichts, nicht einmal Reklame.

Der Schmidt aus dem Hegelweg fährt in seinem alten VW vorbei.

Doris stemmt sich hoch, um Mittag zu kochen, Da sieht sie Frau Träger nach Hause kommen und mit vollgepackten Armen umständlich die Haustür aufschließen, dabei flattert das kleine Kärtchen von ihr ungesehen zu Boden.

Doris holt tief Luft, um der Träger zuzurufen.
Aber dann sagt sie sich: „Lieber nicht, die denkt sonst noch, ich hänge den ganzen Tag nur am Fenster herum.“

3. Juni – Menschen stören

Direkt unterm Nistkasten im Schatten des Baumes liegt eine Frau gemütlich auf einer Gartenliege. Manchmal wedelt sie mit der Hand, um ein Insekt zu vertreiben. Aber meistens liest sie nur und merkt kaum, was um sie herum vorgeht. Eine kleine Springspinne verirrt sich in ihren Ausschnitt, sie hilft ihr wieder hinaus und liest weiter.

Drei hungrige Vöglein sitzen im warmen Nest und warten auf Futter. Noch bleiben sie still, aber die winzigen Köpfchen rucken bereits ungeduldig hin und her. Es wird Zeit, dass ein kleiner Wurm vor ihren Schnabel gehalten wird, den sie selig verschlingen.

Wo bleiben denn bloß die alten Vögel? Haben sie die kleinen Vögelchen vergessen? Hat sie die Katze geholt? Nein, sie sitzen in sicherer Entfernung, hinter der Hecke auf einem Baum und lauern darauf, dass die Frau endlich verschwindet.

Die winzigen Köpfchen rucken und zucken immer wilder. Klagende Rufe dringen aus den hungrigen Schnäbeln. Die alten Vögel antworten und flattern aufgeregt in sicherer Entfernung hin und her. Alle schreien laut durcheinander. Die Frau schaut auf. Was lärmen denn die Piepmätze so?

Dann klappt sie das Buch zu, packt ihre Sachen zusammen und verschwindet ins Haus. Die Sonne ist hinter einer dicken Wolke verschwunden, es wird langsam kühl. Die Vögel geben sicher deswegen ein Konzert, vermutet sie.

2. Juni – Gesines Leben

Gestern besuchte mich eine Freundin und sagte: „Du, borg mir doch mal eben dein Leben aus.“

Ich musterte sie von oben bis unten. Sie sah aus wie immer, hennagefärbtes Haar, wilde Locken, Ringelpulli, Cordhose, zwei nicht zusammenpassende Socken in offenen Sandalen, Gesine eben. Nur ihre Augen hatten heute so einen merkwürdigen Glanz.

„Was willste denn damit?“, fragte ich.

„Jetzt sei doch nicht so. Als wollte ich jetzt irgendwas Besonderes oder so. Nur heute, ehrlich.“

Sie schaute mich ungeduldig an. Ich zuckte mit den Schultern, schüttelte leicht den Kopf.

„Hm, nö!“, sagte ich. „Mein Leben geb’ ich dir nicht.“

Gesine kullerte mit den Augen.

„Das hab ich mir doch gleich gedacht, dass du wieder soo bist. Da brauche ich einmal deine Hilfe. Echt jetzt.“

„Wie, wieder soo? Außerdem ist mein Leben schon was Besonderes. Kannste Dir nicht einfach ausleihen. Und was mach ich solange? Dein Leben hüten, oder was?“

„Ist doch für’n guten Zweck. Brauch das doch nur heute mal.“

„Aber warum?“

„Na, naja“, Gesine druckste herum, „ist nicht so einfach zu erklären.“

„Dann geb’ ich dir mein Leben erst Recht nicht. Wer weiß, was du damit anstellst. Ne, das geht nicht.“

„Ach menno, ich brauch’ das wirklich nur ganz kurz, heute Abend bring ich’s zurück. Lass dir auch meins als Pfand da.“

Sie ließ nicht locker und ich mich breitschlagen. Wir haben also getauscht.

Natürlich kam Gesine gestern Abend nicht wieder.

Sie ist mit meinem erstklassigen Leben durchgebrannt.

