14. Juni – Durchgeknallt

Einfach durchgeknallt, die Glassplitter flogen Karin nur so um die Ohren. Verdammt nochmal, das ging doch nicht mit rechten Dingen zu. Schon die zweite Glühbirne, die explodierte, sobald Karin den Schalter umlegte.

Vielleicht war das jetzt die Rache, weil sie keine Energiesparbirnen eingeschraubt hatte. Zum Glück dämmerte es draußen erst, so konnte Karin wenigstens etwas sehen. Trotzdem stieß sie sich das Knie an der Ecke der großen Eichentruhe. Mist!

Dieses blöde Haus war viel zu groß. Das hatte sie Herbert gleich gesagt. Und alt. Und renovierungsbedürftig. Aber er konnte nicht anders als zuschlagen.

„Für den Spottpreis bekommst du nie wieder so eine Villa mit einem Riesengrundstück“, hatte er gesagt.

Aber Herbert gehörte auch zu den Leuten, die fünfzehn Topfuntersetzer kauften, weil sie im Preis reduziert waren. Ob er den Mist wirklich brauchte, hatte ihn noch nie interessiert.

Und nun war Karin hier allein, eine Glühbirne nach der anderen knallte durch. Bald würde es stockduster sein. Kerzen waren keine im Haus. Die hatte es wohl nicht irgendwo im Angebot gegeben, dachte Karin missgelaunt. So ein Blödsinn. Und der Mobilempfang war hier auch äußerst lausig.

Im nächsten Raum tat sich einfach gar nichts, als sie den Lichtschalter betätigte, war auch kein Wunder, es hing gar keine Lampe an der Decke. Wenigstens war der Raum völlig leer bis auf den zerrissenen und aufgerollten Teppich in einer Zimmerecke. Was suchte sie nochmal hier? Jetzt hatte Karin es vergessen.

Im nächsten Zimmer gab es einen Kamin und eine atemberaubende Aussicht durch ein großes Panoramafenster. Der Himmel schien rosa auf im letzten zarten Blau. Die Schwärze der Nacht kroch ganz langsam näher, aber noch konnte Karin den Park und die Berge in absoluter Klarheit erkennen. Sie trat ans Fenster.

Ohne es zu bemerken, streichelte sie mit ihrer Hand leicht über die Fensterbank aus Marmor. Eine Ricke lief über den Rasen, gefolgt von zwei Kitzen. Einen Augenblick drehten sie die Köpfe in Karins Richtung und schauten sie aufmerksam aus schwarzen Augen an, ihre Ohren leuchteten im letzten Abendrot.

Dann drehte sich die Ricke um und trottete davon, die beiden Kleinen sprangen hinterher.

Karin wandte sich ins Zimmer zurück. Ein schönes Feuer im Kamin wäre sicher nicht schlecht. Mit ein bisschen Farbe hier und da, ein paar neuen elektrischen Leitungen und neuen Teppichen könnte man aus dem Haus vielleicht doch etwas machen.

13. Juni – Der Geborenentest

Wenn du ganz scharf nachdenkst, dann erinnerst du dich bestimmt noch an den Geborenentest, den du vor deiner Zeugung und Geburt absolvieren musstest.

Denn es darf nicht einfach so jede oder jeder im Bauch einer Frau heranwachsen und geboren werden. Eine gewisse Grundeignung wird inzwischen verlangt.

Vor allem in Anbetracht des großen Ansturms von Seelen, die in einen Leib geboren werden wollen. Und für alle Nichtgeborenen hier eine kleine Auswahl aus dem Fragenkatalog, dann könnt ihr schon einmal darüber nachdenken, was Ihr antwortet und ob Ihr nicht doch lieber auf Wolke Sieben bleibt:

„Wie lautet der Name des Planeten für den du dich beworben hast?“

„Wie heißt die Lebensform, für die du dich qualifizieren möchtest?“

„Warum bist du dafür besonders gut geeignet?“

„Was möchtest du lernen?“

„Was möchtest du zum Wohl aller geborenen und ungeborenen Seelen beitragen?“

Und zum Schluß der Warnhinweis:
„Du wirst als Geborener großes Glück erleben. Du wirst alles erreichen und lernen, was du dir hier und jetzt gewünscht hast, aber dies wird auch mit unangenehmen Erfahrungen, Schmerzen und Leid verbunden sein. Bist du dazu bereit diese Eigenschaften des Geborenseins in Kauf zu nehmen? Bist du bereit die große Einsamkeit des Geborenseins kennenzulernen? Wenn ja, unterschreibe unten links.“

Tja, liebe geborene Leserin, lieber geborener Leser, du hast ja schon vor langer Zeit Ja gesagt zum Leben.

Wenn du ganz ehrlich bist, war das doch alles in allem eine richtig gute Entscheidung, nicht wahr?

12. Juni – Der Zwerg

Es war einmal ein Zwerg, der wohnte im Land der Riesen. Dort fühlte er sich immer klein, unnütz und hässlich. Die Riesen verspotteten ihn und machten Weitwurf mit ihm oder steckten ihn in eine Showkanone und schossen ihn damit in einen Riesendunghaufen. Es war ein elendes Leben.

Und der Zwerg jammerte und haderte: „Es ist ja so gemein, was diese Riesen mir antun“. Jeden Tag betete er: „Lieber Gott, rette mich aus dieser gräßlichen Lage!“

Eines Tages hatte Gott ein einsehen. Er nahm den Zwerg und setzte ihn in die Welt der Zwerge. Plötzlich war der Zwerg nichts Besonderes mehr, er war nicht größer, nicht kleiner, nicht schöner, nicht hässlicher als all die anderen Zwerge um ihn herum.

Da begann er sich zu fürchten. Wo waren die Beschimpfungen und Demütigungen, wo die Kanonenschüsse und Weitwürfe geblieben? Welchen Sinn hatte sein Leben jetzt noch?

Also heuerte der Zwerg bei einem Zirkus an, der Zwergenweitwurf zeigte, Zwerge mit Kanonen in Dunghaufen schoss und alberne Zwergenclowns über sich selbst lustig machen ließ. Aber im Zwergenland wollte keiner diesen merkwürdigen Zirkus sehen.

So kehrte der Zwerg in dem Zirkus zu den Riesen zurück und führte nun freiwillig die Nummern auf, mit denen er damals gedemütigt wurde. Aber eines Abends trat er vor seinen Wohnwagen und schaute hinauf zu den Sternen.

Da wurde ihm klar, dass er endlich wachsen musste. So ließ er den Zirkus hinter sich und kehrte nie wieder ins Land der Riesen und Zwerge zurück.

11. Juni – Tierische Gartenparty

Du denkst vielleicht, dass es nachts in Deinem Garten völlig ruhig und gesittet zugeht. Die Vöglein haben sich alle schlafen gelegt, die Würmer räkeln sich endlich unbekümmert in der Erde und sogar die Bienen, Hummeln und sonstigen Flieg- und Krabbeltiere haben sich zur Nachtruhe begeben. Aber in Wahrheit ist es aus einem ganz anderen Grunde so ruhig.

Der kleine Maulwurf hat wie jede Nacht außer montags in seinen Nightclub geladen. Die Grillen spielen auf zum Tanz, die Glühwürmchen leuchten, was die Hinterleiber hergeben und alle Tiere, die tagsüber brav ihren Aufgaben nachgehen, scheren sich einen Dreck um all das, was gemeinhin von ihnen erwartet wird. Die Vögel und die Würmer stehen einträchtig an der Bar und schlürfen einen leicht vergorenen Nektar, die Motten summen zur Musik und die Igel legen mit den Mardern eine kesse Sohle aufs Parkett.

Nur die Schnecken treffen meist zu spät ein, weil sie solange überlegen, ob sie heute als Männchen oder Weibchen kommen. Manchmal dürfen sogar ein paar Hauskatzen mitfeiern. Die sind ja bekannt für ihre Diskretion und Verschwiegenheit. Und wenn er besonders gut gelaunt ist, dann spielt der Maulwurf ein Lied auf seiner Stehgeige und singt dazu.

