7. März – Kaninchen sind arrogant

Es war einmal ein großer schwarz-brauner Hund. Der liebte nichts mehr als auf dem Feld den Kaninchen nachzujagen, verlassene Kaninchenbauten auszubuddeln oder wenigstens in Mausegänge seine Nase zu stecken und darin zu wühlen und zu schnüffeln. Natürlich wurde der Hund davon meistens ziemlich schmutzig. Aber seine Herrin störte das nicht weiter. Sie war der Ansicht, dass dies ein guter Zeitvertreib für einen Hund sei.

Eines Tages nun grub der Hund eifrig auf dem Feld. Ein Geruch war ihm in die Nase gekommen von einem leckeren, vielversprechend duftenden Kaninchen. Der Hund malte sich schon aus, wie er das Karnickel über die Wiesen und Felder jagte und es ihm wie sonst auch immer im letzten Augenblick Haken schlagend entkam. Also wühlte und buddelte er, bis er schließlich am Ende des Baus ankam.

Dort saß wirklich ein ganz kleines Kaninchen und zitterte. Dem war gar nicht nach Weglaufen zumute. Es hatte sich ganz in die Ecke gequetscht und starrte dem großen wühlenden Untier entgegen.

Der Hund war perplex. Ein Kaninchen und es rannte gar nicht fort. Was sollte er nun damit anfangen?

Also machte er einen Schritt zurück, plötzlich selbst furchtsam geworden und bellte das zitternde Bündel vorwurfsvoll an. Das drückte sich noch mehr in die Überreste des Baus.
Der Hund sprang aufgeregt um das Erdloch und bellte und bellte. Aber es nützte nichts, das Karnickel fing einfach nicht an zu rennen.

Schließlich ließ sich der Hund erschöpft auf seinen Hintern fallen und kratzte sich mit der Hinterpfote am Ohr. Das Kaninchen schnupperte vorsichtig mit der Nase, sonst rührte es sich nicht. Nachdem sich der Hund genug gekratzt hatte, stand er auf und stolzierte würdevoll nach Hause.

Er hatte keine Ahnung, warum das Kaninchen nicht mit ihm hatte spielen wollen.

6. März – Es tut mir nicht leid

Es tut mir nicht leid, geboren zu sein.

Es tut mir nicht leid, aufgewachsen zu sein.

Es tut mir nicht leid, ein großes Herz zu haben.

Es tut mir nicht leid, alles Leid meines Lebens erfahren zu haben.

Es tut mir nicht leid, alles Glück meines Lebens erfahren zu haben.

Es tut mir nicht leid, all die lauen Stunden meines Lebens erfahren zu haben.

Es tut mir nicht leid, Schmerz zugefügt zu haben.

Es tut mir nicht Leid, Freude bereitet zu haben.

Es tut mir nicht leid, gelernt zu haben.

Es tut mir nicht leid, vergessen zu haben.

Es tut mir nicht leid, Rache geübt zu haben.

Es tut mir nicht leid, Vergebung gewährt zu haben.

Es tut mir nicht leid, die zu sein, die ich bin.

5. März – Karl

Karl saß unschuldig im Knast. Er hatte längst aufgehört sich über die Umstände seiner Inhaftierung, die Schlamperei seines Anwaltes während des Prozesses und die Treulosigkeit seiner Familie aufzuregen.

Stattdessen hatte er nur wenige Wochen, nachdem er seine Zelle bezogen hatte, damit begonnen einen Tunnel in die Freiheit zu graben. Jeden Tag beim Hofgang hatte er den Schutt aus Löchern in seinen Taschen durch die Hosenbeine ausgeleert. Natürlich war das mühsam, aber er hatte Zeit. Und natürlich war das gefährlich, aber er glaubte, keine andere Wahl zu haben. Also buddelte er.

Inzwischen schon über 9 Jahre. Er hatte sich an das Leben im Gefängnis gewöhnt. Manchmal gefiel es ihm sogar. Jedenfalls einige seiner Mithäftlinge waren in Ordnung. Entgegen dem Klischee, behauptete hier keiner von sich, unschuldig zu sein. Die Gefangenen unterschieden sich vor allem darin, dass sie entweder bereuten oder prahlten.

