18. Mai – Sabine bittet Stella um Rat

Liebe Stella!

Entschuldige bitte, dass ich dir erst jetzt schreibe. Aber ich hatte sehr viel um die Ohren. Vielleicht ist es dir auch schon einmal so ergangen. Kaum ist frau knapp 20 Jahre verheiratet, hat sie manchmal das Gefühl, es könnte auch noch etwas Besseres geben. Und sagt man nicht auch so: Aufhören, wenn es am schönsten ist.

Na, den Tag habe ich wahrscheinlich schon verpasst. Du kennst ja Dieter. Nun zur Sache. Ich konnte dir nicht schreiben, weil ich mich verliebt habe.

Da denkst du jetzt wahrscheinlich. Ui, so ein altes Reff und verliebt sich noch einmal. Nun ja, es ist eben Frühling, wirst du denken, da können so Flirren schonmal aufkommen.
Glaubst du denn liebe Stella, ich hätte mir derlei Vorhaltungen nicht schon selbst zu Genüge gemacht?

Eben. Es hat nur nichts genützt. Ich habe mich einfach verliebt.

Zuerst wies ich mich selbst zurecht, ich olle Frau, zwei Kinder, Mann und Katze zu Hause und verknallt sich dann in ihren – übrigens toll gebauten und auch gar nicht dummen – Qigong-Lehrer. Vor allem sind ja bestimmt alle Weiber in dem Kurs in den Burschen verknallt, dachte ich mir, so wie der ausschaut und wie der nett ist. So zuvorkommend und einfühlsam irgendwie. Aber dann ist was Merkwürdiges passiert.

Die ganze Qigong-Gruppe hat sich an Pfingsten zum Grillen verabredet und da kam er natürlich auch. Und als es dann schon langsam Abend wurde, ich hatte gerade gar nicht an den Qigong-Lehrer gedacht, der heißt übrigens Mark, also nein, ich überlegte gerade, ob Dieter wohl auch daran denken wird Jennifer aus der Disco abzuholen, wie wir es besprochen hatten und ob ich ihn besser nochmal anrufe, da setzte sich Mark neben mich, mit einem Glas Erdbeerbowle für mich in der Hand.

Er fragte mich, was ich beruflich mache, und so kamen wir ins Gespräch. Und schließlich, nach dem zweiten Glas Bowle rückte er damit raus, dass er mich sehr gut leiden könne.
Wow, Stella, da war ich baff. Der Junge ist gerade mal 28! Ob der wohl einen Mutterkomplex hat, habe ich dann vermutet. Aber ich war ja nun selbst rettungslos in ihn verschossen. Da fiel es mir natürlich schwer, einen klaren Kopf zu behalten. Er ist auch einfach zu niedlich mit seinem Grübchen im Kinn und den dunklen Haaren. Immerhin hat er noch Haare!
Du kennst ja Dieter. Es kam also wie es kommen musste.

Und jetzt will Mark mit mir zusammenziehen. Ich würde ja schon gerne. Du erinnerst dich sicher, wie das ist in der ersten Verliebtheit, da erscheint ja alles möglich und rosarot.
Nur, was wird Dieter dazu sagen und die Kinder?

Will ich fast 20 Jahre Ehe wirklich einfach hinschmeißen wegen eines Qigong-Lehrers?
Ach, liebe Stella, was würdest du tun. Bitte antworte mir schnell.

Deine völlig verrückt gewordene Sabine

17. Mai – Mein Leben in der Provinz

Vor fast fünfzehn Jahren hat mich die Liebe aus der großen Stadt in ein kleines Nest am Rande von nirgendwo geführt und dort festgehalten. Für mich als Stadtmensch war es natürlich ein übler Kulturschock mich plötzlich mitten in der so genannten Provinz zu finden. Aber, meine geneigten Leser, Sie werden feststellen, dass so ein Leben in der Provinz nicht nur mit Entbehrungen verbunden ist. Aber es bedurfte natürlich einer gewissen Eingewöhnungszeit, bevor ein Zugezogener wie ich, von den Ur-Einwohnern akzeptiert wurde. Im letzten Jahr hatte ich langsam den Eindruck, es könnte so weit sein. Aber wahrscheinlich verdanke ich diese letztendlich doch freundliche Aufnahme allein dem Umstand, dass ich der Ehemann einer Eingeborenen geworden bin.