Es wundert mich nicht mehr, wenn ich mir den Saustall so angucke, den sie dagelassen hat.
Bei meinem Glück kommt die wieder, sobald ich alles aufgeräumt und in Ordnung gebracht habe.

Aber bis dahin wundert Euch nicht, wenn ich ab und zu mal verschiedene Socken anhabe. Das passiert einem schnell bei so einem chaotischen Gesine-Leben.

1. Juni – Maries Liste

Marie setzte sich eines Abends an ihren Küchentisch, klappte die leicht abwaschbare Tischdecke um und öffnete die Schublade. Ja, da zwischen alten Einmachgummis und dem Sammelwerk „Fixe Rezepte für die berufstätige Hausfrau“, lag es, das abgegriffene Schulheft von Uwe. Marie kramte es hervor, wühlte weiter nach einem Kugelschreiber.
Keiner da. Sie stemmte sich hoch und schlurfte in den Flur, auf der Telefonbank am Zettelkasten klemmte einer. Zurückgekehrt an den Küchentisch nahm Marie umständlich Platz und schlug das Heft auf.

Auf den ersten paar Seiten standen alte Diktate von Uwe aus der vierten Klasse. Was der immer gekleckst hatte! Sie schüttelte den Kopf. Zu ihrer Zeit hatte es für Kleckse in den Schulaufgaben auf die Pfoten gegeben. Sie blätterte weiter, es folgten einige Aufstellungen von Haushaltsausgaben, die sie eine Weile lang geführt hatte. Endlich eine leere Seite.

Marie strich sie mit der Hand glatt und schrieb in ihrer schönsten Schreibschrift in die Mitte der ersten Zeile „Maries Liste“, darunter teilte sie das Blatt durch eine vertikale Linie in zwei Spalten mit links „Pro Heinz“ und rechts „Contra Heinz“.

Sie starrte eine Weile auf die Blümchentapete vor sich. Und notierte unter „Pro“ „handwerklich begabt“, ihr Stift schwebte über dem Papier, sie stierte an die Wand, nein, es kam nichts mehr, so wandte sie sich der anderen Spalte zu und füllte sie mit „zuviel in Kneipe“, „Weibergeschichten“, „verschwenderisch“, „interessiert sich nicht für meine Bedürfnisse“, „interessiert sich nicht für unsere Kinder“, „hilft nie im Haushalt“, „lässt sich bedienen“, „ist launisch“.

Sie schlug um und teilte das Blatt erneut. „Contra“, sie drückte fest mit dem Stift auf, ohne lange nachzudenken, füllte sie die Rückseite und setzte ihre Liste auf der gegenüberliegenden Seite fort. Sie blätterte zurück „Pro“. Sie nagte an ihrer Unterlippe, sie kaute am Kugelschreiber, dass ihr aber so gar nichts einfiel. Es war doch unmöglich, dass ihr nur ein positiver Wesenszug in den Sinn kam. Endlich schrieb sie „sieht gut aus für sein Alter“ und darunter „Sex meistens ok“.

Dann zuckte Marie mit den Schultern und zählte alle Notizen in der Spalte „Contra“.
Es waren dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig Punkte, die gegen Heinz sprachen, nur drei für ihn. Die brauchte sie nicht zu zählen.

Das war katastrophal, ein tausend Mal schrecklicher, als sie erwartet hatte. Sie klappte das Heft zu, legte den Kugelschreiber in gerader Linie daneben.
Dann lief sie ins Schlafzimmer, um Heinz’ Koffer zu packen.

31. Mai – Große und wilde Freiheit

Große und wilde Freiheit! So ein dramatischer Ausdruck für eine so kleine Sache. Freiheit ist gar nichts Besonderes, solange du sie hast. Erst wenn einer kommt und dir deine Freiheit einschränkt, dir deine Freiheit wegnimmt, da wird das plötzlich zu einer großen Sache.

Was aber, wenn du wie ein Zootier noch niemals gelernt hast, in der großen und wilden Freiheit zu bestehen?

Große und wilde Freiheit – eingelesen von Ruth Schilling

Wenn die Freiheit für dich noch nie erreichbar, noch nie lebbar war?

Wirst du dich dann nach ihr sehnen?

Und falls ja, wirst du sie mögen, wenn du sie wirklich erlangst?