Meistens ist die Party dann so gegen Mitternacht schon vorbei, manchmal auch erst um drei Uhr morgens. Dann schlafen die Tiere wirklich. Der nächste Tag verlangt ja wieder allerhand tierisches Gehabe von ihnen. In Brehms Tierleben steht darüber natürlich nichts. Für uns Menschen muss schließlich alles seine Ordnung haben. Und daran wird auch nicht gerüttelt.

10. Juni – Lottogewinn

Sergej ist völlig aus dem Häuschen! Seit fast zwanzig Jahren spielt er regelmäßig Lotto und wenn er ehrlich ist, so richtig hat er nie daran geglaubt, dass überhaupt jemals irgendjemand richtiges Geld gewinnt. Aber jetzt, er kann es kaum fassen.

Ludmilla tanzt schon auf dem Tisch. Das große Los, ein Sechser mit Zusatzzahl und Superzahl. Ein paar Millionen werden das bestimmt. Wie gut, dass die Kinder nicht zu Hause sind. Besser wenn die nichts erfahren. Sonst weiß es am Ende jeder und Sergej muss aller Welt Geld schenken oder Geld leihen.

Er möchte diese peinlichen Situationen nun wirklich vermeiden. Aber das Haus können sie abbezahlen, auf einen Schlag. Und es ist genug für das Studium der Mädchen da. Und Ludmillas Mutter kann endlich in eine anständige Wohnung ziehen.

Aber natürlich, alles muss in Ruhe bedacht werden. Ein neues Auto wäre auch schön. Nur die Fragen, die bohrenden Fragen von den Verwandten und Arbeitskollegen.
„Nein, nein. Sei nur vorsichtig, Sergej“, tadelt er sich selbst.

Dann springt Ludmilla vom Tisch auf und holt den Krimskoye aus dem Kühlschrank. Immer noch vor Freude trällernd stellt sie die Sektflöten auf den Couchtisch.

„Los mach auf!“, fordert sie Sergej auf.

„Warum haben wir so teuren Sekt im Haus?“, braust Sergej auf.

„Ach Lieber“, Ludmilla sinkt ihm auf den Schoß, „ich habe doch geträumt, dass es so kommt. Was denkst du? Mach’ dir nicht soviel Gedanken. Es wird alles gut!“

9. Juni – Stacheliger Untermieter

Ein kleiner Igel wohnt zur Zeit in der Katzenkiste von unserem Kater Paul. Die Katzenkiste hatten wir auf die Veranda vom Gartenhäuschen gestellt und wunderbar mit einer alten Matratze ausgepolstert. Durch ein großes rundes Loch konnte Paul prima dort hinein und wieder hinauskommen. Theoretisch.

Leider gefiel Paul diese Zweitwohnung aber aus irgendeinem Grunde nicht. Sogar im tiefsten Winter hatte er sie verschmäht. Kein Wunder also, dass er sie jetzt im Frühling völlig links liegen ließ. Und kürzlich hat Paul einen Untermieter bekommen.

Als ich neulich an der Katzenkiste vorbeikam, schaute mich plötzlich ein kleines spitzes Gesicht mit runden, schwarzen Knopfaugen an. Ich musste zweimal hinschauen, aber dann erkannte ich auch ohne die Stacheln sehen zu können den Igel. Der saß gemütlich in der Kiste und ließ die Welt – in diesem Falle mich – an sich vorüberziehen.

Was Paul zu seinem Untermieter sagt?

„Das ist mir doch völlig miau!“ – natürlich.

8. Juni – Loslassen

Weißt du noch, wie du als Kind Fahrradfahren gelernt hast? Erinnerst du dich noch daran, wie du auf dem Rad saßest, das erste Mal ohne Stützräder. Deine Mutter oder dein Vater lief neben dir her, hielt das Rad durch einen sicheren Griff unter den Sattel stabil, rief dir zu: „Treten, treten, nicht aufhören!“

Und immer, wenn deine Mutter oder dein Vater losgelassen hat, hast du aufgehört zu treten, das Gleichgewicht verloren und bist beinahe umgefallen.