Als ich in Walden ankam, um meine Liebste das erste Mal zu besuchen, beging ich sofort einen nahezu unverzeihlichen Fehler. Ich parkte mein Auto beim Nachbarn gegenüber vor der Tür. Das tut man nicht! Ganz anders als in der großen Stadt, wo ich gewohnt war, überall dort zu parken, wo gerade Platz ist – auch mal in zweiter Reihe, mitten auf dem Bürgersteig oder direkt an der Straßenecke, hat mich das Überangebot an freiem Platz derart verwirrt, dass ich einfach in Fahrtrichtung rechts gegenüber dem Elternhaus meiner Liebsten geparkt habe.

Die Mutter meiner Liebsten verzieh mir zwar meine Unkenntnis, ließ sich aber nicht davon abhalten, mir umständlich zu erzählen, wie es sie verwundert hatte, dass dort beim Nachbarn ein unbekanntes Auto stand. Denn es war auch keines der Fahrzeuge, die üblicherweise beim Nachbarn stehen, wenn zum Beispiel seine Kinder zu Besuch kommen oder der Versicherungsvertreter, der die ganze Straße rauf und runter als Kundschaft hatte, außer dem Frantz Ludwig, der war bei der Allianz. Voller Verwunderung hatte sie mit ihrem Mann diskutiert, wessen Fahrzeug es wohl sein könne, bis sie schließlich darauf kamen, dass es sich wohl um mein Auto gehandelt habe und ich mich ja ganz falsch hingestellt hatte. Nun strahlte mich meine Schwiegermutter in spe zufrieden an. Ich wagte es nie wieder, mein Auto vor dem Haus des Nachbarn zu parken.

In den Anfangszeiten verbrachte ich nur die Wochenenden bei meiner Liebsten. Es war immer ein sehr weiter Weg von der Stadt nach Walden. Ab und zu vergaß ich zu Hause irgendeine wichtige Kleinigkeit und musste mir dann von den Eltern meiner Liebsten aushelfen lassen. Allerdings war das auch bei den unmöglichsten Utensilien kein Problem. Der Vater meiner Liebsten schien so ziemlich alles, was man jemals gebraucht hat oder brauchen könnte, in seiner Doppelgarage oder auf dem Dachboden oder im Gartenhäuschen aufzubewahren. Dennoch kam einmal der Tag, als der Keilriemen meines Autos riss und ich dringend einen neuen brauchte. Es gab in Walden natürlich auch eine Art Mechaniker namens „Biene“. Der hatte zwar keine Werkstatt, sondern arbeitete in seiner Scheune, aber er wurde mir als derjenige benannt, der alle Autoersatzteile führe oder doch in kürzester Zeit beschaffen könne. Ich bat also meine Schwiegereltern in spe darum, mir den Weg zu beschreiben.

„Ach, das ist ganz einfach. Du gehst erst mal die Straße runter und dann an der Ecke, wo der Schreiber Lennart früher gewohnt hat – da wohnt jetzt glaub ich der Enkel vom Marie – der Lutz oder Fritz, der beim VW schafft und die Modellflugzeuge baut“

„Nein“ fällt der Papa der Mama ins Wort, „da wohnt doch jetzt der Lumpi, der Sohn von der Hanni, jedenfalls gehste an der Ecke rechts rein. Und dann, wo der Henner Schorsch seinen Garten hat, da gibt’s einen Fußweg. Da geht’s den Berg runner. Beim Danzer Karl gehste links und dann ist es das dritte Haus mit der großen Scheune, direkt neben dem Haus vom Lisbeth.“
„Könnt ihr mir nicht die Straße und Hausnummer sagen?“, wagte ich, zu fragen, und erntete verständnislose Blicke. Straßenschilder sind hier nur für die Auswärtigen angebracht, kein Eingeborener beachtet sie. Ich ließ mich schließlich von meiner liebsten zu „Biene“ führen, von dem ich bis heute nicht weiß, wie er eigentlich mit richtigem Namen heißt. Aber er war mein Retter in der Not und kramte aus seinem unerschöpflichen Vorrat an Ersatzteilen tatsächlich einen passenden Keilriemen hervor. Den zu montieren übernahm dann mein Schwiegervater in spe gemeinsam mit meiner Liebsten. Die bastelte in ihrer Freizeit sowieso gerne an Autos. Ich hatte so was bisher nur irgendwelche Automechaniker erledigen lassen und war für die Hilfestellung sehr dankbar.

Allerdings erschien ich in den Augen des Vaters meiner Freundin nach dieser Episode nicht mehr als so besonders gute Partie. Aber meine Liebste verteidigte mich nach Kräften. Ich sei nun mal ein Stadtkind, da liefe eben alles etwas anders ab. Mit dem Seufzer „er is halt aus der Stadt“ wurde in Zukunft jegliches Fehlverhalten von mir entschuldigt.