Gefangenschaft im goldenen Käfig ist das Schlimmste, was man jemandem antun kann.

Gefangenschaft im artgerecht eingerichteten Gehege.

Gefangenschaft mit der Absicht, dem Insassen nur das Beste anzutun.

Manchmal verlogen, manchmal ganz ehrlich gemeint. Wenn dein Freiheitsdrang die Angst und Bequemlichkeit überwindet, wirst du dich wohl fühlen in all der Freiheit, wirst du der Wildnis gewachsen sein?

Vielleicht wirst du am ersten Tag der großen Freiheit gefressen, vielleicht macht dir die Freiheit so viel Angst, dass du schnell einen neuen Käfig suchst.

Aber hast du die Süße der Freiheit einmal gekostet, wird dich die Sehnsucht niemals verlassen. Irgendwann musst du hinaus in die große und wilde Freiheit – oder jämmerlich zu Grunde gehen.

30. Mai – Claire

Claire streckte sich und angelte die große Pappkiste vom Schrank. Mit der flachen Hand wischte sie den Staub von der Oberseite und rieb dann die Hand an ihrer Hose ab. Ein paar Staubflocken flogen durch die Luft und kitzelten Claire in der Nase.

Mit klopfendem Herzen setzte sie sich im Schneidersitz auf den Boden, die Kiste stellte sie vor sich. Einen Moment verharrte Claire, plötzlich sank ihr doch der Mut, schließlich hob sie den Deckel mit zitternden Fingern ab. Ein wildes Sammelsurium von alten, vergilbten Fotos, von abgegriffenen Briefen mit Stockflecken schaute ihr entgegen.

Wieder zögerte Claire und begann dann, die Bilder durchzusehen. Auf einigen erkannte sie ihre Mutter, als Kind, als junge Frau, wahrscheinlich mit deren Familie, Geschwistern und Eltern, Menschen, die Claire nicht kannte. Und dann, das musste er sein. Ihr Vater, in Uniform, in der deutschen Uniform eines Feindes, damals zumindest.

Niemals hatte Claire ihn kennengelernt. Bis heute hatte sie nicht einmal von ihm gewusst. Und er hatte niemals erfahren, dass es Claire gab. Claires Mutter hatte erst jetzt gesprochen, als sie schon zum Sterben im Krankenhaus lag. Und Claire hatte geweint.

Dann hatte sie den Schlüssel genommen von Mutters Haus, das jetzt verwaist und dunkel dalag. Claire war in den Keller gestiegen und hatte die alte Kiste vom Schrank geholt, von der Mutter gesprochen hatte und nun sah sie ihren Vater dort stehen in seiner Uniform. Jung und unbeschwert lachte er in die Kamera.

Damals war doch Krieg, wie konnte er so lachen?

Aber er war ja jung gewesen, jung und verliebt.

Claire erkannte sich selbst wieder in dem Gesicht, das sie dort sah. Irgendwann, als sie selbst jung gewesen war, hatte sie ihm noch ähnlicher gesehen.

Claire nahm das Foto in beide Hände, als könnte sie so die ganze Energie dieses jungen Mannes auf dem Foto in sich aufnehmen. Als könnte sie all die verlorenen Jahre nachholen.

Dann drückte sie das Foto an ihr Herz und fühlte sich in all der Verwirrung und Trauer das erste Mal in ihrem 62-jährigen Leben ganz.

29. Mai – Wäldchestag

An Pfingsten war Mia drei Jahre alt und durfte das allererste Mal mit ihren Eltern und Geschwistern auf den Wäldchestag. So hieß der Rummel im Niederräder Wäldchen, der jedes Jahr an Pfingsten stattfand. Da ihre Geschwister so aufgeregt waren und immer wieder von diesem Wäldchestag redeten, steckten sie schließlich auch Mia damit an und sie konnte kaum erwarten, dass es endlich losging.

Am Samstag war Familientag und so zogen Mama, Papa, Esther, Robert und Mia bei herrlichstem Sonnenschein los zum Wäldchen. Für die langen Beine von Mama und Papa war der Weg nicht sehr weit, auch für Esther und Robert war die Strecke von ihrer Wohnung zum Wäldchen gemütlich zu überwinden, aber Mia mit ihren kurzen Beinchen hatte schon beim Erreichen des Wasserhäuschens auf halber Strecke keine Lust mehr und wollte lieber ein Eis haben.

