24. November – Etymologie

Ein Blick ins etymologische Wörterbuch kann mir mit seiner Etymologie den ganzen Tag verhageln. Wie interessant es auch immer ist die Herkunft der Wörter unserer Sprache zu verstehen und zu durchdringen. Bei der Herleitung des einen oder anderen Wortes läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.

Zum Beispiel bei dem Wort ‚glauben‘. Das lässt sich nachweisen aus dem Althochdeutschen ‚gilouben‘ und hat tatsächlich mit dem Laub zu tun. Hergeleitet aus dem Locken von Tieren mit einem Büschel Laub in der Hand, bedeutet es vertrauen, vertraut machen bzw. ursprünglich handzahm machen.

Einer, der glaubt, ist also einer, der auf das Laubbüschel in der Hand des anderen setzt, im schlimmsten Falle hineinfällt. Einer, der sich einfangen lässt, locken lässt, mit der Gier nach Futter verführen lässt. Glauben hat also mit der Aufgabe von Autonomie zu tun. Glauben bedeutet, ich überlasse anderen, mich zu nähren – sie haben die Oberhoheit über mein Leben, meine Gedanken, meine Entscheidungen.

Selber denken und sich selber vertrauen, auf die eigenen Erfahrungen hören wird aus Gründen der Bequemlichkeit aufgegeben. Sobald ich glaube, bin ich handzahm geworden und folge somit den Interessen eines anderen. Irgendwie erschreckend. Oder?

23. November – Vergeben und vergessen

Unsere Gehirnzellen ebenso wie unsere Seele sind auf Vergessen programmiert. Wir wollen und sollen uns nicht an jede Kleinigkeit erinnern.

An das Schöne, Wahre, Gute erinnern wir uns fast immer gern. Aber auch die Erinnerung an das Hässliche, Verlogene, Böse kann uns lieb sein. Schließlich gibt es keine bessere Methode um alte Feindschaften zu pflegen und uns dennoch auf der Seite des Rechts zu fühlen. Wenn wir schon hassen dann mit Grund.

Aber welcher Grund gilt? Betrogen worden zu sein, belogen worden zu sein, geschlagen und verletzt worden zu sein, missachtet und gequält worden zu sein? Ist es nicht dennoch unsere Verantwortung zu verzeihen und aus dem Kreislauf von Wut und Zerstörung auszubrechen. Einem Opfer mag dieser Schritt leichter fallen als dem Täter.

Denn ein Opfer leidet spürbar, der Täter verbirgt sich im schlimmsten Falle hinter Rechtschaffenheit, aber auf jedem Fall hinter dem Gefühl von Macht und Stärke, das ihm seine Taten verschafft hat. Ein Opfer verbirgt sich nur hinter seinem Leiden. Das ist unangenehm und grausam. Darüber hinauszuwachsen ist die Chance zum Leben.

Denen zu vergeben, die nicht um Vergebung bitten, die halsstarrig an der Richtigkeit ihrer Taten festhalten, die sich jeglichem Mitgefühl verweigern. Das wird uns Überlebenden abverlangt, um zum Leben zurückzukehren. Mögen wir dankbar für die Gnade der Vergebung sein, die wir die Macht haben zu gewähren.

22. November – Ruhe im Sturm

Ruhe im Sturm, Ruhe in der Hektik des Alltags. Wenn das Blut vibriert und jede einzelne Zelle im Körper vor Aufregung zappelt, dann ist, Ruhe finden, eine hohe Kunst.

Ein langer Spaziergang ist toll, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Am besten am Meer oder auch im Wald. Nur macht das wenig Freude, wenn es wie gerade stürmt und schneit. Sich einfach hinsetzen und auf den eigenen Atem konzentrieren, nichts denken – es zumindest versuchen nichts zu denken, das geht fast immer.

Wenn die Zeit nicht wieder davonläuft und das Große „Ich-Muss-Noch“ uns antreibt und treibt und vor sich herjagt bis wir mit hängender Zunge und völlig entkräftet niedersinken. Und doch von Ruhe und Entspannung meilenweit entfernt, weil die Zellen immer noch zappeln und rufen und das ganze Adrenalin einfach nicht loswerden.

Kein Wunder, dass wir uns spätestens an Weihnachten mit der halben Verwandtschaft zerstreiten müssen. Irgendwo muss es ja hin, das ganze Hormongemisch. Nimm es lieber mit in den Fitnessraum, in den Wald, schrei gegen den Wind, wirf ein paar Heuballen durch die Gegend.