Den nächsten, größeren Fauxpas erlaubte ich mir, als meine Liebste und ich bereits zusammengezogen waren. Ich hatte Geburtstag und alle meine Freunde zu einer Feier eingeladen. Es gab statt einer Torte selbst gemachte Windbeutel mit Sahne und frischen Erdbeeren. Da ich ein paar mehr gemacht hatte, kam ich auf die Idee, meinen Quasi-Schwiegereltern zum Kaffee ein paar Windbeutel vorbei zubringen. Völlig unschuldig erzählte ich von meiner Geburtstagsparty und dass ich ihnen ein paar Windbeutel zum Kosten rein reichen wollte. Die wurden auch dankend entgegengenommen. Ich bemerkte nichts Übles. Aber später erzählte mir meine Liebste, ihre Eltern seien tödlich beleidigt gewesen, weil ich sie nicht zu meiner Party eingeladen hatte.

Ich fiel aus allen Wolken. Wer um Himmelswillen lädt denn bitteschön seine Eltern oder Schwiegereltern oder womöglich noch Oma und Opa zu seiner Geburtstagsfete ein? Tja, in Walden tut das jeder. Hier mussten zur Geburtstagsparty auch des pubertierendsten Teenagers auf jeden Fall Oma und Opa sowie die Godel – die Patentante – und auch alle weiteren Tanten und Onkel und sogar Nachbarn eingeladen werden. Natürlich auch ein paar Freunde des Jugendlichen. Manche Leute feiern zweimal, damit die unterschiedlichen Interessen der Gäste nicht allzu sehr kollidieren. Aber es darf niemals – ich wiederhole niemals – darauf verzichtet werden die gesamte Sippschaft zum Geburtstag einzuladen.

Seither feiere ich offiziell keinen Geburtstag mehr. Meine Freunde lade ich natürlich ein, aber sicherheitshalber in eine Kneipe in der nächsten, größeren Gemeinde. Hier verirrt sich selten ein Waldener hin. Und meine Liebste verrät mich zum Glück nicht, sie feiert inzwischen auch keinen Geburtstag mehr.

16. Mai – Auf der Suche nach dem ICH

Auf der Suche nach dem ICH. „Von Natur aus gehörst du auf jeden Fall zu den Einfältigen! Das sieht ein jeder“, der Professor zog mir am Ohr und schaute mit seinem Apparat hinein. „Mmh, mmh“, sagte er dann. „Es ist auch eindeutig, dass da eine Spur, aber nur eine Spur, Weisheit und Güte zu finden sind Tja, interessante Mischung.“

Er ließ mich den Mund öffnen und „Ahhh“ sagen. Der Holzspatel fühlte sich merkwürdig rauh auf meiner Zunge an.

Dann warf der Professor den Spatel in den Müll und tastete meinen Hals ab.

„Mmh, mmh“, hörte ich ihn nur noch in sich hineinbrummen. Also fasste ich mich in Geduld. Irgendwann würde er sicher zu einem Ergebnis kommen und ich wüsste endlich, wer ich wirklich bin.

Schon lange versuchte ich, diese Frage zu beantworten.

Ich hatte in meinen Personalausweis gesehen.

Ich hatte meine Eltern gefragt, meine Geschwister und meine Freunde, schließlich sogar meine Feinde.

Danach war ich so ratlos wie nie zuvor.

Mein Vater sagte, ich sei eine verzogene Göre, der er rechtzeitig Zucht und Ordnung beigebracht hätte, wenn er mal zu Hause gewesen wäre.

Meine Mutter meinte, ich sei ein liebes Mädchen, das ein wenig zu sehr im Wolkenkuckucksheim schwebe, aber sonst sehr umgänglich und hilfsbereit.

Mein Bruder sagte, ich sei eine elende Nervensäge gewesen, solange wir noch Kinder waren. Aber inzwischen könne er mich gut leiden.

Meine Schwester habe mich gehasst, weil ich so ein Chaot sei, nie könne ich Ordnung halten, auf meinem Schreibtisch hätten sich immer die Schulsachen und Bücher und Schreibpapiere gestapelt. Aber auch sie könne mich inzwischen gut leiden. Was ich auf meinem Schreibtisch veranstalte, interessiere sie ja nicht mehr.

Meine Freunde sagten, ich sei eine gute Zuhörerin und immer für sie da.
Meine Feinde sagten, ich sei eine blöde Ziege, die arrogant und unfreundlich sei und nicht, bis drei zählen könne.

Und ich selbst?

Tja, ich schaute mir selbst zu, war mal blöde Ziege, mal gute Zuhörerin, Chaotin, Nervensäge, liebes Mädchen, verzogene Göre und noch tausenderlei mehr.

Was davon war nun das berühmte ICH, von dem immer alle sprachen.