Die mit ihren Taten prahlten, konnte Karl nicht leiden. Mit den Reuigen kam er besser klar. Ein paar davon waren seine Freunde geworden. Trotzdem konnte er es sich nicht erlauben, sie ins Vertrauen zu ziehen. Die Gefahr war einfach zu groß, entdeckt zu werden. Es war schwer genug, die Zellendurchsuchungen zu überstehen, dafür zu sorgen, niemals verlegt zu werden. Ganz davon abgesehen, dass ständig die Gefahr bestand, dass der Tunnel einstürzte. Aber wenn Karl eines war, dann hartnäckig.

Und eines Tages, war es endlich so weit. Nach Einschluss würde er endlich abhauen. Es fiel im sehr schwer, sich wie immer zu benehmen. Innerlich bebte und zitterte er. Es tat ihm leid, dass er niemandem Aufwiedersehen sagen konnte. Nein, er konnte es sich einfach nicht leisten, jetzt einen Fehler zu begehen.

Er arbeitete in der Gefängnisbibliothek und sortierte gerade die zurückgegebenen Bände ein. Routiniert schob er den Rollwagen voller Bücher durch die Regalschluchten, als plötzlich ein Schließer auf ihn zukam. Karl erschrak. Einen Augenblick vergaß er zu atmen. Dann erinnerte er sich daran: Locker bleiben. Also griff er nach dem nächsten Buch und stellte es an seinen Platz.

„Seifert, mitkommen!“, sagte der Schließer nur.

Und Karl ließ alles stehen und folgte ihm. So ein Elend, jetzt hatten sie den Tunnel doch entdeckt. Karl überlegte, ob es irgendeine Chance gab, sich doch noch herauszuwinden. Nein, keine. Diese Entdeckung bedeutete für ihn harte Strafen, Haftverschärfung und er würde niemals wieder Gelegenheit haben, einen Tunnel zu graben. Ein wichtiges Element seines Planes, war es schließlich sich stets gut zu führen, um niemals aufzufallen, niemals in Verdacht zu geraten. Irgendetwas hatte er wohl doch falsch gemacht.

Der Wachmann schloss Karls Zelle auf. Der Schlüssel klirrte laut, die Tür knarrte schwer.

„Los rein da,“ befahl der Schließer, als Karl zögerte. Also ging Karl voran in seine Zelle und stellte sich mit dem Rücken zum Fußende vor seine Pritsche.

„Packen Sie Ihre persönlich Habe zusammen. Sie werden entlassen.“

Karl sackte fast zusammen.

„Was?“

„Machen Sie schon!“

Der Ton war barsch. Karl wandte sich ab. Dann begann er seine Bücher einzusammeln, Briefe, ein paar Fotos und Postkarten. Ansichten von der Welt dort draußen. Seine Hände zitterten. Er hatte gar nichts, wo er die Sachen hineintun konnte. Schließlich wickelte er alles in seinen Sweater und band es mit den Ärmeln zu einem Bündel zusammen, das er sich unter den Arm klemmte.

„Kommen Sie!“, schnauzte der Wachmann.

Der klang immer wütender. Vielleicht gefiel es ihm nicht, jemanden frühzeitig zu entlassen. Ihn ließ schließlich auch keiner raus. Also folgte Karl dem Wachmann dicht auf den Fersen. Einen letzten Blick warf er noch zurück auf die Zelle. Dann trat er in den Gang. Die Tür schlug zu und wurde verschlossen. Der Wachmann führte Karl durch viele Türen und Schleusen ins Erdgeschoss in den Ausgangsbereich. Dort musste Karl kurz warten, dann wurde er von einer resoluten Dame aufgerufen.

Als er ins Büro trat, bat sie ihn, Platz zu nehmen. Sie war sehr höflich und ihre Stimme zwar fest und klar, aber nicht unangenehm.

„Hier sind Ihre Entlassungspapiere! Sie haben vermutlich Anspruch auf Haftentschädigung. Am besten suchen Sie sich einen Anwalt, der Sie in diesem Falle vertritt.“

Und so ging es noch fast eine halbe Stunde weiter. Karl fiel ein, dass die Bücher noch unsortiert auf dem Karren im Gang der Bibliothek standen. Dann war es endlich soweit.
Er hielt seine Papiere in der Hand, hatte seine persönlichen Sachen, seine Straßenkleidung wiederbekommen. Die Sachen schlotterten an seinem Körper. Aber das war ihm gleichgültig. Am schönsten war es, wieder gute Schuhe zu tragen. Er knöpfte sich den Mantel zu, als er vor die Tür trat. Es war kalt. Es roch nach Schnee. Er nahm einen tiefen Atemzug.