Falls es dein Vater war, der dir Fahrradfahren beigebracht hat, dann war er vielleicht ein bisschen so wie meiner, nämlich ungeduldig.

Warum lernt das Kind so etwas Einfaches wie Fahrradfahren nicht. Dauernd fällt es wieder um, und ich sag doch noch: „Nicht umfallen, nicht aufhören zu treten!“

Aber obwohl er irgendwann wütend wurde und obwohl ich es wirklich schwierig fand dieses Radfahren, nahezu unmöglich, so wollte ich es doch unbedingt lernen.

Also sah ich über meine Angst, die Wut und Ungeduld meines Vaters hinweg und versuchte es weiter – und dann, plötzlich konnte ich es.

Tat es in Wahrheit schon eine ganze Weile, weil mein Vater einfach so außer Puste war, dass er nicht mehr nebenherlaufen und dabei noch unnütze Anweisungen rufen konnte.
Er hat also einfach losgelassen, ohne dass ich es mitbekommen habe. Und als ich es dann merkte, fuhr ich zwar einen kleinen Schlenker vor Schreck, aber ich konnte doch mein Gleichgewicht halten und trat einfach weiter in die Pedale. Ich fuhr ganz allein Fahrrad!

War das großartig!

7. Juni – Urlaubsgeld

Bettina sitzt am Küchentisch und zählt das Kleingeld aus der Mariacron 3 Liter Magnumflasche. Dort wirft sie seit ein paar Jahren alle kleinen Münzen hinein, die sie übrig hat. Manchmal verirrt sich sogar ein Euro dazu. Und wenn die Flasche voll ist, hat sie sich vorgenommen, wird sie von dem Geld in Urlaub fahren.

Heute ist es soweit, die Münzen drohten schon oben heraus zu purzeln, sie hat die Flasche umgekippt und macht jetzt lauter Häufchen mit Eincentstücken, Zweicentstücken, Fünf-, Zehn- , Zwanzig-, Fünfzigcentmünzen, ein bescheidener Stapel Eineuromünzen prangt in der Mitte.

Es dauert elend lange, bis sie alle Münzen fein säuberlich sortiert hat, ein paar alte Centimes und Pfennige wirft sie wieder zurück in die Flasche. Die Zungenspitze zwischen den Zähnen stapelt sie jeweils 10 gleiche Münzen aufeinander. Sobald sie damit fertig ist, steht der Tisch voller Geldstapel. Sie zählt das Geld.

Es sind 9, 86 Euro in Eincentmünzen, 17,02 Euro in Zweicentstücken, 10,55 Euro in Füncentmünzen, die Zehn-, Zwanzig- und Fünfzigcent ergeben zusammen 23,70 Euro und dann hat sie 19 Eineuromünzen.

Na, das wird aber ein kurzer Urlaub!

6. Juni – Sängerwettstreit

Sabine schnürt die festen Schuhe und schleicht sich am frühen Morgen aus dem Haus. Mann und Kinder schlafen. Endlich aufatmen, ein bisschen gestohlene Zeit nur für sie allein.

Hinter dem Haus überquert sie eine frisch gemähte Wiese und läuft über die Feldwege Richtung Wald. Obwohl es so früh ist, wärmt die Sonne sie. Und Sabine ist froh, dass sie Sonnencreme auf Gesicht und Arme aufgetragen hat. Im Schatten des Waldes ist es noch kühl. Und die Vögel singen lauthals um die Wette.

In weiter Entfernung hört Sabine ein „Schuhuhuuuhuuu“, zwei Mal. Aber dann wird es vom Pfeifen und Tirilieren und Jubeln aus allen Richtungen übertönt. Was gäbe Sabine darum, wenn sie die Vögel verstünde.