So kam ich auf die Idee, einen Professor zu fragen.

Der müsse so etwas ja wissen, dachte ich mir. Und deshalb stand ich jetzt frierend in meiner Unterwäsche und harrte der Beurteilung.

„Mmh, mmh“-Professor Bartelberg war mit seiner Untersuchung inzwischen am Ende angelangt und schnarrte: „Du kannst Dich wieder anziehen.“

Als ich aus der Kabine zurückkehrte, war der Professor verschwunden. Nur sein Assistent wartete noch auf mich.

Was denn nun mit dem Ergebnis sei, fragte ich.

„Wird zugeschickt“, kam es lapidar zurück.

Und nun warte ich.

Vielleicht rufe ich inzwischen die Auskunft an.

Vielleicht wissen die ja, wer ich bin.

15. Mai – Ein Lied

Wenn ich ein Lied schreiben müsste, handelte es von – wow, das ist gar nicht so einfach. Ich weiß nur, wovon es garantiert nicht handeln wird: Von der ewigen Liebe zwischen Mann und Frau (oder Frau und Frau, Mann und Mann).

Könnt Ihr das ehrlich noch sehen und hören.

Immer dieses Geseier und Gewimmer: Oh, sie liebt mich nicht, uh, sie liebt mich doch. Ich gehöre zu dir oder du zu mir.

Und überhaupt: Ist das die einzige verdammte Erfüllung im Leben, außer vielleicht noch Einkaufen und Nachlesen, wie man ihn/sie glücklich macht?

Hallo, Gehirnwäsche!

Wenn ich ein Lied schriebe, dann handelte es davon, dass es viele Wege gibt, glücklich zu sein.

Wenn ich ein Lied schriebe, dann handelte es von Aufbruch und Hoffnung, von dem Abenteuer das GANZE Leben zu erfahren und in sich aufzunehmen.

Es handelte schlicht und ergreifend davon, wie schön es ist am Leben zu sein. –
Oh, das gibt’s schon…

14. Mai – Mathilde schnarcht ein wenig

Mortimer stellte den Fernseher lauter. Dieses lärmende Schnarchen von Mathilde war nicht mehr zu ertragen. Jetzt grunzte sie laut, drehte sich um und schnorrte in einer anderen Tonart. Beim Einatmen pfiff es so merkwürdig.

Kein Lautsprecher der Welt würde dieses unerträgliche Geräusch aus Mathildes Rachen übertönen.

Mortimer stöhnte.

Er hatte es mit Stupsen versucht.

Der Erfolg war Mathildes Wechsel in die Rückenlage und lautes Bärenschnarchen.

Dann war ihm beim Besprengen der Braunlilien ganz aus Versehen etwas Wasser aus der Blumenspritze in Mathildes Richtung entglitten.

Sie drehte sich auf den Bauch. Das Schnarchen klang danach wie unterirdisches Donnergrollen.

Dann der Fernseher. Mortimer konnte kein Wort verstehen, aber Mathilde drehte sich wieder und schnarchte einfach weiter.

Was sollte er noch versuchen?

Also gut, er schaltete den Fernseher ab. Er schloss die Tür zum Wohnzimmer, durchquerte das ganze Haus. Am entlegensten Ende des Flures lag sein Arbeitszimmer. Er ging hinein, schloss sorgfältig die Tür.

Mathilde schnarchte. Eindeutig.

Vielleicht übertönte das Lüftergeräusch des Rechners endlich dieses fürchterliche Schnarchen.

Aber nein, der Computer war ein ganz neues, flüsterleises Modell und somit völlig ungeeignet Mathildes Geräuschpegel zu übertönen.

Dann half nur Musik.

Er legte Beethoven auf, Eroica. Zumindest die lauten Passagen übertönten das Schnarchen am anderen Ende des Flures.

Mortimer atmete tief ein. Ruhe senkte sich in sein Herz.

Mit einem lauten Krachen flog die Zimmertür auf.

„Musst du so einen Lärm machen? Da kann ja kein Mensch schlafen. Nie lässt du mich in Ruhe mein Mittagsschläfchen halten“, füllte Mathilde drohend den Türrahmen.

„Mein Liebes! Tut mir leid, wenn ich dich gestört habe. Ich mach’ schon leise.“ Er drehte am Regler fast auf null.

Mathilde knurrte nur und wankte hinaus in Richtung Küche, den Teekessel aufsetzen.
Verdrießlich schaute Mortimer aus dem Fenster.

Immerhin war es jetzt wieder angenehm ruhig.

Vielleicht würde er sich morgen trauen, Mathilde auf ihr Schnarchen anzusprechen.
Er betrachtete seine Fingerspitzen.

