10. April – Drama in Softeis

Als Carlotta sieben war, entdeckte sie Softeis. Das gab es am großen Eingang der Kaufhalle in der Innenstadt. Vor den großen Glastüren lagen Metallgitter, aus denen warme Luft strömte. Und als Mutter mit einer Bekannten dort an der Tür stand und sich nicht enden wollend unterhielt, bettelte Carlotta ihrer Mutter 50 Pfennig ab und rannte zum Softeisverkäufer.

„Einmal Erdbeer für 50 Pfennige“, sagte sie.

Der Verkäufer nahm zuerst das Geld entgegen, nahm eine Serviette und zog dann die Waffel aus dem Spender, fragte noch einmal: „Erdbeer“.

Carlotta nickte.

Dann sah sie zu, wie das Eis als dicke Sternwurst aus dem Apparat lief und die Waffel füllte. Oben machte der Eisverkäufer einen kleinen Zipfel.

Voller Aufregung nahm Carlotta ihr Eis entgegen. Dann führte sie es zum Mund, schloss die Augen, um sich ganz auf dieses allererste Softeis ihres Lebens zu konzentrieren, streckte schon die Zunge heraus.

In dem Augenblick traf Carlotta ein Stoß und das Eis flog in hohem Bogen auf die Steinplatten. Es bildete einen traurigen, rosa Flatschen, die Waffel war geborsten. Nur von hinten konnte Carlotta den schuldigen Rollerskater noch sehen, wie er weit mit den Ellbogen ausholend in der Menge verschwand.

Im ersten Moment wollte sich Carlotta auf die Knie werfen und das Eis vom Boden schlecken. Dann hörte sie die keifende Stimme ihrer Mutter.

„Was machst Du denn? Warum schmeißt Du das Eis runter? Musst Du immer so ungeschickt sein?“

„Aber Mama“, begann Carlotta zu protestieren und zeigte in Richtung des rasenden Rollerskaters, der längst nicht mehr zu sehen war.

„Du bist doch kein kleines Kind mehr!“, für die Mutter fort, „ich will Deine dummen Entschuldigungen gar nicht hören. Dir gebe ich kein Geld für Eis mehr, wenn Du so ungeschickt bist.“

„Aber…“, versuchte es Carlotta noch einmal. Doch die Mutter hörte ihr gar nicht zu, sondern schimpfte weiter und machte ihr Vorwürfe.

Dann nahm sie Carlotta unsanft an der Hand und zog sie mit sich fort nach Hause.
Das letzte was Carlotta sah, war eine rosafarbene Pfütze auf grauen Steinplatten.

9. April – Fantasiereise

Fantasiereise. Du sitzt auf deinem Baum im Garten, lässt die Beine baumeln und fährst im Einbaum über den Amazonas. Unter den Bäumen da am Ufer bewegt sich etwas und du weißt nicht genau, ob es die geheimnisvollen Eingeborenen sind, die vielleicht genau in diesem Moment mit Ihren Blasrohren auf dich zielen.

Also paddelst du schnell weiter und hoffst, dass sie dich nicht erwischen. Schließlich fährst du ans Ufer, um dir ein Lager für die Nacht zu suchen.

Da schwirrt ein Pfeil an deinem Ohr vorbei und fährt in einen Baumstamm.
Dann ruft Mama, du sollst reinkommen und dein Zimmer aufräumen.

„Ja, gleich!“, rufst du und schlägst seufzend dein Buch zu.

Noch den Finger zwischen den Seiten hangelst du dich vom Ast und schwörst das nächste Mal soweit nach oben zu klettern, dass Mama dich nicht mehr sehen kann.

8. April – Einfach verkauft

Das geht so natürlich nicht, ach du meine Güte! Immer diese Bauchentscheidungen und dann stehst du mit einem Hosenanzug in Schweinchenrosa da und irgendwie sah der doch im Laden noch gut aus. Aber hier, daheim, einfach scheußlich, einfach verkauft.

Die hatten dort bestimmt andere Beleuchtung, bestimmt viel Grünanteil von den Neonröhren. Sonst, bei klarem Verstand hättest du doch niemals dieses Schweinchenrosa.
Jetzt ist es zu spät den noch zurückzubringen.