21. November – Ver-flixt

Das Ver- kroch eines Morgens aus dem Bett und setzte sich vor das -schwitzt. Und schon war klar, wie es sich fühlte: Verschwitzt.

Laut gähnend wankte es in die Küche, kratzte sich am Bauch und goß sich dann eine Tasse Kaffee ein. Erst dann schaute das Ver- auf die Uhr und stellte fest, dass es sich schon wieder hoffnungslos verspäten würde.

„So ein Mist!“, fluchte es und schüttete den Kaffee so schnell hinunter, dass es sich die Zunge verbrannte.

„Verdampt“, lallte es mühsam und rannte zum Wasserhahn, um die Verbrennung zu kühlen. Das war aber auch ein verflixter Tag. Das Ver mochte es viel lieber sich zu verlieben oder die Verwandschaft zu besuchen. Am besten verkroch es sich wieder ins Bett und verschlief wenigstens gründlich. Jetzt kam es ohnehin nicht mehr darauf an.

20. November – Genug Zeit

Niemals habe ich genug Zeit. Keine Ahnung, wo die eigentlich immer ist, wenn ich sie brauche. Kaum versuche ich, sie zu ergreifen, rennt sie schon wieder vor mir davon.
Letztens versuchte ich sogar, ein bisschen Zeit im Internet zu ersteigern. Aber die scheint so knapp zu sein, dass sie freiwillig keiner hergibt. Ich konnte jedenfalls kein einziges Angebot finden.

Zeitmesser gibt es dafür zuhauf. Damit kann ich mich inzwischen totschmeißen. Ich habe Dutzende davon. Die meisten allerdings funktionieren nicht mehr so richtig. Uhren sind nämlich der letzte Mist. Mehr Zeit konnte ich aus denen jedenfalls nicht herausholen.

Dabei habe ich alles versucht. Als Erstes die Zeiger blockiert, um die Zeit anzuhalten. Das kümmert die leider gar nicht. Die Zeit läuft auch ohne tickende Zeiger lustig weiter. Egal ob Sanduhr, Sonnenuhr, Digitaluhr. Ich habe sie alle auf jede erdenkliche Weise manipuliert. Die Zeit konnte ich damit nicht austricksen. Die läuft und läuft.

Neulich hat mir eine ältere Nachbarin einen Tipp gegeben: Wurzelbehandlung. Die wirkt immer. Da würde ich Augen machen, wie eine Wurzelbehandlung die Zeit dehnt. Eine Unterhaltung mit Frau Bolte hätte ungefähr die gleiche Wirkung. Und wenn mir das immer noch nicht ausreiche, dann solle ich mal eine Vorlesung von Professor Zeh besuchen. Dem gelinge es mühelos, die Zeit ins Unendliche zu verlängern.

Wurzelbehandlung gut und schön, aber wie soll ich die Tastatur bedienen, während ich den Mund aufreiße. Aber die Vorlesung vom Professor klingt richtig super. Nächste Woche probiere ich das aus. Vielleicht schaffe ich so in einer Stunde mein ganzes Tagespensum und habe dann sogar noch ein bisschen Zeit zum Lesen.

19. November – Eine Entscheidung treffen

Heute traf ich beim Bummeln in der Innenstadt eine Entscheidung. Die war wirklich sehr schick, hatte eine richtig tolle Frisur, modische Kleidung und erschien sehr vertrauenserweckend. Ich lud die Entscheidung auf einen Kaffee und Bagel ein. Die ließ sich nicht zwei Mal bitten. Das muss ich leider sagen. Mit der guten Kinderstube war es bei ihr also nicht so weit her.

Schließlich haben wir doch alle das gekonnte Sich-Zieren in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit eingeübt. Bei der schicken Entscheidung davon keine Spur. Die bestellte gleich den größten und teuersten Kaffee und noch ein Mineralwasser dazu, außerdem den exklusivsten Bagel, der sich auftreiben ließ. Klar, ich hatte ja versprochen zu zahlen. Nicht, dass ich besonders geizig wäre. Aber die Kinderstube eben, die Manieren. Mir wurde da doch etwas mehr Zurückhaltung beigebracht.