Darauf wetten würde er allerdings nicht.

13. Mai – Georg und seine Hanni

Georg saß wie jeden Morgen am Frühstückstisch und las Zeitung. Er schlürfte an seinem Kaffee, wartete auf seinen Toast. Und wartete, und wartete.

„Hanni, Hanni!“, rief er schließlich in Richtung Küche. „Wo bleibst Du denn?“

Aber nichts keine Antwort. Das kam Georg nun aber doch merkwürdig vor. Umständlich faltete er seine Zeitung wieder zusammen, legte sie neben seinen Teller und strich sie noch einmal glatt. „Hanni!“, rief er noch einmal laut. Vielleicht ließ sich die Anstrengung des Aufstehens ja doch noch vermeiden.

Aber nein. Nichts zu hören, weder aus der Küche noch sonst irgendwoher aus dem Haus. Es war in der Tat verdächtig ruhig. Also wuchtete sich Georg mühsam aus seinem Stuhl und ging in die Küche. Leer. Niemand da. Auch der Toaster war nicht eingeschaltet. Also wirklich. Dann vielleicht im Bad. Georg öffnete die Tür. Nichts.

„Hanni!“ Weiter ins Schlafzimmer. Die Betten waren ordentlich gemacht und leer. Georg schaute auch hinter die Tür. Nein, auch hier keine Hanni. Bügelzimmer. Fehlanzeige. Keller. Georg machte nur die Tür auf und rief hinunter. Da kein Licht eingeschaltet war, konnte Hanni ja schlecht dort unten sein. Hatte er irgendetwas vergessen.

Musste Hanni vielleicht heute zum Arzt? Georg ging rüber in die Garage. Das Auto war aber noch da. Merkwürdig. Wo war denn Hanni bloß. Das gab es doch nicht. Seine Frau konnte doch nicht einfach so verschwinden. Schließlich ging Georg wieder ins Esszimmer. Irgendwann musste Hanni ja wiederkommen.

So saß er da, ab und zu strich er seine Zeitung noch einmal glatt und schaute auf die Uhr. Kurz nach zwölf klingelte es an der Tür. Georg öffnete. Eine junge Frau stand dort, sie hatte einen Kasten aus geschäumten Kunststoff in der Hand. Freundlich lächelnd drängte sie sich an Georg vorbei.

„Hallo, Herr Schneider! Wie geht’s Ihnen denn heute?“

Die Frau ging durch den Flur ins Esszimmer, stellte den geschäumten Kasten auf den Tisch, öffnete ihn und holte eine Aluminiumschale heraus.

„Oh, heiß! Passen Sie dann auf beim Essen, gell!“

Die Frau packte den Kasten unter den Arm und ging wieder hinaus in den Flur, an Georg vorbei, der ihr verwirrt nachblickte.

Dann schlug die Tür zu und Georg war wieder allein. Er setzte sich.

Ach, Hanni hatte ihm ein Fertiggericht gemacht. Sie musste heute bestimmt in die Klinik. Das war’s. Genau.

Er zog den Aluminiumdeckel von der Schale. Vorsichtig, die Schale war heiß.
Das roch gut, natürlich nicht so gut, wie das Essen, das Hanni selbst kochte.

Georg begann zu essen. Nachher, wenn Hanni wieder kam, würden sie gemeinsam Kaffee trinken wie immer.

Vielleicht brachte sie ein paar von den Buchteln mit, die er so mochte.

12. Mai – Freischwimmerin

Freischwimmerin. Das ist aber verdammt hoch, wenn man oben steht. Svenja schaut erschrocken in die Tiefe. Von unten wirkte das gar nicht so schlimm. Vielleicht sollte sie lieber wieder … Sie schaut sich um. Die Schlange hinter ihr ist lang. Die Anderen stehen schon auf der Leiter, zwei sogar direkt hinter ihr. Alle blicken sie ungeduldig an.

„Spring doch endlich!“, hört Svenja von hinten rufen. Sie versucht, mit den Zehen den vorderen Rand des Sprungbretts zu umfassen. Es wippt so unangenehm bei jeder Bewegung. Sie spürt die Blicke von hinten. Die letzten Springer vor ihr sind längst zum Beckenrand geschwommen und herausgesprungen. Ohne Zweifel haben sie sich wieder unten angestellt. Svenja holt tief Luft. Sie dreht sich nicht mehr um.

Dann nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und macht den letzten Schritt. Sie versucht sich ganz schmal zu machen, hält die Arme ganz eng am Körper. Mit einem harten Aufprall durchschlägt sie die Wasseroberfläche, das gechlorte Wasser schießt ihr scharf in die Nase und schlägt über ihr zusammen. Luftblasen steigen um sie herum auf. Svenja lässt sich wie ein Sektkorken einfach wieder nach oben schießen.