Heute Abend ist schon der Empfang. After-Work-Party nennt sich sowas heute. So ein neumodischer Kram. Sich direkt nach der Arbeit besaufen.

Nun ja, andererseits, vielleicht ist das gar nicht so schlecht, wenn alle beschickert sind, dann sehen die auch das beknackte Schweinchenrosa nicht und es geht vielleicht als schickes lachsfarbenes Teil durch.

Außerdem – den alten schwarzen Anzug mit den Längsstreifen, den kannst du wirklich nicht noch einmal anziehen. Und in der Farb- und Stilberatung hat die freundliche Beraterin ja auch Rosa und Silber empfohlen, das würde zu deinem Teint passen.

Also schnell noch die silbergrau-glänzende Bluse gebügelt und dann rein in den geschmacklosen Hosenanzug.

Ist ja auch egal.

Jeder macht sich lächerlich, so gut er kann, warum nicht auch du.

Nach zähem Ringen stehst du also in unbequemen Schuhen an wackeligen Stehtischen und erntest zweifelhafte Komplimente.

„Wirklich einzigartig dieser Anzug, das kann ja nicht jede tragen“, dröhnt die Schmidt aus der ersten Etage.

Und die anderen Schranzen aus dem Büro kichern ein bisschen hinter vorgehaltener Hand.
Aber du zuckst nur mit den Schultern und trinkst noch einen Schluck.

7. April – Beziehungsweise

Beziehungsweise… „Guck mal da, eine Sternschnuppe!“, ruft Mia ganz aufgeregt.

Aber Jens grunzt nur kurz und schließt die Augen wieder.

„Jetzt guck doch mal! Wozu denn draußen schlafen, wenn du alles verpasst?“ Mia stößt Jens den Ellbogen in die Rippen.

„Menno, das tut doch weh! Spinnst du jetzt oder was?“

„Wir wollten doch extra eine romantische Nacht untem Sternenhimmel verbringen. Und jetzt pennst du einfach ein, findest du das romantisch?“

„Ich bin halt müde!“

„Nie kann man mit dir was zusammen machen! Immer verdirbst du einem den Spaß!“

„Aber ich mach doch gar nichts!“

„Ja, eben, du guckst nicht mal, wie schön der Sternenhimmel ist. Und mit mir zusammen etwas zu unternehmen, das interessiert dich auch kein Stück!“

„Ich bin doch hier.“

„Nur hier sein reicht nicht, du musst auch anwesend sein.“

„Das ist mir zu hoch.“

Jens packt seine Klamotten zusammen.

„Ich geh wieder rein!“

„Bitte, dann hau doch ab. Einen grunzenden Schnarcher kann ich hier sowieso nicht gebrauchen!“

Mia zieht die Decke unters Kinn und schaut trotzig in den Sternenhimmel, da fällt eine Sternschnuppe.

„Wenigstens auf dich ist Verlass“, murmelt sie.

6. April – Lustiger Abend

Lustiger Abend. Werner saß mit einem bunten Papphut auf dem Kopf vor dem Fernseher. Auf dem Wohnzimmertisch standen bereits zwei leere und eine angebrochene Bierflasche. Chips und Flips hatte Werner in eine zweigeteilte Holzschale gefüllt. Die leeren Tüten lagen unter dem Tisch.

Das Licht hatte Werner heruntergedimmt, der Raum wurde vor allem durch das bläuliche Licht des Fernsehgerätes erhellt. Es lief eine große Samstagabendshow. Ab und zu tönten ein paar Lacher aus dem Publikum, wenn der Moderator Faxen machte. Nur Werner verzog keine Miene.

Er nahm noch ein Schluck Bier. Mit dem Daumen fuhr er über das Flaschenetikett. Es glänzte merkwürdig im blauen Licht. Das war ihm noch nie aufgefallen.
Dann fiel sein Blick auf das Foto seiner verstorbenen Frau an der Wand. Sie schaute missbilligend auf ihn hinab.

Da prostete Werner ihr zu und grinste schief. Und seine Frau lächelte zurück.

5. April – Marie spricht ein Machtwort

Mit wirrem Haarschopf und laut gähnend tappte Marie in die Küche.