Dann ging er fort und blickte nicht mehr zurück.

4. März – Kendra

Als Kendra noch ein kleines Mädchen war, da war die Welt in Ordnung. Sie half ihren Müttern auf dem Feld oder ihren Onkeln im Stall. Und sie spielte mit ihren Geschwistern und Freunden.

Manchmal schlichen sie sich in den Wald, aber das sollten sie nicht, weil es dort für Kinder gefährlich war. Vor allem wenn sie sich nicht mit den Zaubern auskannten, um Wölfe und Bären zu bannen. Kendra lächelte, als ihr einfiel, dass es eine Zeit gegeben hatte, da sie diese Dinge noch nicht wusste und beherrschte. Lange war das her.

Inzwischen war sie die mam’ti, das Familienoberhaupt, wörtlich die Mutter des Hauses – im Langhaus. Das bedeutete viel Ehre aber auch viel Verantwortung. Ihre Aufgabe war es, für die ganze Familie zu sorgen, die Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen. Natürlich berücksichtigte sie die Wünsche und Bedürfnisse der anderen und auch ihre eigenen.

Aber manchmal fragte sie sich, ob sie das Richtige tat. Kerwin, der Bruder ihrer Mutter, der Älteste im Haus seit langer Zeit, schien häufig unzufrieden mit ihr. Kendra wusste einfach nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. Sie wusste, dass es wichtig war, den Mutterbruder zu ehren. Er war natürlich der wichtigste unter den Männern im Haus.

Aber die letztendliche Entscheidung traf nun einmal sie, gleichgültig wie sehr Kerwin sie missbilligte. Er neigte dazu, es Kendra spüren zu lassen, dass er ihre Entscheidungen für falsch hielt. Und obwohl alles gut lief, so gab es doch eins, das er Kendra genüsslich unter die Nase reiben konnte: Die Tatsache, dass sie bisher nur Söhne geboren hatte. Wenn Kendra keiner Tochter das Leben schenken würde, dann wäre die lange Linie der hen’ti, des Hauses ihrer Vorfahren unterbrochen. Natürlich, sie war jung, sie konnte noch viele Töchter bekommen. Nur das Kind, das sie im Leibe trug, war wieder ein Junge. Kendra spürte das. Und sie fühlte, wie angreifbar es sie auf einer Ebene machte, die nur ihren persönlichen Stolz anging.

Denn in Wahrheit wäre die lange Linie der hen’ti nicht durchbrochen. Dann ginge eben die mam’ti-Würde auf die jüngste Tochter ihrer älteren Schwester über. In den meisten Häusern wurde das ohnehin nicht so dogmatisch geregelt. Die Fähigste unter den Töchtern wurde zum Oberhaupt der Familie. Und ja, wäre Kendra nicht fähig gewesen, dann hätte sie niemals die mam’ti werden können. Also, warum regte sie sich eigentlich auf?

Nur ihr Stolz war der Grund dafür. Sie wünschte sich so sehnlich eine Tochter. Aber vielleicht könnte sie ihren jüngsten noch ungeborenen Sohn tauschen mit einem Mädchen aus einem anderen Zweig der Familie.

Aber ihr Stolz ließ diesen Schritt nicht zu. Dann würde es für alle offenbar, dass sie unfähig war. Kendra holte tief Luft. Das war ihre Schwäche. Eindeutig. Ohne diese Schmach hätte Kerwin überhaupt keine Macht über sie. Ihr eigenes Unvermögen nagte an ihr. Und sie fragte sich langsam, warum sie, ausgerechnet sie dieses Schicksal zu tragen hatte.

3. März – In die Blaubeeren

Eines Morgens ging Rebecca in den Wald. Sie wollte dort Blaubeeren pflücken. Sie kannte eine Stelle, an der sie noch wild im Wald wuchsen.

Die Blaubeeren aus dem Wald schmeckten natürlich mindestens eine Million Mal besser als die aus dem Laden und noch viele Trillionen besser als die aus der Tiefkühltruhe. Sie hatte sich einen alten Henkeltopf mitgebracht, um die Blaubeeren sicher nach Hause zu transportieren.

Als sie so auf dem schattigen Waldweg entlang wanderte, schwenkte sie den Topf weit hin und her. Das erinnerte sie an ihre Kindheit.