Kaum ist sie einen halben Meter weggeschwommen, spürt sie den Einschlag des nächsten Springers. Dann das sanfte Hineingleiten eines Kopfspringers. Atemlos erreicht sie den rettenden Beckenrand und klammert sich fest. Schließlich zieht sie sich aus dem Wasser, geht zu ihrem Handtuch und wischt sich damit das Wasser aus dem Gesicht. Dabei prustet sie.

„Hätt’ ja nicht gedacht, dass die Oma sich traut!“, hört sie neben sich eine junge Mutter ihrer Freundin zuzischen.

Da dreht Svenja sich um: „Ich habe sogar vor nächste Woche den Freischwimmer zu machen. In meiner Jugend hatte ich leider keine Zeit dazu.“

Die beiden jungen Frauen schauen sich betreten an.

„Äh, ich…“

Aber Svenja hört gar nicht mehr zu und geht in Richtung Dusche davon.

11. Mai – Das Tribunal

Das Tribunal tritt zusammen. Die Vorsitzende schlägt mit einem schweren Hammer auf den Tisch, die Mitglieder hören auf zu tuscheln. Ruhe kehrt ein. Die Delinquentin steht gefesselt zwischen zwei Wachen vor dem Halbrund der Richtenden.

„Was eigentlich wird mir vorgeworfen?“

Die Honoratioren beginnen wieder zu flüstern.

„Unerhört!“

„Das habe ich erwartet!“

„Unwürdig!“

Die Delinquentin schaut gespannt die Vorsitzende an. Die müsste ihr doch wenigstens eine Antwort geben. Aber die hat die Nase in den Akten vergraben, blättert und liest still für sich.
Schließlich haut sie wieder mit dem Hammer auf den Tisch.

„Ruhe, Ruhe, bitte!“

Dann liest sie das Urteil vor. Es ist hart. Einzelhaft auf unbestimmte Zeit.

„Aber wofür, wofür?“, ruft die Delinquentin.

„Nun tut sie so!“

„Das weiß sie doch ganz genau!“

„Seht sie Euch an!“

„Jämmerlich, einfach jämmerlich!“

Die Vorsitzende schlägt drei Mal mit dem Hammer.

„Ruhe, Ruhe jetzt!“

Mit einer ungeduldigen Handbewegung scheucht sie die Delinquentin aus dem Saal. Die Wachen führen sie hinaus. Dort nehmen sie ihr die Fesseln ab und schubsen sie aus dem großen Tor. Laut krachend schlagen die großen Torflügel hinter ihr zu.

Frierend zieht die Delinquentin ihre dünne Jacke über der Brust zusammen und geht langsam, sich mehrmals umwendend die Straße hinunter.

10. Mai – Expertin

Molly war Expertin. Sie zog das Schwert aus der Scheide und zerschnitt mit ihm in großen, ausladenden Bewegungen die Luft, dass es leise pfiff. Sie wog es in der Hand, betrachtete es von allen Seiten genau.

„Wieviel?“

„Das ist ein echt antikes Schwert aus der Zeit von…“ Molly schob das Schwert mit einer brüsken Bewegung zurück in die Scheide und legte es fort.

„Binden Sie mir keinen Bären auf“, fuhr sie den Händler an, „ich kann ein echt antikes Schwert von einer schlechten Fälschung durchaus unterscheiden. Wenn Sie das als Replika anbieten, okay. Aber erzählen Sie mir keine Lügen!“

Der Mann zog den Kopf ein.

„Aber, ich, also…“

Molly ließ ihn einfach stehen. So ein Blödmann! Leider gab es hauptsächlich nur Schrott hier auf der Messe. Schade, dabei hatte sie doch gerade einen Extra-Bonus bekommen, den sie gerne in ein erstklassiges Stück investieren würde. Es musste ja nicht einmal echt antik sein. So hoch war ihr Bonus auch wieder nicht. Aber es sollte wenigstens authentisch gearbeitet sein.

Und dann sah sie es: Ein „Al Fuego“, handgeschmiedet, originalgetreu nach dem Schwert von Fernando Santiago Emilio de Salazar Fuentes aus dem 13. Jahrhundert gearbeitet.

Voller Ehrfurcht starrte Molly in den raffiniert ausgeleuchteten Schaukasten. Der Verkäufer beachtete sie nicht. Ihr übliches Schicksal. Niemals glaubte irgendein Händler, dass Molly zu kaufen beabsichtigte. Wahrscheinlich dachten alle, die kann noch nicht einmal mit einem Kartoffelschäler umgehen. Dabei konnte sie das im Gegensatz zu den meisten anwesenden Herren ebenso erstklassig wie mit dem Schwert kämpfen.