„Was macht Ihr denn so einen Lärm?“, fragte sie. Plötzlich war es still. Die Eltern schauten einander betreten an.

Die Mutter sagte: „Es ist alles in Ordnung.“

„Geh’ wieder ins Bett“, der Vater trat auf Marie zu und wollte sie aus der Küche bugsieren.
Aber Marie stand plötzlich hellwach und trotzig da.

Sie schaute von einem zum andern und dachte nicht daran, sich einfach wieder ins Bett abschieben zu lassen.

„Ihr streitet wieder“, stellte sie fest.

„Könnt Ihr Euch nicht mal endlich vertragen? Nie kann man Euch auch nur einen Moment aus den Augen lassen.“

Voller Entrüstung hatte Marie die Fäuste in die Hüften gestemmt.

Plötzlich begann die Mutter zu lachen, auch Marie prustete los.

Der Vater schaute einen Augenblick ratlos, dann stimmte er mit ein.
Das Lachen der drei dröhnte durchs ganze Haus.

4. April – Wer wird dir zuhören?

Wer wird dir zuhören? Torben war wirklich besorgt. Seit die Kirche diese elektrischen Beichtstühle eingeführt hatte, ging er gar nicht mehr gerne hin. Aber der virtuelle Pfarrer auf dem Bildschirm hatte ihm versichert, die Absolution gälte wirklich genauso wie früher.
Außerdem gab es ohnehin keine echten Pfarrer mehr auf dem Lande. Das lohnte sich nicht.

Wenn er eine richtige Messe besuchen wollte, dann musste er fast 120 Kilometer weit fahren. Aber wie sollte Torben das noch schaffen mit seinen Ersatzaugen und der Beinprothese. Es ging eben doch so langsam zu Ende mit ihm.

Torben machte sich große Sorgen um sein Seelenheil. Wie sollte er das erlangen, wenn er jede Woche nur einer Maschine von seinen Sünden erzählte, nachdem er seine Kollekte eingeworfen hatte. Anschließend segnete ihn ein Automat. Das war es dann. Zu Hause empfing ihn der automatische Haushälter.

Wenn er seine Freunde treffen wollte, dann trafen sie sich online. Es ging ja heute ohnehin kaum noch einer von den Alten aus dem Haus. Die störten doch nur.

Niemand sah gerne den Verfall, niemand wollte daran erinnert werden, dass ihn auch selbst irgendwann einmal der Tod ereilen würde.

Ja, natürlich. Die Lebenserwartung war hoch. Die Frauen wurden im Schnitt 117 Jahre alt, Männer immerhin 105. Torben hatte sie alle überlebt.

Er war jetzt 121 Jahre alt. Er erinnerte sich noch an richtige Kirchen aus Stein, mit Holzbänken, in denen man sitzen konnte. Und an echte Beichtstühle, wo ein Pfarrer auf der anderen Seite saß. Torben erinnerte sich auch noch an menschliche Ärzte und an Stewardessen im Flugzeug.

Und manchmal dachte er, dass die Welt ihm nicht nur deshalb schöner vorgekommen war, weil er damals jung war und alles noch vor ihm lag.

Er vermisste die anderen Menschen.

Er wäre beruhigter, wenn sich wenigstens ein Einziger von den Jungen für seine Geschichten aus der Vergangenheit interessieren würde.

Wenn ein Einziger sich die Zeit nähme, all die im langen Leben erworbene Weisheit zu würdigen.

Stattdessen erzählte er einem Automaten davon, der dann ständig blinkte und Fehlfunktionen anzeigte.

Immerhin war das ein Anlass, einmal in der Woche die Wohnung zu verlassen.
Immerhin hatte er sich bisher beharrlich geweigert, sich einfach in der Online-Church anzumelden.

Immerhin konnte er auf dem Weg zum elektrischen Beichtstuhl den Wind auf seiner Haut spüren, die Sonne sehen, den Regen fühlen, die Bäume betrachten, die Wolken beobachten.

Wenigstens etwas, das sich in all der Zeit überhaupt nicht verändert hatte.