Na gut, Schwamm drüber. Aber das war dann so der erste Anlass, warum es mir so ein klein wenig unbehaglich wurde mit dieser Entscheidung. Hätte mir nicht eine andere über den Weg laufen können? Vielleicht nicht so up to date, mehr so gediegen, womöglich schon ein klein wenig angestaubt, dafür aber solide und bescheiden.

Ach, es ging nämlich gerade so weiter mit der tollen Entscheidung. Zuerst phantasierte sie mir das Rot und Grün von den Weihnachtsdekorationen herunter, dann log sie dreist, dass sich die Stuhlbeine bogen. Es wurde insgesamt recht ungemütlich in dem kleinen Coffeeshop, mit grauer, trister Weihnachtsdeko und Säbelbeinen am Stuhl, die jeden Augenblick unter mir zusammenbrechen drohten.

Beinahe wäre die Entscheidung noch mit zum Essen zu mir nach Hause gekommen, aber das konnte ich gerade noch abwenden, indem ich eine wichtige Verabredung vorschützte.
Also wirklich, habt Ihr eigentlich auch solche Probleme mit Entscheidungen?

18. November – Oberste Regel für Pfadfinder

Das ist die oberste Regel für Pfadfinder. Jeden Tag ein guter Gedanke. Ein Gedanke, der nicht auf den alten Pfaden bequem dahinschreitet, sondern der sich frei in die Lüfte erhebt, sich mutig durchs Dickicht schlägt, waghalsig die Steilwand erklimmt oder unerschrocken die Tiefe des Meeres erkundet.

Jeden Tag nur ein solcher Gedanke. Das würde vielleicht schon ausreichen, um die Welt zu verändern. Zumindest meine Welt, meine Wirklichkeit. Möglicherweise wirkt das nach und nach auf alle mit mir verbundenen Seelen. Wer weiß das schon so genau.

Vielleicht kann einer dieser Gedanken wie der Flügelschlag eines Schmetterlings sein, der auf der anderen Seite der Erde einen Orkan auslöst. Nur dass ich lieber Gedanken hätte, die Millionen von Schmetterlingen mit den Flügeln schlagen lassen, die Millionen von Menschen in Freudentränen ausbrechen lassen, die Millionen von Blumen erblühen lassen.

Trotzdem – jeder Gedanke muss gedacht werden dürfen. Auch die, die Stürme und Feuer und Elend bewirken. Genauso wenig wie der unschuldig seine Flügel gebrauchende Schmetterling Schuld auf sich lädt, weil er fliegt, kann ich Schuld auf mich laden, weil ich denke. Schließlich tun wir beide, der Schmetterling und ich, nur das, wozu wir hier sind.

Ja, ich denke. Ja, ich schlage den Flügel. Flapp.

17. November – Gregor

Gregor war ein wahres Glückskind. Er tat immer nur das, was er wollte, und niemals das, was er musste. Am frühen Morgen schrillte sein Wecker. Kurz nach fünf. Da sprang Gregor aus dem Bett und dankte dem Wecker für seine zuverlässigen Dienste.

Oh wie schön, in der Küche brodelte bereits die Kaffeemaschine. Die hatte Gregor mit einer Zeitschaltuhr versehen. So stieg ihm der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase, wenn er sich auf den Weg ins Bad machte.

Dort angekommen strahlte er sich selbst im Spiegel an.

„Guten Morgen“, rief er und dann rasierte er sich. Nach einer kurzen heißkalten Dusche rieb er sich trocken, zog sich an und ließ sich in der Küche sein Frühstück schmecken. Danach nahm er seine Mappe, schlüpfte in seine Jacke und verließ die Wohnung.

Frau Meier von gegenüber ging gerade mit ihrem Hund Max Gassi. Sie schaute verdrießlich, grüßte Gregor aber, als er ihr fröhlich einen schönen Tag wünschte. Später an der Arbeit addierte Gregor lange Zahlenkolonnen, füllte Formulare aus und erstellte einige Gutachten.
Seine Kollegen stöhnten und meckerten. Das Wochenende war noch so fern, die Arbeit so langweilig, das Wetter zu heiß oder zu kalt, zu trocken oder zu nass. Der Ehepartner war blöd, die Kinder dumm und sie selbst in einer schrecklichen sie niemals loslassenden Tretmühle gefangen.