Sie seufzte leise, als sie das Preisschild entdeckte. Das überstieg ihren Bonus um ein Vielfaches, obwohl es nur ein Nachbau war. Aber eben von „Al Fuego“, dem Meister unter den Schmieden, die noch mittelalterliche Schwerter originalgetreu arbeiteten. Molly riss sich los. Aber nach diesem Anblick konnte sie keines der anderen ausgestellten Schwerter mehr beeindrucken.

Trotzdem zwang sie sich, erst die komplette Messe abzulaufen bevor sie wieder zum „Al Fuego“ zurückkehrte. Einfach großartig. Die Verzierung an der Parierstange war hervorragend gearbeitet. Schließlich sprach sie den Händler an. Der zog die Augenbrauen hoch, fummelte aber dann nach dem Schlüssel und öffnete die Vitrine. Ehrfürchtig wog sie das Schwert in der Hand. Es war wunderbar ausgewogen, wie für sie gemacht. Mit großem Bedauern legte sie es schließlich wieder zurück. Der Händler schaute sie an, sagte aber nichts. Molly bedankte sich und ging zum Ausgang.

„Ich muss ja nicht alles haben“, sagte sie zu sich.

9. Mai – Julchen

Julchen weint und schreit. Mama kommt herein, schaltet das Deckenlicht an.

„Was ist denn?“

Julchen kann nicht antworten, sie weint nur noch mehr und klammert sich an ihren Kuschelhasen. Mama geht an Julchens Bett und nimmt sie in den Arm.

„Hast Du schlecht geträumt?“

Julchen schnieft und wimmert und nickt in Mamas Pullover. Die streichelt Julchen jetzt ganz zart über den Rücken.

Nach einer Weile erzählt Julchen: „Ich war ganz allein im Wald und die Monster hinter mir her!“ Sie schluchzt wieder. „Und dann bin ich in den Abgrund gefallen.“ Mama schaut Julchen eine Weile an.

„Versuch doch mal“, sagt Mama, „Dich umzudrehen und die Monster zu fragen, warum sie Dich verfolgen. Dann merkst Du, dass sie vielleicht gar nicht so wilde Monster sind.“
„Aber dazu habe ich viel zu viel Angst“.

„Nein, nein, das kommt Dir nur so vor. Angst ist dazu da, dass Du flüchtest oder kämpfst. Und wenn Flucht nicht hilft, dann musst Du kämpfen. Und es ist ja nur ein Traum. Wenn die Monster dann immer noch böse sind, dann könntest Du einfach wegfliegen. Im Traum geht das. Ich bin sicher, die dusseligen Viecher können das nicht. Und wenn doch, dann überlegst Du Dir etwas Anderes. Ich bin ganz sicher, dass Dir was einfällt.“

Da guckt Julchen Mama mit großen Augen an. Dann wischt sie sich die letzten Tränen aus den Augen und lächelt Mama an. „Jetzt schlaf schön!“

Julchen gibt Mama einen Kuss und kuschelt sich wieder ins warme Bett. Wenige Augenblicke später ist sie schon wieder eingeschlafen. Mama geht auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und löscht das Licht.

„Außerdem kannst Du mich auch zu Hilfe rufen im Traum. Ich komme ganz schnell!“, flüstert sie noch und schließt die Tür hinter sich.

8. Mai – Picknick

Picknick! Max fand dieses Gezwitscher der Vögel zum Kotzen. Wer zur Hölle war darauf gekommen, das für romantisch zu halten? Außerdem flog hier ständig Ungeziefer herum, Mücken und Fliegen und Wespen und so ein Zeug. Wirklich schrecklich. Und konnte man zu einem Picknick keine Stühle und einen Tisch mitbringen?

Was war das für eine Unsitte hier so am Boden zu sitzen und mehr schlecht als Recht von irgendwelchen Plastiktellern zu essen.

Nein.

Das gefiel Max überhaupt nicht. Vor allem weil er viel lieber zu Hause geblieben wäre und weiter „World of Warcraft“ gespielt hätte. Das konnte er hier draußen ja leider nicht. Erstens gab es weit und breit keinen Hotspot und zweitens war es auch besser, wenn seine Eltern nicht so genau wussten, was er an seinem Computer so machte.

Dann ginge gleich wieder das Gemecker los. Solange sie glaubten, dass er den Computer hauptsächlich für die Schule brauchte, würden sie ihm das Ding auch nicht wegnehmen.
„Noch ein Hühnerschenkelchen?“, fragte Theresa, Max’ Mutter.