Vielleicht rufen sie sich zu: „Schaut mal eine Menschenfrau! Was will die so früh hier? Warum stört sie uns? Wer traut sich, ihr auf den Kopf zu scheißen?“

Aber vermutlich, überlegt Sabine, kümmern die Vögel sich kein bisschen um mich.
Sie pfeifen und singen, weil das Leben in ihnen einen Druckausgleich sucht wie bei einem Dampfdrucktopf, weil das Leben immer einen Ausdruck sucht.

Und voller Inbrunst stimmt Sabine ein.

5. Juni – Martas Entschluss

Marta guckte gelangweilt. Was der Lehrer da an die Tafel krakelte, stimmte doch hinten und vorn nicht. Überhaupt waren ihre ganzen Schulbücher hoffnungslos veraltet. Und alles wurde ohne Rücksicht bis zum Erbrechen wiedergekäut, obwohl es schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten widerlegt war. Ihr erschien es sogar lehrreicher vor dem Fenster den Kastanien beim Wachsen zuzusehen oder die Kästchen im Heft mit lauter kleinen Figuren zu versehen.

Ihr Lehrer übersah höflich und in stiller Übereinkunft, dass sie, anstatt mitzuschreiben, nur Zeichnungen anfertigte. Sie hatte in jeder Klassenarbeit die besten Noten. Sie strengte sich nicht an. Das entsprach schlicht ihrem Naturell. Sie dürstete nach Wissen, sie sammelte Fakten, wo immer sie welche aufpickte. Es erfüllte sie mit Freude, Informationen in sich aufzusaugen und miteinander in Verbindung zu setzen bis Kaleidoskope von Erkenntnis erblühten und stets weitere, höhere, tiefere Fragen aufwarfen.

Von klein auf verfügte sie über eine große Bibliothek. Ihre Eltern hatten sie immer in all ihren Interessen unterstützt und so überflügelte sie ihre Altersgenossen mit Leichtigkeit, übersprang erst eine dann zwei Klassen. Aber was hatte es genutzt? Sie langweilte sich weiterhin im Unterricht und wurde von ihren älteren Mitschülern gehasst.

Marta war daran gewöhnt, anders zu sein. Mit der Einsamkeit kam sie klar. Sie störte nur, dass sie trotz all ihrer Intelligenz, bisher keinen Weg gefunden hatte, der Welt ihre eigenen Erkenntnisse mitzuteilen. Marta wurde zwar wie ein Wundertier vorgeführt, angeblich sogar gefördert. Aber sie merkte, dass sie in einer derartig verschiedenen Welt lebte, dass sie sich kaum mit anderen Menschen zu verständigen in der Lage war. Das frustrierte sie.

Marta hörte auf zu zeichnen. Ein Blitz fuhr wie gleißendes Leuchten durch ihr Zentrum und sie fällte eine Entscheidung. Ohne ein Wort packte sie ihre Tasche, stand auf und schritt zur Tür.

„Wo willst Du hin?“, fragte der Lehrer.

Marta blieb, die Hand auf der Klinke, stehen. Tausend Antwortmöglichkeiten schossen ihr durch den Kopf. Alle waren anmaßend und überheblich.

„Ich möchte mir endlich einen Lehrer suchen, der mir noch etwas beibringen kann.“

Betretenes Schweigen. Das Gesicht des Lehrers entgleiste. Die Schüler in der Klasse duckten sich in ihren Bänken und hielten gespannt den Atem an. Der Lehrer schien sich zu fassen.

„Ja, das ist sicher besser für dich“, sagte er mit fester Stimme und nickte Marta zum Abschied zu.

Leise drückte sie die Tür hinter sich ins Schloss und wusste zum allerersten Mal im Leben nichts mehr.

4. Juni – Nie passiert etwas

Doris sitzt am offenen Fenster und beobachtet. Meyers schwarze Katze läuft über Boltes Hofeinfahrt, schnüffelt an ein paar Grasbüscheln, die zwischen den Steinen hervorsprießen, und tappst dann den langen Weg am Haus entlang Richtung Garten.