„Och“, sagte Gregor da, „mir macht die Arbeit Spaß.“

Da schauten ihn alle komisch an, verdrehten die Augen. Der Priepke zeigte ihm hinter seinen Rücken einen Vogel.

„Warum sollte ich sie sonst machen?“, fragte Gregor entrüstet.

15. November – Rufe der Kraniche

Aufgeregte Schreie dringen durch das gekippte Fenster. Zuerst traue ich meinen Ohren kaum. Doch dann kommen sie immer näher die lauten Rufe der Kraniche.
Hoch oben am Himmel ziehen sie in keilförmigen Formationen dahin. Ans Meer. Tränen laufen mir die Wangen hinab, während ich auf dem Balkon stehe und den Kranichen hinterher schaue.

Eine Runde drehen sie jetzt. Vielleicht warten sie noch auf ein paar Nachzügler oder überlegen, ob es einen Landeplatz gibt. Aber hier in der Nähe gibt es keinen See, noch nicht einmal einen Teich, der ihnen gefallen könnte. Also ziehen sie weiter. Ein großes V, ein kleines V und rufen unablässig.

Wenn ich sie nur verstehen könnte. Wenn ich nur wüsste, was sie rufen. Manchmal kommt es mir so vor, als müsste ich nur noch ein klein bisschen genauer zuhören. Dabei die Worte vergessen, all das, was ich zu wissen glaube, beiseitelassen und plötzlich könnte ich Kranichesisch und Spinnisch und vielleicht sogar Bäumisch.

Dabei fällt es mir schon schwer genug meinen Kater zu verstehen. Und er macht es mir leicht, redet überdeutlich mit mir wie mit einer Schwachsinnigen. Katzen sind ja berühmt für ihre Geduld und Toleranz.

12. November – Ethik im Alltag

Ethik im Alltag. Eine übergewichtige Dame betritt ein Ladengeschäft. Ein kleines, etwa sieben Jahre altes Mädchen läuft kurz vor ihr in den Gang zwischen den Produktregalen. Dort stellt sich das Mädchen so neben seine Mutter, dass für die Frau kein durchkommen mehr ist.

Die Mutter nimmt das Mädchen am Arm und sagt: „Geh mal zur Seite“.

Als die Frau vorbeigegangen ist, flüstert das Mädchen laut hörbar seiner Mutter zu:
„Die ist aber dick. Richtig fett.“

Die Mutter macht „Psssschht!“ und läuft rot an.

Die dicke Frau tut, als höre sie nichts und geht einfach weiter. Kaum ist sie um die nächste Ecke verschwunden, schnappt sich die Mutter das Mädchen und zischt:
„Sowas sagt man nicht, verstanden?“

Das Mädchen schmollt. „Die war aber wirklich dick. Ehrlich.“

„Aber man sagt nichts Negatives über fremde Leute, wenn sie dich hören können.“

„Achso, später darf ich das sagen? Im Auto?“

Die Mutter druckst herum. „Nein, sowas sagt man gar nicht.“

„Aber warum? Du sagst doch immer ich soll die Wahrheit sagen.“

„Natürlich, natürlich“, die Mama beginnt zu schwitzen, „aber zwischen Wahrheit und Lügen liegt immer noch das Schweigen. Einfach mal den Mund halten. Das gehört sich so. Oder findest du das toll, wenn dir in der Schule wer hinterherruft: ‚Die hat aber blöde Klamotten an‘?“

Das Mädchen überlegt eine Weile.

„Ich verstehs trotzdem nicht. Wenn die doch fett war, warum soll ich das nicht sagen?“

„Weil…, weil ich dir das sage. Und jetzt Schluß!“

Die Mutter nimmt das Mädchen entschlossen an der Hand und führt sie mit sich zur Kasse.

11. November – Ein fünfblättriges Kleeblatt

Habt Ihr schon einmal ein fünfblättriges Kleeblatt gefunden? Nun ja, ich schon. Vor einer Woche erst habe ich mein erstes Vierblättriges entdeckt und ausgerupft. Natürlich zu Hause dann gleich ein Beweisfoto geschossen.

Als ich das dann meinen Freundinnen zeigte, hat mich eine meiner lieben Freundinnen doch tatsächlich verunsichert. Sie fragte mich, ob vielleicht auf dem Feld alle Kleeblätter vierblättrig gewesen wären.