Er schüttelte den Kopf. Wenigstens hätte ja sein Vater ein Bier rausrücken können. Aber nichts da. Max konnte hier den ganzen Nachmittag rumhängen und Gänseblümchen zählen.

„Was macht denn so die Schule?“, fragte dann zu allem Überfluss noch Franz, sein Vater.
Dann zählte Max lieber Gänseblümchen, anstatt so eine dämliche Unterhaltung zu führen.

„Wie läuft’s denn an der Arbeit“, antwortete Max kühl.

„Jetzt aber nicht streiten“, sagte Theresa schnell, „es ist doch so ein schöner Nachmittag!“
Max und Franz schauten sich kurz an und beide schluckten ihre Worte hinunter.

Es war ja schließlich so ein schöner Nachmittag.

7. Mai – Wege der Erleuchtung

Jürgen suchte Erleuchtung. Er hatte am Meditationszentrum mitgebaut und er meditierte inzwischen jeden Morgen und jeden Abend mindestens eine Stunde lang. Natürlich war er Vegetarier. Die meisten Wochenenden verbrachte er im Meditationszentrum und belegte Kurse oder machte ein Retreat. Manchmal hielt er abends selbst Vorträge. Mit anderen Worten er war selten zu Hause.

Seine Frau Dagmar hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass Jürgen unbedingt erleuchtet werden wollte. Und sie wusste, dass er längst davon träumte einen echten langjährigen Retreat mitzumachen. Irgendwo auf einem Berg in einer abgelegenen Hütte nichts weiter zu tun, als zu meditieren. Dagmar verstand nicht so sehr viel von diesem ganzen spirituellen Kram.

Aber sie fand Jürgen ziemlich egoistisch und wusste nicht, was das alles mit Erleuchtung zu tun haben sollte, wenn er seine Familie im Stich ließ, wenn er es Dagmar überließ, sich um die Kinder zu kümmern und für das nötige Kleingeld zu sorgen.

Natürlich hatte Jürgen keine Zeit, sich um solche profane Dinge wie Arbeit oder Familie zu kümmern. Er beschäftigte sich lieber damit sich in bedingungsloser Liebe zu allen Wesenheiten zu üben. Dagmar fand, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, an dieser Lebensweise, wenn diese Übungen dazu führten, dass die Liebe zu ihr und zu ihren gemeinsamen Kindern darüber längst erloschen war.

Auch wenn Jürgen in seiner Familie kein besonders großes Ansehen genoss, so war dies in der spirituellen Gemeinschaft im Meditationszentrum doch ganz anders. Und viele hielten ihn für jemanden, der auf dem Pfad der Erleuchtung bereits weit vorangeschritten war.
Aber dann geschah eines Tages etwas Merkwürdiges. Ein Mann tauchte im Zentrum auf. Er wirkte ein bisschen schmuddelig in seinen dunklen Jeans, den schweren Stiefeln und der schwarzen Lederjacke. Seine Haare waren einmal schwarz gewesen und nun mit einigen grauen Strähnen durchzogen.

Als er ins Zentrum kam, nickte er den Leuten, die vor der Meditationsstunde draußen zusammenstanden und gewichtige Unterhaltungen führten kurz zu. Dann ging er als Erster in den Andachtsraum ohne sich die Stiefel auszuziehen und setzte sich nach vorn auf das auf einem Podest etwas erhöht liegende Meditationskissen.

Jürgen sollte die heutige Abendmeditation anleiten. Aber als er auf den Mann zuging, noch unentschlossen, wie er ihn vertreiben könnte, schlug der bereits die Klangschale an. Die anderen strömten in den Raum, schauten zwar verdutzt und unsicher von Jürgen zu dem Unbekannten. Aber schließlich setzten sich alle auf ihre Kissen und fielen in die einleitende Rezitation mit ein.

Nur Jürgen stand noch, fühlte sich etwas verloren. Da schaute ihn der unbekannte Mann durchdringend an. Und obwohl ihm kein einziges Wort über die Lippen kam, hatte Jürgen das Gefühl, seine Stimme ganz deutlich in seinem Kopf zu hören.

Und diese Stimme sagte ihm: „Jürgen, geh’ nach Hause. Du findest keine Erleuchtung, indem Du Dich vor dem Leben und vor der Liebe und vor der Verantwortung versteckst.“

„Aber…“ Jürgen stand der Mund offen, seine Arme hingen hilflos hinab. Er schaute fassungslos von dem Unbekannten zu den Meditierenden am Boden.

„Geh!“, sagte die Stimme noch einmal und da setzte sich Jürgen langsam in Bewegung und ging nach Hause.