Damals hätte irgendeine mahnende Stimme gesagt: „Nicht so doll, Rebecca, der Deckel fällt doch runter“. Und dann hätte sie natürlich aufgehört.

Aber heute gab es keine Stimme mehr, die sie mahnte und bevormundete. Höchstens bevormundete sie sich selbst. Doch gerade heute hatte Rebecca gar keine Lust dazu und schwenkte den Topf sogar hoch über ihren Kopf, einfach weil es Spaß machte.

Und der Deckel fiel nicht herunter.

2. März – Wenn ich einmal groß bin

„Wenn ich einmal groß bin, dann werde ich Hubschrauberpilot“, kräht Marcel und brummt mit seinem Spielzeughubschrauber durchs Wohnzimmer.

„Hmmhm“, sagt seine Mutter.

Sie bügelt gerade und schaut dabei eine langweilige Sendung im Fernsehen.

„Oder ich werde Krankenschwester wie Tante Jutta!“

„Klar, schön!“

Die Hemden nehmen heute kein Ende, da liegen mindestens noch fünf im Wäschekorb. Die Mutter seufzt.

„Oder ich werde Müllfahrer und habe auch so eine tolle orange Latzhose!“

Marcel hüpft vergnügt auf das Sofa und springt ein bisschen.

„Runter da, das geht kaputt.“

Also springt Marcel wieder auf den Boden und kriecht schnell unter den Tisch.

„Oder ich werde Höhlenforscher“, tönt er unter der Tischdecke hervor, die fast bis zum Boden hinabreicht.

„Pass auf die Vase auf!“, ruft die Mutter.

Aber es ist schon zu spät, Marcel hat zu stark am Tischtuch gezogen und die Vase ist umgefallen, das ganze Wasser ist mit einem Platsch über den Tisch geschwappt.

„Wenn Du groß bist, dann machst Du mir jedenfalls nicht mehr soviel Ärger!“

„Doch“, schreit Marcel aufgebracht, „wenn ich groß bin, dann mache ich Riesenvielärger!“

1. März – Oma

Meine Großmutter sah überhaupt nicht aus wie eine Oma aus der Fernsehwerbung. Meistens trug sie einen flotten Kurzhaarschnitt, auch als ihre Haare nicht nur grau, sondern schon schlohweiß waren. Meine Großmutter besaß auch nie einen Ohrensessel oder eine Stehlampe.

Aber das hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass sie aus einer Familie stammte, die wir heute bildungsferner Haushalt nennen würden. Noch viel schlimmer. Sie war eines von sieben Kindern und wurde nach dem frühen Tod ihrer eigenen Mutter zu kinderlosen Bauern gegeben. Die ließen sie nicht zur Schule gehen, sondern arbeiten.

Das war Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Regionen Deutschlands anscheinend normal. Die Leute waren arm, Kinder waren zum Arbeiten da, zu schwerer körperlicher Arbeit. Fähigkeiten wie Rechnen, Lesen und Schreiben waren da gar nicht so wichtig.

Also arbeitete meine Großmutter schon als Siebenjährige auf dem Hof, lernte Schweine schlachten, kümmerte sich um den Haushalt, half auf dem Feld. Ein bisschen Lesen und Schreiben lernte sie in der Sonntagsschule. Trotzdem gab ihr später, als sie dreizehn oder vierzehn Jahre alt war eine Schneiderin eine Lehrstelle.

So schneiderte sie später uns Enkeln immer irgendwelche Kleider oder änderte Hosen und Röcke mit ihrer alten Pfaff-Nähmaschine. Ihre zweite Leidenschaft war der Garten, dort konnte sie alles zum Wachsen und Blühen und Früchtetragen bringen.

Sie wusste ungemein viel über Pflanzen und Bodenbeschaffenheit, über Schädlinge und deren Bekämpfung, über Kräuter und Gemüse. Und sie konnte für eine ganze Kompanie kochen. Das musste sie auch häufig zu ihren legendären Geburtstagsfeiern im Juli, zu denen alle aus der Familie kamen und noch ihre Freundinnen aus der Nachbarschaft. Meine Großmutter konnte uns alle versammeln.

Seit sie nicht mehr bei uns ist und niemand ihr Erbe angetreten hat, ist unsere große Familie in alle Winde verstreut. Keiner weiß mehr etwas von dem anderen.