Da ich ja bisher noch niemals ein vierblättriges Kleeblatt gefunden hatte und dort praktisch auf den ersten Blick gleich eines entdeckt hatte, kam mir der Gedanke überhaupt nicht abwegig vor. Und glaubt mir, ich habe ihn meiner Kindheit und Jugend verzweifelt nach den seltenen Kleeblättern Ausschau gehalten. Also konnte es doch gut sein, dass irgendein ähnlich verzweifelter nun vierblättrige Kleeblätter züchtet.

Heute bin ich noch einmal auf meinem Spaziergang an dem kleinen Kleefeld vorbeigekommen. Und nein, es handelt sich wirklich um meistenteils völlig herkömmlichen Klee mit drei Blättern. Bis auf ein Kleeblatt, das war fünfblättrig. Ich habe es mitgenommen. Und natürlich gleich ein Beweisfoto geschossen.
Jetzt frage ich mich nur, was hat denn nun ein fünfblättriges Kleeblatt zu bedeuten? Noch mehr Glück? Der verwendete Dünger sollte mal von einer staatlichen Stelle auf genverändernde Substanzen untersucht werden? Oder ganz etwas anderes? Kennt sich jemand damit aus?

Jedenfalls habe ich erst einmal beschlossen, das Kleeblatt als ein Zeichen dafür zu sehen, dass ich bereits im reinsten Glückszustand lebe. Worüber kann ich mich beschweren – außer so den üblichen Kram, der bei genauer Betrachtung gar nicht so wichtig ist. Dem seltenen Kleeblatt habe ich erst einmal Wasser gegeben, es steht in einer Vase auf meinem Schreibtisch. Es leidet sicherlich schon genug darunter, dass ich es einfach so ausgerupft habe. Ihm hat seine Besonderheit jedenfalls kein Glück gebracht.

10. November – Der Sturmteufel

Es war einmal ein Sturmteufel, der hasste seinen Beruf. Immer sollte er den Wind anstacheln, nur ja ordentlich heftig zu wehen, die Gräser zu peitschen, die Bäume zu krümmen und die Häuser zum Wackeln zu bringen.

Dann blähte sich der Wind und wütete und stürmte. Dachziegel fielen herunter und zersprangen in tausend Stücke. Äste krachten auf die Straße und trafen manchmal sogar ein Auto oder einen Menschen. Und die Blätter flogen besonders in der Zeit der Herbststürme wehr- und hilflos durch die Lüfte davon, sammelten sich in den Ecken, wo sie raschelnd liegenblieben.

Der Sturmteufel aber hatte das gründlich satt. Stets musste er seine Zeit im Sturm verbringen, den er ständig herbeizureden, zu flüstern, anzustacheln hatte. Dabei sehnte er sich so sehr nach den linden Lüften des Frühlings, nach den warmen Sommerwinden, die sanft über die Felder strichen und die Bäume zum Singen brachten. Ach und er sehnte sich noch mehr nach Ruhe, nach Stille. Denn die fand er niemals. Immer umgab ihn das Tosen des Sturms.

Da beschloss er, seinen Job hinzuschmeißen. Sturmteufel hatten auch ein Recht auf freie Berufswahl und auf eine eigene Meinung sowieso. Wer wollte ihn zwingen, seiner Bestimmung nachzukommen. Wenn das überhaupt seine Bestimmung war. Nur weil er als Sturmteufel geboren war, hieß das doch noch lange nicht, dass er in seinem tiefsten Herzen nicht doch ein Lüftchenflüsterer war oder ein Wasserkräusler oder ein Blumenleuchter. Ja, solche Geister gibt es nämlich alle.
Als der Sturmteufel nun seinen Posten verließ, hörte der Sturm urplötzlich auf. Die Wolken lösten sich und die Sonne lugte hervor. Ein paar Tiere wagten sich vorsichtig hervor und blickten sich staunend um. Sie raunten sich zu: „Der Sturmteufel ist fort.“ Viele freuten sich und lachten, aber die Eule und der Iltis wiegten bedächtig die Köpfe. Sie hatten Erfahrung. Sowas ging doch niemals gut aus.

Der Sturmteufel aber tauschte seinen Aufgabenbereich mit einem Wasserkräusler, der diesen bedächtigen und nach Genauigkeit verlangenden Beruf ebenfalls gründlich satthatte. So fand letztendlich doch alles wieder seine Ordnung, und der Iltis und die Eule konnten aufhören, mit dem Kopf zu schütteln.