Nun wurde diskutiert, ob sie doch die Straßenbahn nehmen sollten. Aber als Papa sagte, das geht alles vom Fahrgeld auf dem Rummel ab, waren Esther und Robert absolut dagegen. Also musste Mia weiterzockeln. Sie ließ sich Zeit. Dieser blöde Rummel, sie wusste ja sowieso nicht, was das überhaupt war. Vielleicht am Ende genau so langweilig wie dieses Museum, wo Mama sie manchmal mit hinnahm. Da hingen nur Bilder an der Wand und Mia musste still sein, durfte nicht rennen und schon gar nichts anfassen

Da am Straßenrand wuchsen Gänseblümchen, lauter Ameisen kamen aus einem kleinen Loch und liefen im Rinnstein entlang. Das war doch viel interessanter als so ein blöder Rummel.

„Mia, jetzt komm doch“, rief Mama. Aber Mia tat so, als hörte sie nichts. Dann kam Papa und nahm sie auf die Schultern. Das fand Mia dann doch lustig. Seine Glatze war ganz rot und fühlte sich feucht an. Von hier oben war die Aussicht auch viel besser. Nun ging es schneller voran. Schon konnte Mia das Wäldchen in der Ferne sehen und die ganzen Leute von oben betrachten, die dort hinströmten. Mia hörte auch ein Wummern und Johlen und eine verzerrte Stimme krächzte: „Bittä zuruckbleibän!“In den Bäumen hing ein großes, buntes Banner und alle Menschen strömten durch den Eingang darunter.

„Oh“, staunte Mia, als sie von Papas Schultern über alle Köpfe hinweg auf den großen Platz mitten im Wald blickte. Auf der einen Seite drehten sich kreischende Leute in bunten Pilzen und sich überschlagenden Rädern, auf der anderen Seite gab es gebrannte Mandeln, Schaumwaffeln und sonst allerlei Süßzeug. Aber das tollste erhob sich genau vor Mia: Ein riesengroßes Rad mit Gondeln, das sich weit über die Bäume erhob und mit dem man bis in den Himmel fahren konnte.

Die Leute strömten und schoben durch die Gänge zwischen den Buden. Weiße und rosa Zuckerwatte flog an Mia vorbei, ein junges Pärchen schleckte gemeinsam an einem mit knallrotem Zuckerguss überzogenen Liebesapfel. Plötzlich zuckte Mia zusammen, Geister und Hexen schauten von einer schäbigen Hütte auf sie herab.

Robert und Esther riefen: „Da, die Geisterbahn, Geisterbahn, wir wollen zur Geisterbahn!“

Da sagte Mama: „Ich bleibe bei den beiden Großen. Du kannst ja mit Mia zum Kettenkarussell“.

Sie gab Papa einen flüchtigen Kuss und ging rüber zum Kassenhäuschen, um drei Karten für die Geisterbahn zu erstehen. Dann ging es weiter auf Papas Schultern.

„Du hast doch bestimmt Durst“, rief er Mia zu und steuerte einen Bierpilz an.
Mit Schwung setzte er Mia auf den Tresen, knapp neben eine Wasserlache. Mia bekam eine Limonade mit Strohhalm und Papa ein Bier mit ganz viel Schaum. Er nahm einen langen Schluck von seinem Bier und seufzte dabei. Mia baumelte mit den Beinen, saugte an ihrem Strohhalm und guckte den Leuten zu, wie sie in einem großen Schiff hin und her geschaukelt wurden, immer höher und noch höher.

Als Mia nur noch Blasen in ihre Limonade pustete, hob Papa sie vom Tisch und sagte: „Du kannst jetzt mal laufen“.

Aber das gefiel Mia gar nicht. Sie sah nur noch Beine und Schuhe vor sich. Wenn Papa sie nicht an der Hand hielte, würde sie bestimmt zertreten werden.

„Guck, da ist das Kettenkarussell“. Papa war stehen geblieben und nahm Mia wieder auf den Arm.

„Willst Du mal fahren?“

„Au ja!“, jauchzte Mia und strampelte, weil sie ganz schnell zum Karussell laufen wollte.