28. Februar – Der Baum

Es war einmal ein großer Baum, der stand ganz allein auf einem Hügel. Um ihn herum gab es nur Wiese und Felsen. Der Baum war groß gewachsen.

Er hatte den Stürmen getrotzt. Seine Wurzeln hatte er tief in die Flanken des Hügels eingegraben. Er hatte sie um die Felsen geschlungen und so Anker geworfen wie ein mächtiges Schiff im Ozean.

Zwei Mal hatte der Blitz in ihn eingeschlagen. Das hatte seine Krone gespalten, aber er war dennoch weiter gewachsen. Und nur wenn man genau schaute, sah man die Narben seines Alters und seines langen Lebens.

So stand der Baum dort auf dem Hügel mächtig und auch ein bisschen einsam. Er konnte nur allein im Wind rauschen und dem Tröpfeln des Regens auf seinen Blättern lauschen. Kein anderer Baum lehnte sich an ihn oder wetteiferte mit ihm um den besten Platz an der Sonne. Nur manchmal flüsterten die Gräser dem alten Baum etwas zu.

27. Februar – Barbara

Barbara wartete und wartete, aber keiner war ihrer Einladung gefolgt. Sie saß am Tisch, der große Bowlekrug gefüllt mit guter Pfirsichbowle, die Becher standen bereit, ein Käseigel, kleine leckere Häppchen, Cocktailwürstchen, sogar Luftschlangen und Tischfeuerwerk hatte Barbara besorgt. Aber die Kollegen und Nachbarn kamen einfach nicht.

Einige hatten sich gleich entschuldigt. Gut, mit deren Kommen hatte Barbara nun wirklich nicht gerechnet. Aber die anderen, der Meier aus der Buchhaltung, Petra aus dem Versand und die Frau Sugorski von unten, die hatten doch gesagt, dass sie kommen.

Barbara hörte ein Auto vorfahren und sprang zum Fenster. Ein grüner Opel, sie kannte den Wagen nicht. Sie schob die Brille zurecht, um besser sehen zu können. Dann sah sie die Sugorski aus dem Haus kommen. Hohe Stiefel, kurzes Röckchen, durchsichtige Bluse, rotmetallic-schillernde Langhaarperücke. Die wollte augenscheinlich zu einer Party. In der einen Hand trug sie eine Flasche Sekt, in der anderen ein kleines quietschrotes, glänzendes Handtäschchen. Fröhlich hüpfte sie die paar Stufen vor dem Hauseingang hinab, öffnete die Beifahrertür und sprang ins Auto.

Barbara konnte ja nichts Genaues sehen, aber vermutlich knutschte die Sugorski den Fahrer erstmal ab. Es dauerte verdächtig lang, bis der Wagen endlich losfuhr. Tja, dachte Barbara, die Sugorski würde wohl nicht mehr kommen. Und der Meier aus der Buchhaltung hatte sicher auch was Besseres vor. Aber dass Petra sie auch so im Stich ließ, das verletzte Barbara dann doch.

Inzwischen war es schon fast halb Zehn. Es würde wohl nicht schaden ein Schälchen Bowle zu kosten. Sie schöpfte sich eine Kelle voll in den Becher. Dann ging sie ins Schlafzimmer und holte ihre große Harlekinfigur und den Teddybären.

Die beiden setzte sie an den Tisch, bot ihnen Bowle an und Käsehäppchen. Natürlich schmeckten sie ihnen auch. Das Tischfeuerwerk war ein bisschen langweilig, es flogen nur buntes Konfetti und ein paar Plastikfiguren heraus. Später dann nach dem dritten Glas Bowle kam richtig Stimmung auf und Barbara legte mit dem Harlekin eine flotte Sohle aufs Parkett. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich lange nicht so gut amüsiert.

„Ach, lieber Teddy“, sagte Barbara „so einen schönen Abend sollten wir uns wirklich öfter machen.“

26. Februar – Was fühlt ein Grashalm, während er wächst?

Was fühlt ein Grashalm, während er wächst?

Kinderfragen, mit großen Augen und ernstem Blick hervorgebracht.

Was kann ich antworten außer Lügen?

Ich kenne keine Untersuchung über die Gefühlswelt von Grashalmen. Von Pflanzen anderer Art vielleicht, da habe ich mal etwas gelesen. Aber Grashalme?