3. April – Vater und Tochter

Du lebst doch hier im Schlaraffenland!“, brüllt der Vater seine Tochter Johanna an. „Wo das ganze Geld herkommt, interessiert dich doch gar nicht. Ich schufte mich krumm und buckelig und das ist dann der Dank!“

„Papa, sorry, aber ich hab’ dich nicht gebeten, dich für mich krumm und buckelig zu schaffen“.

„Was soll denn das jetzt – aber dein Taschengeld – dein fürstliches Taschengeld – das nimmst du gerne!“

„Ich wäre ja blöd, wenn nicht! Ich meine doch nur, dass es nicht immer nur aufs Geld ankommt.“

„Ach ja, auf was denn sonst?“

„Auf Liebe, auf Glück, auf Zusammenhalt, sowas eben.“

Der Vater schnaubt durch die Nase.

„So ein Mist“, murmelt er und schüttelt den Kopf. „Wer hat dir denn den romantischen Scheiß eingeredet. Wer glaubt denn an sowas? Da draußen herrscht Krieg!“

Nun schüttelt Johanna den Kopf. „Ach Papa!“

Wie soll sie ihm nur erklären, dass die Welt nur so ist, weil er sie so macht. Wie soll sie ihm nur erklären, dass Glaube Berge versetzt.

Das bedeutet leider auch, dass wirklich Krieg dort draußen herrscht, wenn er daran glaubt. Für ihn ist das so.

Wie soll sie ihn davon überzeugen, dass die Welt viel mehr ist als ein Ort der Pflichten und Kämpfe, des Verzichts und des Undanks.

„Vielleicht“, sagt sie, „wärst du einfach nur glücklicher, wenn du dich nicht für mich krumm und buckelig arbeiten würdest. Sondern das tun würdest, was du tun willst. Das meinte ich. Klar, vielleicht wäre ich dann unglücklicher. Also danke ich dir dafür, dass du aus Sorge um mein Glück auf deines verzichtest. Aber dein ewiges Gemecker macht mich auch unglücklich.“

2. April – Kaffee im Büro

Martin schaute verdrießlich in seinen Kaffee. Die Milch war schlecht und bildete lauter Flocken. Also schlurfte er zum Ausguss und schüttete den Kaffee fort. Dann kehrte er zur Kaffeemaschine zurück. Die Kanne war leer. Er hatte ja den Rest genommen. Also musste Martin neuen Kaffee kochen.

Er nahm die Glaskanne, füllte sie am Wasserhahn, schlurfte zurück zur Maschine, kippte das Wasser in den Behälter. Nur ein bisschen lief daneben und tröpfelte hinter dem Aktenschrank an der Wand herunter. Kaffeefilter waren vorhanden, sogar Kaffeepulver. Also füllte er ordentliche acht Kaffeelöffel in den Filter und noch einen für die Maschine.
Dann schaltete er das Ding an, es machte kurz „Swosch“. Das Licht ging aus, der Rechner fiel aus, nur der Lüfter des Computers drehte noch ein bisschen nach. Es war plötzlich erstaunlich still.

Martin konnte sogar einen Vogel vor seinem Bürofenster singen hören. Auf dem Flur fluchte jemand. Es rumpelte, dann fuhr der Computer wieder hoch, die Lampen leuchteten. Nur die Kaffeemaschine tat keinen Mucks.

Mit Mühe schob Martin den schweren Aktenschrank von der Wand. Dahinter war die Steckdose, der Stecker war an einer Seite schwarz verkohlt, auch die Rückseite des Aktenschrankes hatte etwas abbekommen.

Martin zog mit spitzen Finger den Stecker aus der Dose, nahm die Maschine und steckte sie in den Papierkorb. Die Tüte mit der sauren Milch warf er hinterher.
„Dann also doch in die Kantine“, murmelte er vor sich hin und verließ türenschlagend den Raum.

1. April – Das gute Ende

Als Gerda klein war, da hat sie immer von ihrer Oma gehört: „Mit dir wird es mal ein schlimmes Ende nehmen!“

Was genau dieses schlimme Ende sein sollte, das wusste Gerda nicht. Vielleicht änderte sich das Szenario des schlimmen Endes auch ständig. Aber in jedem Fall prophezeite die Oma fleißig und unablässig das schlimme Ende.