Jede Katze der Nachbarschaft hat Doris dort schon entlanglaufen sehen. Was sie auf Boltes Grundstück zu suchen haben, ist ihr ein Rätsel. Dann kommt der Peppi mit seinem Einkaufstrolley die Straße hinaufgeschnauft. Er hält an jedem Briefkasten und steckt das Blättchen hinein.

Ein blaues Auto fährt vorbei, das Doris nicht kennt. Ein rotes Auto kommt vorgefahren, stoppt bei Trägers schräg gegenüber. Ein Mann im dunklen Anzug steigt aus, stapft die Treppen zur Haustür hinauf und schellt. Keiner öffnet. Trägers sind beide arbeiten.
Der Mann klingelt erneut, schaut auf seine Schuhspitzen, rückt die Krawatte gerade. Er schreibt etwas auf ein Kärtchen, das er aus der Innentasche seines Sakkos fischt, klemmt es an die Tür und fährt wieder davon.

Es ist ruhig, so ruhig, dass sich eine Rabenkrähe in Sicherheit wiegt und aufgeregt an dem Gelben Sack neben Meyers Mülltonnen zerrt. Eifrig stochert sie mit ihrem Schnabel. Das Plastik ist schon halb aufgerissen, die leeren Verpackungen quillen hervor. Dann schlittert eine Dose laut scheppernd zu Boden. Erschrocken flattert die Krähe davon.

Etwas später kommt der Postbote. Doris sieht ihn schon von weitem die Straße heraufkommen mit seinem gelben Minitransporter. Alle zehn Meter hält er an und verteilt die Post an die zwei oder drei naheliegenden Häuser. Es dauert fast eine Viertelstunde bis er endlich auf der Höhe von Doris‘ Fenster angekommen ist.

Trägers bekommen nur Briefe, Meyers ein Paket, Boltes eine Zahlungsaufforderung. Für Doris hat der Postbote nichts, nicht einmal Reklame.

Der Schmidt aus dem Hegelweg fährt in seinem alten VW vorbei.

Doris stemmt sich hoch, um Mittag zu kochen, Da sieht sie Frau Träger nach Hause kommen und mit vollgepackten Armen umständlich die Haustür aufschließen, dabei flattert das kleine Kärtchen von ihr ungesehen zu Boden.

Doris holt tief Luft, um der Träger zuzurufen.
Aber dann sagt sie sich: „Lieber nicht, die denkt sonst noch, ich hänge den ganzen Tag nur am Fenster herum.“

3. Juni – Menschen stören

Direkt unterm Nistkasten im Schatten des Baumes liegt eine Frau gemütlich auf einer Gartenliege. Manchmal wedelt sie mit der Hand, um ein Insekt zu vertreiben. Aber meistens liest sie nur und merkt kaum, was um sie herum vorgeht. Eine kleine Springspinne verirrt sich in ihren Ausschnitt, sie hilft ihr wieder hinaus und liest weiter.

Drei hungrige Vöglein sitzen im warmen Nest und warten auf Futter. Noch bleiben sie still, aber die winzigen Köpfchen rucken bereits ungeduldig hin und her. Es wird Zeit, dass ein kleiner Wurm vor ihren Schnabel gehalten wird, den sie selig verschlingen.

Wo bleiben denn bloß die alten Vögel? Haben sie die kleinen Vögelchen vergessen? Hat sie die Katze geholt? Nein, sie sitzen in sicherer Entfernung, hinter der Hecke auf einem Baum und lauern darauf, dass die Frau endlich verschwindet.

Die winzigen Köpfchen rucken und zucken immer wilder. Klagende Rufe dringen aus den hungrigen Schnäbeln. Die alten Vögel antworten und flattern aufgeregt in sicherer Entfernung hin und her. Alle schreien laut durcheinander. Die Frau schaut auf. Was lärmen denn die Piepmätze so?

Dann klappt sie das Buch zu, packt ihre Sachen zusammen und verschwindet ins Haus. Die Sonne ist hinter einer dicken Wolke verschwunden, es wird langsam kühl. Die Vögel geben sicher deswegen ein Konzert, vermutet sie.