Das sind die Halme, die auf der Streublumenwiese wachsen, fast unverwüstlich. Nur die Schafe besiegen die Grashalme beinahe. Aber eben nur beinahe, die wachsen dann ja wieder, auch wenn sie bis zu den Wurzeln abgenagt und niedergetrampelt wurden.

Vielleicht fühlen sich die Grashalme befreit, wenn sie oben abgenagt werden. Umso leichter schieben sich dann die neuen Halme gegen Himmel.

Aber vielleicht tut es ihnen auch weh und sie wachsen dann voller Wehmut und Trauer im Gedenken an ihre Vorauswachser. Grashalme fühlen sich vielleicht einfach wohl, während sie wachsen. Dazu sind sie schließlich da: zum Wachsen und Gedeihen.

Vielleicht erfreuen sie sich an den Sonnenstrahlen, die ihnen Energie verheißen, und an den Tautropfen, die ihnen Feuchtigkeit spenden.

Aber vielleicht haben Grashalme auch Wachstumsschmerzen oder sie langweilen sich fürchterlich.

Schließlich ist das jeden Tag das gleiche. Merkt so ein Grashalm überhaupt, dass Zeit vergeht? Und was bedeutet das dann für einen Grashalm?

Als Kind willst du noch in die Haut eines jeden Lebewesens schlüpfen, sie von innen betasten und beriechen, merken wie es sich anfühlt irgendetwas zu sein.

Später dann kommst du kaum aus deiner Pelle und vermagst kaum zu verstehen, was deinen Nachbarn dazu bewegen könnte, zu tun, was er tut, zu sein, was er ist.

Dann plötzlich diese großen Augen und die ernsten Fragen. Reißen eine kleine Lücke in Dein fest gefügtes Weltbild. Ja, da war doch noch so viel, was zum Staunen Anlass gibt.

25. Februar – Irina

Eines Morgens packte Irina ihren Rucksack. Sie hatte es sich genau überlegt. Auch wenn es nicht leichten Herzens geschah, so ließ sie doch alles hinter sich: Ihren Lebensgefährten, der weder ihr Talent schätzte, noch mit ihr eine Familie gründen wollte. Ihren Job, der toll war mit netten Kollegen und einem freundlichen Chef. Sogar die Bezahlung war in Ordnung. Sie hatte keinen Grund sich zu beschweren.

Dennoch führte sie dieser Job kein Stück näher an ihr Ziel. Er ernährte sie, er half, ihr die Miete zu zahlen. Jeder normale Mensch wäre glücklich darüber. Aber Irina war eben nicht normal. Also hatte sie gekündigt, hatte ihre Nachfolgerin eingearbeitet. Bei ihrem Lebensgefährten hatte sie das nicht gemacht, aber sie hätte es vermutlich tun sollen. Er schien jemanden zu brauchen, der ihn bemutterte.

Aber auch darauf konnte Irina in Zukunft verzichten. Sie wollte nicht behaupten, dass ihr dies in der Vergangenheit missfallen hatte. Schließlich war sie sich dadurch wichtig vorgekommen, hatte einen Platz im Leben. Nur hatte der nichts damit zu tun, was sie im Leben wirklich wollte. Es war zwar völlig unsicher, ob sie das jemals erreichen würde, was sie wirklich wollte. Vielleicht war aus dem Paradies ein steiniger Garten mit abgestorbenen Bäumen geworden. Sie wusste es nicht, vielleicht scheiterte sie und es ging ihr viel schlechter, als es ihr jetzt ging. Die Möglichkeit bestand.

Das war es, was sie solange hatte zögern lassen. Die Angst davor, dass der Garten Eden gar keiner war. In ihren Träumen, ja, da war er es immer geblieben. Die Realität hatte die unangenehme Eigenschaft den Träumen nicht immer zu ähneln. Die Wirklichkeit nahm ihre eigenen Wendungen und natürlich war auch das größte Glück nicht festzuhalten, selbst wenn sie ihre Ziele erreichen würde, wenn sie sich ihr eigenes Paradies schüfe, so wäre es am Ende doch auch nicht genug. Wie alles eitel war in der Welt. Vielleicht wäre es einfacher, diese Erkenntnis auch so zu akzeptieren.