Als Gerda älter wurde, da bemühte sie sich redlich, dieses schlimme Ende zu finden. Sie probierte eine Menge aus. Sie stieg heimlich aus dem Fenster, rutschte die Regenrinne hinab und fuhr mit ein paar Freunden auf dem Moped in die Disko.

Natürlich schwindelte sie über ihr Alter, um eingelassen zu werden, und manchmal war sie auch ganz doll verliebt in einen der Jungen. Aber meistens war das der, der ausgerechnet von ihr nichts wissen wollte. Dann weinte Gerda und fragte sich, ob dies vielleicht das schlimme Ende sei. Aber nein.

Das Leben ging einfach weiter und die Mopeds wurden zu Motorrädern dann zu Autos. Irgendwann da empfahl ihr Lehrer, sie solle doch unbedingt weiter zur Schule gehen, sie sei doch so ein gescheites Mädchen.

Da drehte Gerdas Oma fast durch. Das schlimmste aller schlimmen Enden musste bevorstehen, wenn das Kind wider die göttliche Ordnung nicht in den Haushalt oder in die Landwirtschaft ging, sondern weiter zur Schule. Bildung war Teufelszeug und das hatte bisher noch jedem geschadet.

Als Beispiel führte die Oma immer ihren Bruder Theobald an, der immer seine Nase in die Bücher gesteckt habe und deshalb an der Schwindsucht gestorben sei. Gerda konnte zwar keinen Zusammenhang feststellen, wusste aber aus Erfahrung, dass ihrer Großmutter mit logischen Argumenten ohnehin nicht beizukommen war.

Schließlich erzählte sie der Oma, dass es in der modernen Landwirtschaft unabdingbar sei, einen guten Schulabschluss zu haben. Das leuchtete der Oma dann fast ein und sie reduzierte ihre Weissagung auf ein lediglich schlimmes Ende wie gewöhnlich.

Also durfte Gerda weiter die Schule besuchen. Sie machte als allererstes Mädchen in ihrem Dorf Abitur und anstatt danach endlich in die Landwirtschaft oder einen Haushalt zu gehen, wie es die Oma nun wirklich erwartet hatte, zog das Mädchen in die Stadt und besuchte eine Universität. Der Oma war das völlig unverständlich, das konnte ja nur mit einem frühen Tod enden, wenn ein Mädchen ständig die Nase in die Bücher steckte.

Aber es kam noch viel schlimmer. Gerda arbeitete hart und wurde tatsächlich dank Ihres Fleißes und der finanziellen Unterstützung durch ein Stipendium schließlich eine Ärztin der Medizin.

Sie arbeitete an einem Krankenhaus.
Und die Oma war sich sicher, dass dies nun aber ganz bestimmt zu einem schlimmen Ende führen musste.

Was dort alles für Keime herumschwirrten, diese kranken Menschen, das war doch gefährlich.

Aber Gerda schien das alles mit Links zu meistern. Sie lernte einen netten Mann kennen, bekam zwei Kinder, arbeitete weiter, ließ sich schließlich als praktische Ärztin nieder und führte ein angesehenes und glückliches Leben.

Nun lauerte Gerdas Oma darauf, dass vielleicht die Kinder missrieten oder die Ehe ihrer Enkelin scheitern würde.

Aber nichts, außer den üblichen Wehwehchen fehlte keinem etwas.

Ganz im Gegenteil, Gerda nahm schließlich die Oma zu sich, als sie nicht mehr allein leben konnte und sich nicht mehr allein zurechtfand.

Eines Nachmittags als die erste Frühlingssonne gerade so schön durch das große Fenster im Wohnzimmer hereinschien, da tastete die Oma nach Gerdas Hand und sagte:
„Ach, Du bist so ein gutes Mädchen, das habe ich ja schon immer gesagt. Ende gut alles gut!“

31. März – Antonio Fatalusi

„Guten Tag, mein Name ist Antonio Fatalusi“, sage ich und langweile mich unsäglich dabei. Den ganzen Tag kommt ein Call nach dem anderen rein und ich höre mir die immer gleichen Geschichten an.