„Warte, warte, wir müssen Dir erst ein Billet kaufen“, sagte Papa und nahm sie mit zum Kassenhäuschen.

„Drei für Zwei“, sagte er zu der Dame, die hinter einer Glasscheibe mit einem kleinen runden Loch saß. Mia drehte sich auf Papas Arm soweit herum, wie sie nur konnte, damit sie das Karussell sehen konnte, das gerade wieder anfing sich zu drehen.

„Och, menno!“, rief sie.

„Hör doch mal auf zu zappeln“, sagte Papa und steckte das Wechselgeld umständlich ein, ohne Mia loszulassen.

„Dann fährst Du halt das nächste Mal mit.“

Mia maulte ein bisschen und schaute zu, wie toll die Kinder immer im Kreis wirbelten.
Endlich saß Mia auch im Karussell und lachte und jauchzte, als sie den Wind spürte und ihr ganz schwindelig wurde. Immer wenn sie an Papa vorbeikam, winkte sie ganz doll und lachte noch mehr. Der musste aber Durst haben, er hatte schon wieder einen Becher mit ganz viel Schaum in der Hand.

Als die letzte Fahrt vorüber war, weinte Mia ein bisschen. Aber dann wurde es wieder besser. Papa nahm sie mit zur „Reitschul“. Ein Karussell mit lauter bunten Holzpferden, die sich im Kreis drehten und dabei Auf und Ab galoppierten.

„Oh“, Mia machte kugelrunde Augen, als sie das sah. Und auch hier erlaubte ihr Papa drei Runden zu drehen. Dann trafen sie sich mit Mama, Esther und Robert am Autoskooter. Mia durfte bei Papa mitfahren. Er ließ sie sogar lenken. Das war klasse, vor allem als sie voll Karacho Robert in die Seite fuhr und der erschrocken aufschrie.

Dann gab es Würstchen mit Senf und Limonade für alle. Das war toll! Und zum Schluss fuhren sie gemeinsam im Riesenrad. Da staunte Mia noch mehr. Ganz weit konnte sie über die Stadt sehen.

„Guck mal, guck mal!“, krähte sie und hopste auf und ab. Mia wollte am liebsten immer hier oben bleiben und weinte bittere Tränen, als sie wieder auf Papas Schultern nach Hause getragen wurde.

„Wir kommen Morgen nochmal her“, sagte Papa, damit sie still war.

Aber am nächsten Tag musste Papa arbeiten gehen, sein Chef hatte angerufen. Also wurde es nichts mit dem Wäldchen und Mia heulte ihrer Mutter den ganzen Tag die Ohren voll.
Doch die sagte: „Papa hat Dir das versprochen, nicht ich.“

Am Pfingstmontag musste Papa schon wieder zur Arbeit und Mama schickte Mia mit ihren Geschwistern auf den Spielplatz, um Ruhe zu haben.

Am Dienstag hatte Papa endlich frei. Als er beim Frühstück saß, rief Mia: „Komm Papa, Wäldchen!

Aber Papa sagte: „Mia, der Wäldchestag ist vorbei.“

„Du hast es versprochen!

„Papa war arbeiten, einer muss ja die Brötchen verdienen. Heute ist kein Wäldchestag mehr, Pfingsten ist vorbei. Es ist alles weg.“

„Aber Du hast es versprochen!“

Mia quengelte und quengelte.

Schließlich sagte Mama: „Geh doch mit ihr hin, dann sieht sie selbst, dass kein Rummel mehr ist. Und ein Spaziergang tut Euch beiden gut!“

Also zog Mia mit Papa los zum Wäldchen. Heute waren fast keine Menschen zu Fuß unterwegs, dafür fuhren viel mehr Autos als am Samstag. Mia wurde der Weg heute gar nicht lang, tapfer hielt sie Schritt mit Papa. Schließlich kamen sie am Wäldchen an und gingen hinein, aber dort war es ganz leer.

Keine Bude, keine Fahrgeschäfte, kein Riesenrad. Mia schaute sich entsetzt um.

„Siehst Du“, sagte Papa, „niemand mehr da, der Rummel ist vorbei. Die kommen erst nächstes Pfingsten wieder!“

Mia strahlte erleichtert und guckte zu Papa hoch: „Dann warten wir halt solange!“