Aber sie konnte nicht loslassen. Sie musste es erleben. Sie musste es versuchen. Sie musste wissen, wie es sein würde, sich das Paradies zu erobern. Sie musste wissen, ob es wirklich der Garten Eden der Glückseligkeit war oder vielleicht nur ein vernachlässigtes, vertrocknetes Stückchen Erde. Vielleicht konnte sie es zum Blühen bringen. Wer wusste das schon. Es war ein großes Risiko ihr immerhin doch sicheres und sogar gemütliches Leben zu verlassen.

Niemand quälte sie außer ihrer Sehnsucht.

24. Februar – Komm nach Hause Speedy

Marie war traurig. Seit zwei Tagen war ihr Kater Speedy verschwunden. Sie schniefte schon beim Frühstück und auch das Verteilen der Kopien mit Kater Speedys Foto und dem Hinweis auf eine Belohnung half nur kurzfristig, denn jede Minute wurde zur Ewigkeit beim Warten auf eine Reaktion.

Marie wollte auf keinen Fall in den Kindergarten. Was war, wenn jemand anriefe. Und Mama konnte doch jetzt nicht einfach zur Arbeit gehen, wo jeden Moment einer Speedy gefunden haben könnte.

Also rief Mama ihren Chef an und sagte, dass Marie leider krank sei und sie nicht kommen könne. Das war zwar geschwindelt, aber nur ein bisschen. Schließlich war Marie ja wirklich ganz krank vor lauter Sorge und das zählte doch bestimmt genauso wie eine Erkältung mit Fieber und Husten und Schnupfen.

Dann lauerte Marie vor dem Telefon, den ganzen Vormittag über klingelte es kein einziges Mal.

„Vielleicht sollten wir doch nochmal suchen gehen“, schlug Mama schließlich vor.

„Aber das Telefon, wenn einer anruft“, protestierte Marie.

„Ach was, der spricht auf den Anrufbeantworter. Es ist doch nicht zum Aushalten, diese Warterei!“

Also zog Marie ihre Stiefel an und die warme Jacke. Es war nämlich wieder kalt geworden. Und dann ging sie mit Mama runter.

Zuerst schauten sie im Garten unter alle Büsche, im Gartenhäuschen, bei den Mülltonnen und auch beim Komposthaufen. Aber nirgendwo war Speedy zu entdecken. Mama guckte noch einmal in der Garage, dort war Speedy schon mal eingesperrt. Aber nein, dort stand nur ganz still das Auto. Kein Speedy weit und breit.

Mama hatte die Katzenpfeife mitgenommen. Eine laute Metallpfeife mit einem durchdringenden Ton. Normalerweise kam Speedy immer sofort, wenn er die hörte. Auch dann wenn alles Rufen vorher nichts genützt hatte. Und Mama pfiff ein paar Mal. Aber es kam kein Speedy. Marie und Mama gingen also auf die Straße und suchten dort. Oft fing Speedy auf dem Feld Mäuse oder versteckte sich im Schwarzdornbusch drüben am Feldrand. Also gingen die beiden zuerst in diese Richtung. Marie kroch sogar durch den ganzen großen Busch, aber auch hier kein Speedy.

Also dann die Straße entlang in Richtung Dorf. Mama bekam schon Angst, dass Speedy irgendwo am Straßenrand liegen könnte. Aber sie fanden gar nichts am Straßenrand, keinen Speedy noch nicht einmal ein paar alte Dosen. Also gingen sie wieder nach Hause. Marie kontrollierte sofort den Anrufbeantworter.

„Sie haben keine neue Nachricht“, schepperte die Automatenstimme nur. Marie stampfte wütend mit dem Fuß auf.

„Menno, ich will jetzt Speedy wiederhaben“.

Mama guckte nur unglücklich. Dann nahm sie den Wäschekorb, der immer noch im Flur stand. Sie hatte schon gestern waschen wollen. Aber die ganze Aufregung mit dem verschwundenen Speedy hatte sie davon abgehalten.

„Kommst Du mit?“ Marie schielte zum Telefon, aber dann folgte sie doch ihrer Mutter in die Waschküche.

Als sie die Tür aufmachten, lag Speedy zusammengerollt auf der Waschmaschine und schlief. Marie rannte sofort zu ihm und presste Speedy so fest an sich, dass der ganz wild strampeln musste, um frei zu kommen. Dann lief er mit hoch erhobenem Schwanz aus der Tür und drehte sich noch einmal um, als wolle er sagen: „Was ist denn nun?“