„Wo bleibt mein Paket, ich brauche es dringend, es ist ein Geburtstagsgeschenk, mein neues Mobiltelefon, mein Receiver, meine Schuhe,…“ oder „Der Zusteller hat nicht geklingelt, ich war den ganzen Tag zu Hause und jetzt finde ich eine Benachrichtigungskarte im Briefkasten, dass ich die Sendung MORGEN in der Filiale abholen kann, ich brauche das Paket aber HEUTE.“

Und ich gebe die immer gleichen Antworten: „Das tut mir leid, ich nehme eine Laufzeitbeschwerde für Sie auf“ oder „Entschuldigen Sie bitte, so sollte der Zusteller nicht arbeiten, ich werde eine Beschwerde aufnehmen, die an dessen Vorgesetzten weitergeleitet wird.“

Dann diskutieren die Leute meistens mit mir und ich stelle sie mit den immer gleichen Phrasen zufrieden oder auch nicht. Die Hauptsache ist, sie legen schnell wieder auf, denn unsere Durchschnittszeit soll nicht länger als zwei Minuten zwanzig Sekunden dauern. Mehr als sechs Wochen mache ich nun diesen Job und wenn ich mich nicht gerade unsäglich gelangweilt fühle, amüsiere ich mich über die Ironie meiner Lage.

Hier in diesem Call Center ist alles auf ‚Geheimdienst‘ getrimmt. Die Mitarbeiter am Telefon heißen Call Agent. Da ich erst sechs Wochen dabei bin, bin ich ein Junior Agent, meine direkten Vorgesetzten sind die Senior Agents. Es gibt einen Helpdesk und ein Back Office und Special Agents für Premiumkunden.

Lustigerweise bin ich wirklich Geheimpolizist und mein Vorgesetzter, der einfach nur ‚Chef‘ heißt bei uns, hat mir diesen Undercover-Einsatz verschafft, nun ich sollte wohl lieber sagen, aufs Auge gedrückt. Angeblich würden hier in diesem Call Center Aufträge des organisierten Verbrechens telefonisch weitervermittelt, natürlich in einer kodierten Sprache. Aber ich glaube langsam, dass uns da irgendjemand einen Bären aufgebunden hat und die Leute tatsächlich nur wegen langweiliger Pakete anrufen und damit nicht irgendwelche ‚Pakete‘ gemeint sind, also eine Fuhre Drogen, Waffen, Zwangsprostituierte oder Geld aus solch kriminellen Geschäften für die große Wäsche. Und falls es doch solche Anrufe gibt, dann landen die jedenfalls nicht bei mir.

Mein Chef sagt mir: „Hab‘ Geduld Antonio, stell dich vernünftig an, mach‘ dich unentbehrlich, überzeuge sie davon, dass man dir vertrauen kann, finde heraus, wie diese ganze Sache läuft und ich vergesse, wie dumm du dich bei deinem letzten Einsatz angestellt hast.“

Nun ja, das ist der Haken, mein letzter Einsatz. Den habe ich total versemmelt. Ziemlich peinliche Angelegenheit, an die ich mich ungern erinnere.

30. März – Faux Pas

Faux Pas. „Sieht ja aus wie in nem Schwulenladen hier!“, sage ich.

Einen Moment später höre ich sogar durch den plärrenden Lärm der Musik aus meinen Kopfhörern das betretene Schweigen meiner Reisebegleiter.

Mein Blick schweift in die Runde. Ich stelle den Player ab.

Ein Kellner nähert sich beflissen durch die Flucht weiß bedeckter Tische.

Im Eingangsbereich des Restaurants prangt weißer Marmor, davor stehen Nachbildungen von griechischen Nackten. Sie sollen vielleicht Apoll darstellen oder Achill. Wer weiß das schon.

Umrankt werden sie von Efeu aus Plastik.

Der Teppich ist in einem dunklen Blau gehalten und überall zwischen weißem Marmor prangen goldfarbene Mäander. Der Kellner geleitet uns an einen Tisch.

Immer noch schweigend nehmen wir die Speisekarten entgegen und schlagen sie auf. Auch dort zieren nackte Männer die Seitenränder und freien Flächen.

Die Preise sind entsprechend: Marmor und Gold.

Diesmal halte ich den Mund und entschließe mich, keine weiteren Bemerkungen zu machen.